Koma, Koks und Kiss-Cam

in Kurzprosa/Live

Live | 42. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

14 Autoren, 7 Juroren, 5 Preise, 1 Stipendium und eine charismatische, längst nicht mehr lebende Namensstifterin im Geiste: das zeichnet den diesjährigen Klagenfurter Bachmannwettbewerb (4. bis 8. Juli 2018) aus. Seit mehr als vier Jahrzehnten lockt der Charme des Ortes, der ganz besondere Mix zwischen See und Gesehenwerden, zwischen Thrill und Chill. Von INGEBORG JAISER

Spätestens Mitte Juni setzt latente Unruhe ein. Wer jetzt noch kein Ticket nach Klagenfurt hat, wird keines mehr bekommen. Die in diesem Jahr lesenden Teilnehmer stehen fest und der Bachmannwettbewerb verkündet stolz via Facebook: »Liebe Wettlese-Afficionados und Bewegtbild-Freaks: die AutorInnenvideos sind online.«

Doch das Klicken durch die ersten Appetithäppchen hinterlässt eher Ratlosigkeit. Abgesehen von Bov Bjerg, der bereits mit seinem Coming-of-Age-Roman Auerhaus reüssierte, finden sich kaum bekannte Namen oder Prosaautoren im klassischen Sinne. Stattdessen: Lyriker und Dramatiker, je eine Biologin und Zahnmedizinerin, je ein Skateboarder und Kirchenmusiker. Das könnte spannend werden.

Alles ist eine Frage der Sprache

Schon vor dem traditionellen Warm-Up am Eröffnungsabend – mit cool-jazziger Umrahmung und der diesjährigen Rede zur Literatur, die Feridun Zaimoglu (einst Preisträger im Jahre 2003) unter dem Titel Der Wert der Worte düster raunend vorträgt – nimmt einen der Klagenfurter Kosmos restlos gefangen. Girlandengleich überspannen Transparente mit literarischen Zitaten die Gassen der Innenstadt, locken Liegestühle mit dem diesjährigen Motto: „Alles ist eine Frage der Sprache“. Und die ersten Devotionalienjäger tragen stolz die begehrten Umhängetaschen mit Bachmann-Konterfei und jährlich wechselnder Farbgestaltung zur Schau. Nach vielen blütenweißen Jahren überrascht nun dezent grauer Filz, durchsetzt von enzianblauen Akzenten.

Überhaupt scheinen Wettlesen und modisches Schaulaufen nah beisammen zu liegen. Neu in der Jury, nach dem Ausscheiden von Meike Feßmann und Sandra Kegel: die Literaturkritikerin Insa Wilke und die Dichterin, Rezitatorin, Poetry-Slammerin Nora Gomringer, die als wort- und sprachgewaltige Teilnehmerin 2015 selbst den Bachmannpreis gewonnen hat.

In ihrer neuen Rolle sorgt sie mit wechselnden Statement-Shirts für täglich neue Aufmerksamkeit und so manchen Hingucker. Als Moderator wiederum führt Christian Ankowitsch auch in diesem Jahr so fesch, sportiv und lässig durchs Programm, als ob er gerade der aktuellen Ausgabe von Men´s Health entsprungen wäre.

Bereits am Eröffnungsabend erfolgt die Auslosung der Lesereihenfolge für die kommenden drei Tage (die wohl wieder hitzig, schwül, gewittrig werden). Doch Vorsicht: trotz aller Numerologie und orakelnder Berechnung scheint es keine wirkliche Korrelation zwischen Startnummer und Gewinnchancen zu geben.

Provinz ist, wo ich bin

Der Zufall will es, dass die einzige aus Österreich stammende Autorin auch als Erste antritt. Raphaela Edelbauers Bergwerksparabel und Unheilsgeschichte Das Loch handelt von einem (tatsächlich existierenden) Grubenschacht, einem Auffüllungstechniker und einer düsteren NS-Vergangenheit, die so beklemmend präzise geschildert wird, dass Juror Klaus Kastberger trocken resümiert: »Kein Frühstückstext für 10 Uhr«.

