Wenn die Haustür zur unüberwindbaren Grenze wird

Jugendbuch | Ludovic Lecomte: Hundertsiebenundachtzig Tage

Schuhe an, Jacke schnappen, Tür auf. Ein Handgriff, den wir tausendmal machen, ohne nachzudenken. Doch was, wenn die eigene Haustür plötzlich zur unüberwindbaren Grenze wird? Eine Angststörung, bei der die Furcht so intensiv auftritt, dass sie den Alltag und die Lebensqualität massiv einschränkt, ist für Außenstehende oft schwer vorstellbar. Ludovic Lecomte macht genau dieses beklemmende Gefühl in seinem Buch greifbar. Von ANDREA WANNER

Ein Junge sitzt auf einem Bett und stützt grübelnd den Kopf in die HandDer 16-jährige Ich-Erzähler steckt in einer solchen Angststörung fest. Irgendwann im Herbst konnte er plötzlich nicht mehr zur Schule gehen. Seine Eltern hielten es zunächst für pubertäre Unlust – doch tatsächlich steckte weit mehr dahinter: Panikattacken, Übelkeit und die absolute Unfähigkeit, diesen einen Schritt vor die Tür zu tun. Er bleibt zu Hause und macht schlichtweg gar nichts. Er hört keine Musik, spielt nicht am PC; der Tag vergeht in völliger Tatenlosigkeit. Und so verläuft auch der nächste Tag. Und der übernächste.

Was ist los mit ihm? Seine Eltern sind ratlos und begreifen schnell, dass die Aufforderung, er solle sich »einfach zusammenreißen«, ins Leere führt. Auch seine Freunde verstehen ihn nicht – und er selbst sich am allerwenigsten.

Hilfe findet er schließlich bei einer Psychologin, die er nie zu Gesicht bekommt, mit der er aber regelmäßig spricht. Sie stellt die Diagnose und sucht mit ihm gemeinsam einen Weg aus der Isolation. Unterstützung findet er zudem im Internet: In einem Forum schreibt er sich alles von der Seele. Dort antwortet ihm Manon – ein Mädchen, das dasselbe durchgemacht hat.

Lecomte, ein Grundschullehrer aus der Normandie, nutzte ein Sabbatjahr zum Schreiben dieses Romans. Er lässt den Jugendlichen tastend nach Worten suchen, um das Unbegreifliche verständlich zu machen. 187 Tage verbringt er eingesperrt in einem unsichtbaren Gefängnis. Und dann ist er da: der Tag X, den er sich für einen mutigen Versuch ausgesucht hat. Ein Schritt vor die Tür, ein Schritt zurück in die Normalität.

In diesem Buch packt jeder Satz. Man spürt beim Lesen das Herzklopfen und die Versuche, ruhig zu atmen. Atemlos folgt man dem Rückblick auf diese unglaubliche Zeit und kann nicht anders, als dem Jungen die Daumen zu drücken. Man fühlt mit seiner Mutter, die ihn mit Fürsorge überschüttet, und mit seinem Vater, der sich unzählige Dinge einfallen lässt – vom gemeinsamen Filmeschauen über Bücher bis hin zur Ukulele –, um die Zeit sinnvoll zu füllen. Man hofft mit den Freunden, die sich Mühe gaben, bevor sie in ihr eigenes Leben zurückkehrten, und mit Manon, die er nach unzähligen Briefen endlich persönlich treffen will.

Lecomte erzählt eine Geschichte, fragil wie ein dünnes Spinnennetz, voller Tücken, Ratlosigkeit, Ängsten und Hoffnungen. Er ist ganz nah dran an dem, was eine psychische Erkrankung ausmacht. Zitate und eine Playlist am Ende laden dazu ein, dem beschriebenen Gefühl noch näher zu kommen – und darauf zu vertrauen, dass es einen Ausweg gibt.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Ludovic Lecomte: Hundertsiebenundachtzig Tage
(La cabane, 2024). Aus dem Französischen von Nadine Püschel
München: Mixtvision 2026
112 Seiten. 14 Euro
Jugendbuch ab 14
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Schweigen

Nächster Artikel

Käferkräcker und Quakulele: Zuviel Ballast für kleine Hüpfer

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Chinesisch für Anfänger*innen: mama huhu

Jugendbuch | Mette Eike Neerlin: Pferd, Pferd, Tiger, Tiger Das chinesische Sprichwort mama huhu, übersetzt Pferd, Pferd, Tiger, Tiger, bedeutet, dass etwas nicht wirklich gut ist, aber schlimmer sein könnte. Für die 15jährige Honey heißt das, dass sie sich mit allem arrangiert, nie Nein sagt, sondern permanent versucht, es allen recht zu machen. Eine Aufgabe, an der man eigentlich nur scheitern kann, oder. Von ANDREA WANNER

Weihnachten für fast alle

Familienbuch | W.Andersen-Oberschäfer, R.Kehn: Ein Stern strahlt in der dunklen Nacht Am Sonntag, 22. Dezember 2019, war Wintersonnenwende. Am kürzesten Tag und der längsten Nacht des Jahres denken die Menschen daran, dass die Tage wieder länger werden. Und als der Julianische Kalender eingeführt wurde, lag die Wintersonnenwende auf dem 25. Dezember. Und die Christen legten Christi Geburt auf die Wintersonnenwende gelegt, den hellen Stern, der in der dunklen Nacht strahlt. Von ANDREA WANNER

»Und dennoch atme ich weiter«

Jugendbuch | Koos Meinderts: Lang soll sie leben Alt werden? Davon träumen sicher viele Menschen. Fit, rege und lebenslustig bis ins hohe Alter. Für die 16jährige Eva und ihre Freundin Sanne ist das alles noch weit weg. Was sie beschäftigt sind der Schulalltag, ihre gemeinsamen Pläne für die Sommerferien, Sannes Freund … Und dann geschieht etwas Unerwartetes. Von ANDREA WANNER

Fast wie die Möwe Jonathan

Jugendbuch | Jasminka Petrović: Der Sommer, als ich fliegen lernte

Die Sommerferien drohen grässlich öde zu werden: die 13jährige Sofija begleitete ihre Oma zu einem Besuch bei ihrer Schwester. Und zunächst wird es genau das, was Sofija befürchtet hat: ein Albtraum. Von ANDREA WANNER

Sternschnuppen und Meteoriten

Jugendbuch | Gabi Kreslehner: PaulaPaulTom ans Meer Manche Menschen sind für andere wie Sternschnuppen, etwas Besonderes, ein Wunder. Andere sind Meteoriten, sie bringen Chaos und Unglück. Genau besehen kann jemand Sternschnuppe und Meteorit gleichermaßen sein. Es kommt auf die Perspektive an. Und die kann sich nicht nur einmal ändern. Wie das vor sich, beschreibt Gabi Kreslehner in ihrem neuesten Buch ganz unvergleichlich. Von MAGALI HEISSLER