//

Ausbruch

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ausbruch

Überall lauere Gefahr, spottete Wette.

Auf den phlegräischen Feldern vor Neapel und immer mal wieder auch aus dem All, diesmal mit AI/Atlasl. Farb lachte.

Die vernichtende Katastrophe klopfe an, ultimativ, der Planet sei im Begriff, schwere Lasten abzuschütteln.

Farb warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin, die Männer seien einmal wieder hysterisch.

Der Mensch brauche die dräuende Gefahr, sagte Farb, er existiere unter verschärften Bedingungen, auch der Yosemeti Nationalpark beherberge einen Mammutvulkan, der, wie wir per Internet erfahren, täglich auszubrechen drohe, eine Horde Wissenschaftler beobachte und protokolliere jeden unterirdischen Schub.

Was gehe hier vor, nein, sagte Wette, er könne das nicht ernst nehmen, auf keinen Fall.,

Vor vierzigtausend Jahren sei nach einem Ausbruch halb Europa von Asche bedeckt gewesen, sagte Farb, und die Regelmäßigkeit der gegenwärtigen Erdstöße deute darauf hin, daß sich ein vergleichbarer Ablauf anbahne, nicht ohne Grund seien fünfhunderttausend Bewohner der dicht besiedelten Region der Caldera aufgerufen worden, die Region zu verlassen, sie stauten sich auf den Ausfallstraßen.

Farb lachte. Man lebe auf einem Pulverfaß, in jeder Hinsicht, heute wie morgen, was seien das für Zustände, und man könne davon ausgehen, daß unabhängig vom Wahrheitsgehalt allein die Tatsache, daß der drohende Ausbruch weiterhin ein Thema für die Medien sei, die Situation weiter zuspitze.

Die vernichtende Katastrophe klopfe an, ultimativ, unüberhörbar, sagte Wette, und der Mensch erstarre in Hilflosigkeit, wie solle man denn eine halbe Million Menschen evakuieren, aber offensichtlich wolle sich niemand darüber den Kopf zerbrechen.

Nein, so gesehen sei das kein Thema, sagte Farb, niemand wolle das wissen, alles zu spät.

Die Antwort sei unausweichlich, nein, der Mensch sei dieser Katastrophenlage nicht gewachsen, er streite vorzugsweise untereinander, finde keinen Ausweg, außer daß er davonlaufe in der Hoffnung, ein sicheres Ufer zu erreichen, die menschliche Reaktion bilde das sich anbahnende Chaos der natürlichen Umwelt ab, die Situation in den phlegräischen Feldern spitze sich zu, der Ausbruch bedrohe das südliche Europa, die Dimensionen seien extrem gefährlich, gut möglich daß diese Zeilen längst überholt seien, wenn dieser Text gelesen werde, der Planet werde erschüttert, dem Menschen werde seine wahre Größe vorgeführt, spottete Wettte,

Farb fragte, wie denn jemand mit einem längerfristigen Stromausfall umgehen solle, denn nichts laufe mehr geradeaus, die Kommunikation kollabiere, selbstfahrende Autos ein Scherz, Fahrstühle steckten fest, Lieferketten brächen zusammen, Flughäfen und Bahnhöfe würden gesperrt, und nein, nicht einmal vorsorgliche Maßnahmen seien denkbar, ob nun höhere Deiche, erdbebenfeste Fundamente, was auch immer, der Mensch sei den Brüchen und Verwerfungen der Natur ausgeliefert, was solle man da herumreden, das seien Fakten, die jedem bekannt seien, und diese Nöte seien Petitessen, sobald der Ausbruch in der befürchteten Größe erfolge.

Das Gespräch stockte.

