Tiefe Geheimnisse

Sachbuch | Laura Trethewey: Bis zum Grund der Welt

Das All erscheint uns gigantisch, unendlich in seinen Ausmaßen, Forschung und Wissenschaft drängen immer tiefer ins Weltall. Aber: was ist mit unseren Meeren? Da gibt es Unerforschtes und Unkartiertes in Unmengen. Rätsel, Geheimnisse, Abenteuer, unbekannte Tier- und Pflanzenarten, dazu schier unermessliche Bodenschätze, all das bedeckt von Wasser, viel, viel Wasser. BARBARA WEGMANN hat das spannende Buch gelesen.

Eine Karte des Atlantischen Ozeans mit Europa und Südamerika71 Prozent der Erdoberfläche sind es, die von Wasser bedeckt sind, eine unvorstellbar große Fläche. »Im Durchschnitt ist dieser Ozean vier Kilometer tief … ein Paralleluniversum, in dem ewige Dunkelheit, eisige Kälte und ein Druck herrschen, der Knochen brechen lässt!«

Laura Trethewey verfügt über glänzende Voraussetzungen, diese Tatsachen in ein höchst spannendes Buch umzusetzen: Sie schreibt Sachbücher, ist Journalistin und kennt sich mit Umwelt und Meeren hervorragend aus. Eine gute Grundlage für viel Verständlichkeit auf diesen 368 Seiten, die sich stellenweise wie ein Kriminalroman lesen. Wen wundert es: es geht in die Tiefe, und die ist eben unerforscht, zu allergrößten Teilen.

2017 erst, das ist noch gar nicht so lange her, wurde das Projekt Seabed 2030 gegründet, »das sich zum Ziel gesetzt hat, bis zum namensgebenden Zeitpunkt eine vollständige Karte des Meeresbodens aller Ozeane zu erstellen.« Was für eine ungeheuerliche Herausforderung, was für ein ambitioniertes Unterfangen. Und ein teures Unternehmen dazu, denn es verschlingt Milliarden, ganz ähnlich der Erforschung des Alls. Tauchkapseln, Experten aus verschiedenen Bereichen, Gerätschaften für die Kartierung des Meeresbodens, kostspielige Expeditionen mit ungewissem Ausgang. Zudem: so manche Seegebiete zu kartieren, das heißt auch, sich auf ein geopolitisches Minenfeld zu begeben, meint die Autorin, viele Staaten würden das Eindringen in ihr Hoheitsgebiet als Verletzung ihrer Souveränität, oder, anders formuliert, Spionage empfinden.

Hinzu kommen Probleme mit dem Naturschutz, schließlich geht das Vermessen mit Echolot nicht geräuschlos vor sich, ein »akustischer Alptraum für Wale und andere Meerestiere, die ein empfindliches Gehör haben.« Den Atem verschlagen einem die Dimensionen, die sich in der Tiefe auftun, Gräben, tiefe, sehr tiefe Gräben ziehen sich durch die Ozeane, allen voran der Marianengraben, in dem der Mount Everest nicht nur locker Platz finden würde, sondern »es blieben immer noch fast zwei Kilometer Wasser darüber. Die Kapitel lesen sich gut verständlich, viele Zitate, viele Beispiele aus der Meeresforschung, die Expeditionen, mit denen man über Seiten auf Reisen geht, die Arbeit der Kartographen, all das veranschaulicht das Thema des Buches bestens.

