Brenzlige Themen zum Schmökern

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Thema | 11 FREUNDE – Magazin für Fußballkultur

Ergebnisorientiert gibt’s kurzfristig, das Ergebnis von heute, Moment, muss morgen früh gedruckt sein, die aktuelle Tabelle daneben. Doch Sportberichterstattung ist eigentlich nicht Thema. Jede Tageszeitung hat ihre Sportredaktion, sei’s schrill großbuchstabig, sei’s detailliert und abgewogen, montags ist Fußball Spitzenreiter. Kicker-Sportmagazin sammelt seit Jahrzehnten alle nur greifbaren Resultate, bereitet zweimal wöchentlich alles nur Denkbare statistisch auf, tut sich ganz dicke mit Kaiser Franz, sagt Transfergerüchte weiter etc. pp. Wie schön, dass uns das heute nicht beschäftigt. Von WOLF SENFF

11 FREUNDE – Magazin für Fußballkultur

Fußball hat auch eine andere Dimension. Klar, das Ergebnis zählt, entscheidend is aufm Platz, im Stadion wird geheult, im Stadion wird gejubelt. Trotzdem hat Fußball eine Dimension über den Tag, über den Tellerrand hinaus. Ja, Wunder von Bern zum Beispiel, neues Selbstbewusstsein einer am Boden zerstörten Nation. Oder bewegende Biographien wie diejenige von Kurt Landauer, dem Ehrenpräsidenten eines süddeutschen Fußballvereins; er spielte schon als Siebzehnjähriger für seinen Verein. Vier seiner Geschwister wurden von den Nazis ermordet, er konnte rechtzeitig flüchten. Nur gerade das, was so dazu einfällt.

Aber im Mai wird gefeiert

Diese Dimension auszuschöpfen und immer wieder neu zu justieren, ist das redaktionelle Prinzip bei 11 FREUNDE. Nein, niemand muss das Rad neu erfinden; 11 FREUNDE ist ein Magazin für deutsche und internationale Fußballkultur abseits der Spielergebnisse, erscheint seit vierzehn Jahren monatlich, und demnächst, im schönen Monat Mai, wird die hundertfünfzigste Ausgabe ausgeliefert.

Ob das eine Zeitschrift für Fans ist? Oh, das ist eine schwierige Frage, auf die niemand mit Ja oder Nein antworten sollte. Es ist ja nicht einmal sicher, wen man den Fans zurechnen darf. 11 FREUNDE hat rund vierzigtausend Abonnenten. Im November-Heft war Für immer BVB? ein Aufmacher über Kevin Großkreuz, und gab auch ein Interview mit Bjarne Mädel – Heisterkamp in Stromberg und Heiko Schotte im Tatortreiniger – über »Bert van Marwijk, Pinkelrituale und dicke Eier«, da ahnte Mädel noch nicht, was auf ihn zukam, seit paar Tagen wird er sich besser fühlen mit seinem Verein.

Dass die Artikel originell sind, wird niemand bestreiten. 11 FREUNDE ist halt nicht die schmale Welt der Zahlen und Ergebnisse, sondern im weiteren Sinn die Welt des Fußballs. Fankultur. Ein Beitrag zum FC Portsmouth: »Im April kauften die Fans des FC Portsmouth ihren Klub zurück. Sie wollen der Gegenentwurf zur durchkommerzialisierten Premier League werden.« Denkt man sofort an Union Berlin. Oder über Werner Biskup: »Als Trainer wurde der Alkohol für ihn zum härtesten Gegenspieler. Doch auch dieses Problem hat er gelöst.« Wichtiges Thema, da ist er nicht der einzige.

