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Brüche

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Brüche

Nicht mit mir, sagte der Ausguck, er ertrage diese Art Gäste nicht, sie störten in der Ojo de Liebre.

Harmat empfand die Besuche als lehrreich, Ramses gebe eine gute Figur ab, und Bildoon war überzeugt, daß man auf diese Weise die Welt kennenlerne. Weshalb nicht, sagte er, solange man eh nicht auf Walfang gehen könne, sei die Zeit nicht vertan.

Sie seien lebendig, sagte Crockeye.

Der King of Rock ’n‘ Roll würde ihn interessieren, sagte Touste, Gramner habe ihn kürzlich erwähnt.

Ob ein Leben voller Brüche noch ein Leben genannt werden könne, fragte Mahorner.

Wovon die Rede sei, fragte Harmat.

Ein Leben sei keine Folge von Fakten, sagte Mahorner, sondern man müsse kausale Zusammenhänge wahrnehmen und die Abschnitte gliedern.

Der Dienstantritt in der Armee im März, erklärte Gramner, und der Tod seiner Mutter im August 1958 seien ein ernster Einschnitt in seinem Leben gewesen, er war dreiundzwanzig geworden, voreilig rief man schon das Ende der Rockmusik aus, da kommt einiges zusammen, Buddy Holly und Richie Valens werden bei einem Flugzeugunglück getötet, Eddie Cochran stirbt bei einem Autounfall, Chuck Berry wird wegen des Verhältnisses mit einer minderjährigen Cousine inhaftiert, Little Richard predigt bei den Adventisten, Jerry Lee Lewis beginnt zu trinken und konvertiert zur Country-Musik.

Touste stöhnte. Ein Leben ist kompliziert.

Ein Überschuß an Leben, spottete Pirelli.

Massive Einbrüche in der Rock-Szene, sagte Crockeye.

Oberflächlich, sagte Gramner, nur oberflächlich, der King of Rock ’n‘ Roll erweiterte sein Repertoire, er sang auch Country und traute sich sogar an den Blues. Der maßgebliche Einschnitt lag aber darin, daß er sich dem Film zuwandte, als Schauspieler aber letztlich nicht ernstgenommen wurde bzw. sich selbst nicht hinreichend ernstnahm, er weigerte sich, Stanislawski zu lesen oder sich bei Lee Strasberg unterrichten zu lassen, es wäre kein Problem gewesen.

Ein Irrweg, fragte Thimbleman.

Weshalb jemand auf Irrwege gerate, fragte LaBelle.

Gut gefragt, sagte Bildoon.

Pirelli lachte abschätzig.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Er finde das nicht spaßig, sagte London.

Rostock gab ihm recht, die Stimmung war gereizt.

Der Ausguck stand auf und tauchte in die Nacht ab.

Weshalb jemand auf Irrwege gerate, wiederholte LaBelle.

Niemand antwortete, und über einige Minuten breitete sich Stille aus.

Weil er sich über seine Erfolgsaussichten täusche, schlug schließlich der Zwilling vor.

Möglich, sagte Thimbleman.

Oder er arbeite nicht beharrlich genug, sagte Mahorner, oder habe falsche Berater, daß sich seine Laufbahn als Irrweg entpuppt.

Er falle auf ein trügerisches Versprechen herein, sagte Bildoon

Er überfordere sein Talent, sagte der Rotschopf.

Er setze sich nicht lautstark genug für seine Interessen ein, sagte Crockeye.

Er verscherze es sich mit einem Gönner, sagte Thimbleman.

Offensichtlich gebe es viele Gründe, sagte Mahorner, und das, was ihn antreibe, seien oft leider nur blinder Ehrgeiz und Geldgier.

Gramner lächelte. In 1968, sagte er, kehrte der King of Rock ’n‘ Roll Hollywood den Rücken, startete sein Comeback, feierte in der ersten Hälfte der Siebziger seine größten Erfolge, und die Auftritte vor Publikum wurden ihm ein Lebenselixier.

Pirelli zögerte und blieb skeptisch. Wie sei es möglich, daß er unter so jämmerlichen Umständen zu Tode kam, fragte er, also wären auch diese letzten Jahre trotz allen äußerlichen Erfolges ein Irrweg gewesen.

Er habe zwar weder geraucht noch getrunken, ergänzte London, aber sich Unmengen Medikamente verschreiben lassen, Amphetamine und starke Beruhigungsmittel waren allein schon ein tödlicher Kreislauf, so etwas könne nicht gut ausgehen.

Während der Konzerte, sagte Pirelli, habe er ab und zu die eigenen Texte verändert, ironisch verfremdet, auch gesprochene Passagen eingeflochten: Selbstparodie, Spott, Sarkasmus – ein Hilferuf, unüberhörbar, er werde entsetzlich gelitten haben.

Ob denn niemand eingegriffen habe, fragte Harmat.

Niemand, sagte Pirelli.

Gramner lächelte.

Weshalb gerate jemand auf Irrwege, wiederholte LaBelle.

Und wie verlasse er sie, ergänzte London, was bringe ihn auf die rechte Bahn.

Der Ausguck schälte sich aus der Dunkelheit und setzte sich ans Feuer.

| WOLF SENFF

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