Und schließlich, und jetzt wird’s dann auch noch hochaktuell und politisch: »Eine Karte ist stets die Ankündigung einer Ausbeutung.« Wertvolle Rohstoffe werden auf dem tiefen Meeresboden in Hülle und Fülle vermutet, das regt die Gier der Anrainerstaaten an. Und so haben nicht nur Ökologen »die Sorge, dass eine vollständige Karte des Meeresbodens der Ausbeutung von Rohstoffen in der Tiefsee Vorschub leisten könnte.« Die Natur, so sind sich Experten einig, würde sich bei einem Abbau von Mineralien und Metallen »wenn überhaupt, dann nur sehr langsam erholen.« So müssen sich die Verantwortlichen von Seabed 2030 fragen, ob neben der sicher sinnvollen Kartierung des Meeresbodens nicht auch Gefahren, Bedrohungen und irreparable Schäden für die Natur der Preis sind. »Droht Seabed 2030 tatsächlich zu einer Schatzkarte der letzten noch unerkundeten Regionen der Welt zu verkommen?«

Es gibt rund um das Thema der Kartierung des Meeresbodens, der Porträtierung manch mutiger Kartografen und Kartografinnen und »waghalsiger Tauchgänge«, also so viele hochinteressante Aspekte, die berücksichtigt werden wollen, aus vielen unterschiedlichen Bereichen und Länderinteressen. Noch, so die Autorin, liege ein Schleier von Dunkelheit über dem Großteil des internationalen Meeresbodens. »Darunter verbirgt sich das letzte große Rätsel dieser Welt.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Laura Trethewey: Bis zum Grund der Welt
Das abenteuerliche Rennen um die Kartierung des Meeresbodens
Hamburg: Mare Verlag 2025
368 Seiten, 28 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein Dichter und rastlos Reisender

Nächster Artikel

Ausbruch

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Synaptische Turbulenzen

Kulturbuch | Olivia Laing: Zum Fluss

Immer wieder ›Zum Fluss‹ zieht es Olivia Laing. Ihre einwöchige Wanderung entlang der Ouse, von der Quelle bis zur Mündung, gibt Anlass zu geologischen und geographischen Erkundungen, zu poetischen, philosophischen und literarischen Betrachtungen. Ein ausschweifender, viele Sinne streifender Genuss für alle Freunde des »Nature Writing«. Zugleich ein sehr persönliches Buch, das dem Leser die Augen öffnet und die Sinne schärft. Von INGEBORG JAISER

Neue Demokratie

Gesellschaft | Simon Tormey: Vom Ende der repräsentativen Politik Der Australier wird allgemein geschätzt ob seiner unbekümmerten Gradlinigkeit und für seinen gesunden Pragmatismus, während wir dem Deutschen nachsagen, dass er bevorzugt grüble. Simon Tormey lehrt an der Universität Sydney, der Titel seiner Publikation hat einen grüblerischen Unterton. Von WOLF SENFF

Himmel und Hölle

Gesellschaft | Ulrich Beck: Die Metamorphose der Welt Ulrich Beck, ein erfolgreicher, renommierter Soziologe, starb im Januar vergangenen Jahres, er hat mit seiner These einer Risikogesellschaft wichtige Diskussionen angestoßen. Das hier rezensierte letzte Werk erscheint posthum. Von WOLF SENFF

Nur ein wenig mehr über Star Wars

Sachbuch | Andreas Rauscher: Star Wars. 100 Seiten

Im Jahr 2020 weiß man, dass es sich bei Darth Vader um Luke Skywalkers Vater handelt, und genauso weiß man, dass einhundert Seiten für die Erschließung des Star-Wars-Universums zu wenig sind. Andreas Rauscher hat es dennoch versucht. Er hat für die Reclam-Reihe ›100 Seiten‹ die Star-Wars-Saga in genau dieser Seitenzahl dargestellt. BASTIAN BUCHTALECK stellt die spannende Frage, wie gut Rauscher mit dem begrenzten Umfang für ein fast schon grenzenloses Universum zurechtkommt.

Mit allen Sinnen genießen

Sachbuch | Adolfine Nitschke: Räuchermomente im Jahreskreis

Wer den Begriff des Räucherns mit schmackhaftem Fisch verbindet, der liegt zwar schon ganz richtig, aber damit ist der Begriff längst noch nicht erschöpft: gerade jetzt in den dunkler werdenden Monaten ist das Räuchern beliebt und hat eine lange Tradition und Geschichte. Schon beim Blättern im Buch hat man Räucherduft schon fast in der Nase, meint BARBARA WEGMANN