Am nächsten Tag lässt der Autor Bov Bjerg Vater und Sohn über die Serpentinen der Schwäbischen Alb cruisen – und wieder sind es die Österreicher, die sich hier durchs Gestein bohren und »DIE GROSSE ABKÜRZUNG« bauen. Die geschickte Verflechtung von Genealogie, Geographie und Zivilisationsgeschichte überzeugt Publikum und Jury gleichermaßen. »Ein unspektakulär spektakulärer Text« fasst Jurorin Insa Wilke sehr treffend zusammen.

Sprechende Tote

Die Frage »Wie geben wir Dinge weiter?« ist auch ein zentrales Thema von Martina Clavadetschers Text Schnittmuster. Er handelt vom Ableben einer Änderungsschneiderin, die als Tote das bislang Ungesagte zur Rede bringt, die Demütigungen, Kränkungen, Übergriffe. Trotz der ungewöhnlichen Erzählperspektive lullt der retardierend langsame Duktus die Zuhörer allzu sehr ein, so dass Juror Michael Wiederstein den Text um ein Drittel kürzen würde.

Es gibt noch weitere sprechende Tote dieser Tage. Ergreifend und aufwühlend ist Özlem Özgül Dündars Romanauszug und ich brennevielstimmig, in konsequenter Kleinschreibung, ohne Punkt und Komma verfasst. Die Autorin lässt vier Mütter in einer »Trauer-Litanei« (so Juror Hubert Winkels) zu Wort kommen: drei von ihnen bewohnten ein niedergebranntes Haus, die vierte ist die Mutter des Täters. Hierbei nicht die Erinnerung an den Solinger Brandanschlag vor 25 Jahren aufflackern zu lassen, dürfte kaum möglich sein.

Auch in Anna Sterns Text Warten auf Ava befindet sich eine Frau möglicherweise auf der Schwelle zum Tod, zumindest aber im Koma. Freunde scharen sich um ihr Bett, hoffen, harren, trauern. Kein leichtes Thema, kein einfacher Zugang – zumal die Handlung in Schottland spielt und das zungenbrecherische Name-Dropping von Orten und Figuren auf die Dauer ermüdet, schlimmer noch: an Evelyn Hamanns englische Serien-Ansage bei Loriot erinnert. »Der Text und ich sind Fremde geblieben«, gesteht Juror Stefan Gmünder und spricht damit manchen Zuhörern aus der Seele.

Gleich zwei Todesfälle fordert Anselm Nefts in Schnitttechnik arrangiertes Stationendrama Mach´s wie Miltos. Die Hündin Lucy wird überfahren und ein Obdachloser erfriert, während Szenen seines Lebens noch einmal blitzlichtartig vor ihm ablaufen. Imagination und Erinnerung verschwimmen. »Zu viel Wucht und Pathos« konstatiert Hubert Winkels, während sich Klaus Kastberger diesen Text viel besser auf einer anderen Bühne vorstellen könnte.

Noch ein vollkommen unbeschriebenes Blatt ist die Autorin Ally Klein – vielleicht sogar eine fiktive Person (?), so wie Carter, die Titelfigur ihres vorgetragenen Textes und des im August beim Verlag Droschl erscheinenden Romans. Ganz aufs Körperliche, Organische zielt diese atmosphärisch dichte Passage ab, die Ally Klein psalmodierend, mit aufschwellendem Crescendo liest, während ihre Espadrilles rhythmisch auf den blanken Boden des Studios aufschlagen. Momente, für die es sich lohnt, nach Klagenfurt zu reisen.

Als hintergründiger Text mit doppeltem Boden entpuppt sich Frösche im Meer von Tanja Maljartschuk, die erst seit vier Jahren auf Deutsch schreibt. In ihrer Parabel über Randständigkeit und Selbstauslöschung freundet sich ein Migrant, der seinen Pass in die Donau geworfen hat, mit einer dementen, alten Dame an. Eine einfache Geschichte, die jedoch von Empathie und Demut getragen wird. »Die Verlage werden sich darum reißen«, orakelt Kastberger.

