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Auflösung

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Auflösung

Ganz ähnlich seien seine Ländereien am Roten Meer beschaffen, sagte Ramses IX., im Grunde handle es sich um unfruchtbare Einöde, nein, Tourismus habe es zu seiner Zeit nicht gegeben, das Leben existiere nicht, damit der Mensch sich vergnügen könne.

Er verstummte und blickte hinaus auf das Wasser.

Was das für ein furchterregendes Geschöpf sei, fragte er, das dort sein Unwesen treibe, welch gigantisches Haupt recke es aus dem Wasser, und ob, indes er auf eine Fluke wies, das etwa die Schwanzflosse sei, ihm könne ängstlich werden angesichts derartiger Leviathane. Er bezweifle, daß seine Soldaten den Mut aufbrächten, hier Segel zu setzen, sagte er, und verwundert nahm er die schmale Schaluppe wahr, die am Strand lag.

Er befinde sich hier in einer abgelegenen Lagune, erklärte ihm der Ausguck, es herrsche subtropisches Klima und lasse sich aushalten.

Unter normalen Umständen, sagte Thimbleman, würden sie dem Wal nachsetzen, man könne in der Ojo de Liebre ertragreiche Beute machen, aber einige Männer hätten sich beim Fang verletzt, deshalb habe Scammon eine Pause angeordnet.

Pause, wiederholte Ramses IX. nachdenklich, er hoffe inständig, daß es bei der Pause bleibe, die im Tal der Könige entstanden sei.

Tal der Könige, fragte Thimbleman.

Er sei der letzte Pharao gewesen, erklärte Ramses IX., der in der thebanischen Nekropole bestattet worden sei, anschließend sei eine Pause eingetreten, die Zustände seien unerträglich gewesen, er habe einen Prozeß gegen die Grabräuber anstrengen müssen, weil der Diebstahl überhand genommen habe, die hohe Priesterschaft selbst sei involviert gewesen, der Klerus sei zu allen Zeiten von Vetternwirtschaft belastet, mafiöse Zustände machten sich breit, die Hierarchie der Pharaonen sei brüchig geworden, zu guter Letzt hätten Aufstände im einfachen Volk die Ordnung gefährdet.

Ein Prozeß gegen Korruption, fragte der Ausguck.

Die Gier des Menschen sei unersättlich, sagte Ramses IX. Das Grab Ramses X., meines Thronfolgers, wurde nie fertiggestellt, es besteht aus drei hintereinander liegenden Gängen, die insgesamt fünfzig Meter tief in den Felsen führen. Von der originalen Ausstattung blieb nichts erhalten, und die von den Grabräubern der ›Moderne‹, oder wie diese sich gern nennen: Archäologen, aufgefundenen Objekte sind vermutlich durch starke Regenfälle eingespült worden. Die Wandmalereien des Grabes sind stark beschädigt, die Mumie wurde nie gefunden. In meinem eigenen Grab, einem ebenfalls in den Boden getriebenen mehrteiligen Korridor, der zur Grabkammer führt, lassen die Relikte und die Ausstattung erkennen, dass es zum Tag meines Todes nicht fertiggestellt war, die ausstehenden Arbeiten wurden eilig und mit geringer Sorgfalt zuende gebracht.

Symptome des Zerfalls, konstatierte Thimbleman kühl.

Gewiß, räumte Ramses ein, die überkommene Ordnung kollabierte endgültig während der Regentschaft Ramses XI., Aufständische in Theben und im mittleren Reich besetzten und plünderten Tempel, über sechs Monate herrschten chaotische Zustände, eine Pause, ergänzte Ramses, ein Übergang.

Ob man das, zweifelte Thimbleman, zurecht eine Pause nennen könne.

Hier in der Ojo de Liebre, sagte der Ausguck, bei unserem Walfang, das sei eine Pause, es herrsche Ruhe, man sammle neue Kräfte.

Muße, ergänzte Thimbleman.

Darüber zu urteilen stehe ihm nicht zu, entgegnete Ramses, aber dieser unsäglich schmerzhafte Übergang zu einer neuen Dynastie, der einundzwanzigsten, sei quasi ein Interregnum, eine Pause zwischen den Dynastien, anfangs mit offenem Ende, gewiß, man wußte weder ein noch aus, die Ordnung der Ramessiden war aufgelöst.

Klar, sagte der Ausguck und lachte, wer wisse schon vorher, wie es weitergeht. Welch schräger Vogel, dieser Ramses. Suchte er etwa Zuflucht auf der ›Boston‹?

Ob das Interregnum nicht ebenso für den Walfang gelten müsse, wandte Thimbleman ein.

Der Ausguck stutzte. Das Ende der Fangpause, sagte er, sei absehbar.

Tagelang werden wir hingehalten, werden vertröstet, sagte Thimbleman, und habe nicht Termoth erwähnt, daß seinen Männern auf der ›Marin‹ allmählich die Geduld ausgehe.

Er wolle sich nicht einmischen, sagte Ramses, vom Walfang verstehe er nichts, doch keine Pause dauere endlos, und allgemein folge eine Zivilisation auf die vorhergehende, die ägyptische Antike kenne zahlreiche Dynastien, und daß jede Zivilisation wieder abgelöst werde, sei ein unumstößlicher Vorgang, vielleicht sogar daß sie aus den Fehlern der Vorgänger lerne, denn keine Krise sei so bedrohlich, daß Grundfesten des Lebens gefährdet seien.

Grundfesten des Lebens, wiederholte Thimbleman und überlegte, was damit gemeint sei.

| WOLF SENFF

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