Wette schenkte Tee nach.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Die destruktiven Kräfte nähmen überhand, sagte Tilman, und der Mensch sei daran nicht unbeteiligt, sein Verhalten – die Kriege des zwanzigsten Jahrhunderts und gegenwärtig die verheerenden Zerstörungen in der Ukraine und in Gaza – werde im planetarischen Maßstab abgebildet, so könne man sagen, der Mensch sei es, der diese Atmosphäre der Vernichtung heraufbeschwöre, und der Mensch sei aufgerufen, bei sich selbst zuallererst eine Änderung einzuleiten, er müsse lernen, mit der Natur umzugehen.

Ob er da je wieder heraus finde, fragte Wette.

Das werde schwierig, spottete Farb, denn der Mensch  verlasse sich wie selbstverständlich darauf, daß eine noch nicht entwickelte neue Technologie die Schäden beseitigen werde, so daß sich das Nachdenken über sich selbst erübrige, denn die Fehler im eigenen Verhalten zu suchen, klar, das sei jedesmal am schwierigsten, die Natur lasse sich nicht lenken, er müsse zuallererst einsehen, daß er ohnmächtig sei, all seine gelobte Technologie sei nutzlos, sei verhängnisvoll, sei ein Irrweg.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Tiefe Geheimnisse

Nächster Artikel

Weihnachten in der Fremde

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Ankommen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ankommen

Nein, sie seien gar nicht angekommen auf diesem Planeten, nie, verstehst du, Farb, dem äußeren Anschein nach angekommen, sicher, jedoch nicht mit der  Absicht, Wurzeln zu schlagen, nicht mit dem Ziel, sich heimisch niederzulassen.

Aber sie hätten viel davon geredet, eine Heimat gefunden zu haben, überlegte Wette, und ob sie sich da etwas vorgemacht hätten.

Ankommen, Tilman, was bedeute das: ankommen, du kannst nicht unvollständig ankommen, etwa ein Bein oder einen halben Fuß draußen lassen, nein, unmöglich, wohin solle das führen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Nein, sagte sie, der Mensch habe nicht seßhaft werden wollen auf diesem Planeten, nicht ernsthaft, null, er verhalte sich, als wäre er auf Durchreise, ein Zwischenstopp werde eingelegt, der Planet eine Durchgangsstation.

Ramses IX

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ramses IX

Ramses lächelte. Es war abenteuerlich, sich in fremden Gegenden und Kulturen umzutun und einen Eindruck von den Menschen zu gewinnen, durchaus interessant, gewiß, die Kultur der Industriegesellschaft ist hochentwickelt, überlegte er, extrem leistungsbezogen und bestehe doch erst seit zwei Jahrhunderten. Unzählige Menschen lebten auf dem Planeten, und für sie müsse gesorgt werden, da nehme die Verteilung urwüchsige Züge an, das werde man verstehen.

Europa

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Europa

Die Erzählung ihrer Geburt beruht nicht auf griechischem, sondern auf kretischem Ursprung, eine, möchte man meinen, regionale Variante, und selbst dort sind sich die Erzähler nicht einig, ob sie eine Tochter oder die Schwester des Königs war, Europa ist verwirrend, wie könnte das anders sein, und daß die Erzählung so tief in der Vergangenheit wurzelt, entschuldigt nichts, die Unübersichtlichkeit ist gewollt.

Ausschnitt

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ausschnitt

Ein Stück nach rechts liegt der Pferdemarkt, nein, von meinem Tisch aus sehe ich ihn nicht, es ist selbstverständlich kein Pferdemarkt, auch das Oktober ist nicht im Ausschnitt, mit Adam war ich einmal im Oktober, damals hieß es noch Oktober, sie boten ein reichhaltiges Buffett an.

Rückzug

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Rückzug

Florida aufgeben? Ehrlich – wie stellen wir uns das vor?

Farb lachte. Das sei alternativlos, widersprach er.

Das stiehlt mir die letzte Zuversicht, stöhnte Wette.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Annika warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Wette schwieg. Er hätte große Lust, Doppelkopf zu spielen, sagte er, niemand könne sich pausenlos den Problemen der Welt aussetzen, wo werde das hinführen.