Posen der Provokation

Doch der Bachmannwettbewerb hat nicht nur schwere Kost zu bieten, sondern auch amüsante, unterhaltsame, gut konstruierte Storys, einfach »well-made«. Flexen in Miami von Joshua Groß ist eine davon. In diesem hochartifiziellen Text taumelt ein zugedröhnter Hipster nach bester Bret-Easton-Ellis-Manier durch ein Basketballspiel, einen Kiss-Cam-Flirt, ein Drogen-Desaster. Die Jury erfreut sich am groovigen Sound, das Saalpublikum sinkt entspannt in die weißen Sofas zurück. Großartig auch Stephan Lohses Lumumbaland – ein lässiger »Text in der Länge eines Joints«, der aber durchaus die Ouvertüre zu einem längeren Roman sein könnte. In bester Tschick-Konstellation wird hier ein irrwitziges Szenario entworfen: Sahara ist der Sandhügel auf einer Industriebrache, auf dem Lumumba – »ein weißer Afro« – mit seinem Kumpel abhängt.

Als romantisches, koksberieseltes Großereignis kommt das Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war daher. Hier spielt Jakob Nolte mit Paradoxien, Brüchen, falschen Metaphern – und vor allem mit der Sprache. Mein Lieblingssatz: »Viele heirateten, bekamen Kinder und zweite Kinder oder klimbimten sonstwie ihrer hoi polloigen Wege.«

Für viele Lacher sorgt die plakative Groteske Destination: Austria von Stephan Groetzner, die man als »k. u. k.-Collage mit Knalleffekten« (Hildegard Keller) oder schlichtweg als Parodie auf den Bachmannwettbewerb lesen kann. Nur Juror Klaus Kastberger zeigt sich bei so viel plumpem Austria-Bashing eingeschnappt. Noch plumper geht es in Corinna T. Sievers Der nächste, bitte zu, den pornographischen Fantasien einer erotomanisch übergriffigen Zahnärztin. Hier literarische Bewertungskriterien anzusetzen, verlangt der Jury schon sehr viel Wohlwollen und Bemühen ab, bleibt der Text doch in der »Pose der Provokation« stecken.

Klagenfurt ist kein Ort, sondern ein Ereignis

»Und, wer ist Dein Favorit?« ist dieser Tage eine beliebte Begrüßungsformel in Klagenfurt. Doch selbst wer keine Wetten abgeschlossen hat, wird der Preisvergabe am Sonntag entgegenfiebern. Nach einer morgendlichen Beratung hat die Jury sieben Autoren für die Shortlist nominiert. Auch wenn die Ermittlung der Preisträger in offener Abstimmung unter den Argusaugen eines Juristen erfolgt, wirkt das Procedere zuweilen wie ein nicht ganz nachvollziehbares Geschacher mit komplizierten Stichwahlen.

Hier das Ergebnis: Tanja Maljartschuk gewinnt den Bachmannpreis (25.000 Euro), Bov Bjerg den Deutschlandfunkpreis (12.500 Euro), Özlem Özgül Dündar den KELAG-Preis (10.000 Euro) und Anna Stern den 3SAT-Preis (7.500 Euro). Der per Online-Voting ermittelte BKS Publikumspreis (7.000 Euro, verbunden mit einem Stadtschreiberstipendium) geht an Raphaela Edelbauer.

Nun kann die Anspannung der letzten Tage abfallen und einer tiefen Erschöpfung Platz machen. Verdutzt sinniert man noch mal über das Phänomen des Bachmannwettbewerbs. Was führt Literaturbegeisterte und Groupies eigentlich dazu, bei bestem Hochsommerwetter das verlockende Türkisblau des nahen Wörthersees gegen das aseptisch reine und aircondition-unterkühlte Ambiente des ORF-Studios einzutauschen? Stunden vor der offiziellen Saalöffnung vor dem Absperrband zu biwakieren, um nach der Freigabe atemlos die 32 Stufen zum Austragungsort hoch zu hechten? Ist es die Hoffnung, etwas vom Glanz der literarischen Shooting-Stars zu erhaschen? Auf jeden Fall lockt die Begegnung mit anderen Schlachtenbummlern, der euphorische Austausch über Literatur, Reisen und die besten Kasnudeln der Stadt. Wer einmal von Klagenfurt angefixt wurde, wird wiederkommen. Und freut sich auch im nächsten Jahr auf »Destination: Austria«.

| INGEBORG JAISER

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