Mut zum Wandel

Sachbuch | Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister

»Für diejenigen, die blieben, wuchsen die Unterschiede zwischen Werten und Normen des Altenteilerhauses und der Welt da draußen, in die wir jeden Morgen mit dem Rad hineinfuhren.« Die Welt des Altenteilerhauses ist die der Senioren der Bauernfamilie Frie. Es steht auch für die alte bundesrepublikanische Gesellschaft. Das Buch »Ein Hof und elf Geschwister. Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben« zeichnet den enormen Wandel der Landwirtschaft von den 1940er bis hin zu den 1970er Jahren nach und skizziert die Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft. Von BASTIAN BUCHTALECK

Mehrere Jungen stehen an einem Anhänger und werfen mit ZuckerrübenAufgeschrieben hat diesen Wandel der Historiker Ewald Frie, welcher als eines von 11 Geschwistern auf diesem Hof aufwuchs und somit in die Wirtschaftswunderwelt hinein. Er ist Zeuge sowohl für das Alte, was war, als auch für das Neue, was darauf entstand und ist Beobachter dessen, was vielleicht noch daraus wird.

Harte Arbeit, karges Leben, andere Zeiten, andere Sitten

Für das Buch befragte Ewald Frie seine 11 Geschwister, wie sie das Leben auf dem Hof empfanden und den Wandel erlebten. Herausgekommen ist ein ungeheuer erhellendes Buch. Gerade im Vergleich der Lebensstile wird der Wandel deutlich. Vieles, was in den 1950er und 1960er Jahren schlichte Lebensrealität war, wirkt heute unvorstellbar. »Manche seiner Methoden [des Vaters] waren schwer erträglich. Er kastrierte Ferkel mit dem Taschenmesser. Überzählige Katzenjunge ertränkte er mithilfe eines steinbeschwerten Jutesacks in einem Teich. Verendete Rinder schächtete er notfalls mit dem Brotmesser, damit wenigstens das Fleisch seinen Wert nicht verlor.«

Es war eine rauere Welt, sicherlich gewaltvoll aus heutiger Sicht. Heute fällt es uns schon schwer, die Schnecken in unseren Gärten zu töten. Auch die folgende, im Grunde banale Anekdote wirkt wie aus einer anderen Welt. Der Vater der Großfamilie kaufte in den 1960er Jahren bei einer wichtigen Viehauktion den mitgefahrenen Kindern – als großzügige Ausnahme – Würstchen mit Senf. »Das gab es sonst nie«, erinnerte sich eines der Kinder. Auch Sportschuhe und Fahrräder galten als überflüssiger Luxus. Da mutet es nahezu lächerlich an, wenn heute mit größter Empörung um jedes Gramm Fleisch (der vielen Kilos) gekämpft wird, als gelte es, Hunger abzuwenden.

Die im Buch dargestellte Zeit war im Vergleich zu heute materiell karg. Die Menschen hatten wenig und arbeiteten dafür hart und viel. Mit Erlaubnis des Pfarrers wurde in der Erntezeit sogar am Sonntag die Sense geschwungen.

Dann kommt der Wohlstand

Eine der spannendsten Fragen bei der Lektüre von Sachbüchern ist: was hat das mit mir zu tun? Frie beschreibt eine »Revolution der Erwartungen«, die in den 1960er Jahren ihren Anfang nahm. Während seine älteren Geschwister sich auf die jährliche Wurst bei der Viehauktion freuten, war dasselbe Essen für die jüngeren Geschwister schon Normalität. Er berichtet, ein und dasselbe Picknick wurde unterschiedlich aufgenommen. Einmal als opulent, reichhaltig und einmal als spärlich und eingeschränkt. Die später geboren Geschwister entwickelten höhere Ansprüche an den materiellen Wohlstand und die Erfüllung körperlicher Bedürfnisse.

An solchen Beispielen hält der Historiker Frie fest, dass wir Menschen in unseren Ansprüchen uns weniger an den vorhergehenden Generationen orientieren als an den Menschen um uns herum. Die älteren Geschwister kannten es nicht anders. Die jüngeren Geschwister kannten es ebenfalls nicht anders. So wandelten sich die Erwartungen. Heute haben wir nochmal andere Erwartungen.
Ab 1960er Jahre: Die gesellschaftlichen Hierarchien ändern sich

Der steigende Wohlstand war das Eine. Dramatischer für die Bauernfamilien war der Wandel in den gesellschaftlichen Hierarchien. Bis in die 1960er Jahre ging es den Bauernfamilien deutlich besser als den Dorf- oder Stadtbewohnern. Sie produzierten die Nahrung und standen in der gesellschaftlichen Hierarchie weit oben. »Um ins Dorf zu fahren, musste es Gründe geben. Soziale Verbindungen gehörten bis in die 1960er-Jahre für Bauernfamilien wie uns eher nicht dazu. Das Dorf war ein Ort der kleinen Leute, zu denen Bauernfamilien wie wir sich nicht zählten.« Steuerleistung, Wirtschaftskraft, Wohlstand waren bei den Bauernfamilien deutlich größer. Landbesitz war ein Wert. Entsprechen fiel das soziale Gefälle aus.

Mit dem Einsetzen der industriellen, kapitalintensiven Landwirtschaft mit Traktor, Mähdrescher und Melkmaschine geriet nicht nur die körperlich sehr anstrengende und personalintensive Landwirtschaft ins Hintertreffen.

Die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft zeigt sich auch bei der Hühnerhaltung, die traditionell eine Sache der Frauen war. Aus dem Verkauf der Eier verdiente sich die Bäuerin Reserven für das Haushaltsgeld. Mit der industriellen Massentierhaltung wandelte sich die Hühnerhaltung zu einem Hauptgeschäft und wurde folglich von den Männern übernommen. Es folgten immer größere Massenställe mit Käfighaltung, deren Erzeugnisse an den Großhandel verkauft wurden. Gleichzeitig wurde die Marge kleiner, weil alle industriell wirtschafteten.

Durch den allgemein steigenden Wohlstand sank das einzelne Erzeugnis im Wert, wirtschaftlich und sozial. Plötzlich waren die in den Städten hergestellten Produkte und Dienstleistungen wertvoller. Die soziale Hierarchie wandelte sich. Das versetzte zumindest der älteren Generation der Landwirte einen empfindlichen Schlag. Einen Schlag, der bis in die heutige Zeit nachhallt.

Auswirkungen bis heute

Auch heute müssen sich die Landwirtschaft sowie die Gesellschaft wieder wandeln. Wir alle wollen dieselben Fernreisen, dasselbe Skifahren; ebenso viel Schwein zum Essen wie alle anderen – auch wenn sich abzeichnet, dass die industrielle Landwirtschaft nur funktioniert, weil sie die Umwelt über Gebühr ausbeutet und der Klimawandel offenbart, dass es zuviel war in den letzten Jahren.
An dieser Stelle liegt Frie in einem wichtigen Punkt falsch: »Bin ich ein Aufsteiger? Meine Wohnung ist viel kleiner als der Wohnbereich des Hofes meiner Eltern. Ich besitze kein Land, kein Haus, keine Tiere, keine Apfelbäume, keine Feuerstelle.« Er berücksichtigt nicht, dass man im 21. Jahrhundert all diese Dinge nicht mehr zwingend besitzen muss, um davon zu profitieren. Er besitzt zwar kein Land, aber kann sich ohne große Arbeit alle Dinge kaufen, die Land produziert. Dasselbe gilt für Tiere bzw. deren Verwertung. Überhaupt ist die im Buch beschriebene materielle Dürftigkeit mehr als behoben. Frie braucht keine Feuerstelle, weil er in seiner Wohnung sicher genug Wärme hat. Fries Wohnung mag kleiner sein als der Wohnbereich des Bauernhauses – aber vielleicht hat er dennoch mehr Quadratmeter für sich persönlich?

Kurzum. Wir alle sind Aufsteiger und im Vergleich zu den Menschen vor 70 Jahren ziemlich wohlhabend – aber weil wir uns nur an unserer Generation messen und dem, was für unsere Eltern möglich war, empfinden wir uns tendenziell als ärmer. Das ist paradox, wird jedoch durch das Buch gut belegt. Wir alle haben mehr Freizeit bei gleichzeitig weniger körperlich schwerer Arbeit. Die Auswahl an Essen ist riesig und reichhaltig und das auch das ganze Jahr über. Wir sind mobiler und können uns sowohl Fahrrad als auch Schuhe leisten.

Offen bleibt lediglich, ob dieser materielle Aufstieg auch glücklicher macht. Diesen Vergleich über die Generationen hinweg zu treffen, ist viel schwieriger.

Fazit

Wenn »Ein Hof und elf Geschwister« etwas zeigt, dann, dass eines immer gleich bleibt: Wandel. Frie abstrahiert die Erzählungen seiner Geschwister und sein eigenes Erleben zu Erkenntnissen über den Wandel von Normen, Gewohnheiten und Erwartungen. Darin liegt die unbedingte Stärke des Buchs. In den 1960er Jahren wandelte sich nicht nur die Landwirtschaft, sondern das gesamte gesellschaftliche Gefüge der Bundesrepublik Deutschland und Frie macht mit seinem Buch greifbar, wie dieser Wandel vonstattenging.

Während Frie in seinem Buch den Wandel von der klassischen, personenintensiven Landwirtschaft zu einer ungleich ertragreicheren maschinenbetriebenen Landwirtschaft auf Basis von Kraftstoffen beschrieb, die die Umwelt ausbeutete, zeichnet sich heute zugleich ein erneuter Wandel ab hin zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Die heutigen Hochleistungsbetriebe sind jedoch noch kaum darauf eingestellt.

Vielleicht kann das Buch den notwendigen Mut spenden, dass der Wandel gelingen kann, weil er schon mal gelungen ist. Es spendet außerdem die Zuversicht, dass man auch bei stagnierendem oder geringerem materiellem Wohlstand sehr zufrieden und froh leben kann.

| BASTIAN BUCHTALECK

Titelangaben
Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister
Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben
München: C.H. Beck 2023

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