Vedad Ibisevic, Vladimir Putin

Es muss beim Fußball einfach anderes geben als ewig das hohle Triumphgejohle, das Partyfeeling und Schland-Delirium, das spätestens beim zweiten Mal nur langweilig ist und abgeschmackt. Oder? In Brasilien, vernimmt man hier und da, wird erbittert demonstriert gegen die »WM der Reichen« in 2014. Man darf neugierig sein auf die WM-Ausgabe von 11 FREUNDE, die ihre eigene Position beziehen wird und die Alles-ist-wunderbar-Strophen der Mainstream-Medien nicht mitsingt. So ein Tag, so wunderschön wie heute, fiderallala.

Das Dezemberheft – inklusive Wandkalender 2014, an alles ist gedacht – enthielt ein langes Interview mit Vedad Ibisevic, der während des Jugoslawienkriegs aufwuchs. »Wenn die Bomber weg waren, kamen wir aus dem Keller und spielten weiter.« Außerdem eine Rangliste der fünfzig mächtigsten Männer des Weltfußballs. Erster? Klar, der Ausrichter der WM 2018, Vladimir Putin aus dem Land, wo der Rubel rollt.

Arsene Wenger, Thomas Hitzlsperger

Für Stadionfreaks liegt ein Stadionposter bei, diesmal vom Stadion ›An der alten Försterei‹ (Berlin). Einleitend gibt’s stets Bilder des Monats, abschließend Stadionbesuche weltweit (Leserbeiträge), etwa bei Ehime FC vs. Tokio Verdy im Ningeneer Stadion, Matsuyama, Japan, 2. Liga. Dass 11 FREUNDE spießig wären, wird man ihnen nicht vorwerfen können.

Februar 2014: »Wie Arsene Wenger den FC Arsenal zurück an die Spitze führt«, weiteres Thema: Thomas Hitzlsperger, und 1. FC Köln: »Nie wieder Chaos«, ferner ein aufschlussreiches Gespräch mit Erwin und Helmut Kremers (u.a. WM 74). Breit gefächerte Themen, originell ausgewählt, international aufgestellt.

Rasenballsport e. V. oder Red Bull

Die aktuelle März-Ausgabe dürfte skandalträchtig sein. Die Titelgeschichte befasst sich mit RB Leipzig, und da fängt es schon an. Wofür steht die Abkürzung im Vereinsnamen? Rasenballsport – das ist die Version für die feinen Kumpane in Nadelstreifen. Damit man nicht gegen die DFB-Satzung verstößt, denn die verbietet es den Vereinen, ihre Sponsoren im Namen zu führen. Das Wappen des Vereins führt das zentrale Erkennungsmerkmal des Konzerns, auch das verstößt bereits gegen Vorschriften, aber da hat entweder jemand gepennt oder, kann sein, da floss Euro.

RB für Red Bull, Getränkehersteller aus Fuschl am See im benachbarten Österreich. RB Leipzig ist ein Hundert-Millionen-Euro-Projekt, das in Leipzig und Umland stramm kalkuliert durchgezogen wird und mit Vereinskultur, gar Einflussnahme von Mitgliedern nichts am Hut haben will, sondern als reines Marketingmodul aufgestellt ist. Gibt’s übrigens schon: RB Salzburg, RB New York, sowie einen brasilianischen RB-Viertligisten und eine RB-Fußball-Akademie in Ghana – RB-Brause worldwide, Zahnweh allüberall, Kapitalismus kennt keine Demokratie. Es ist eine komplett kontroverse Debatte, die von 11 FREUNDE überzeugend dargestellt ist, mittendrin, ein Artikel vom feinsten, und in der schnellen Sportberichterstattung wird man davon nicht lesen.

Brenzlige Themen. Und dennoch ein Heft zum Schmökern, das Leichtigkeit und Humor nicht vermissen lässt. »Ich lerne nicht extra Französisch für diese Spieler, wo diese Sprache nicht mächtig sind« (Mario Basler laut Rubrik Fußballer erklären die Welt). 2010 gab’s den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Humor für den Liveticker auf 11freunde.de und 2013 den Grimme-Online-Award. Gut. Man wird ja auch mal loben dürfen. Und 11 FREUNDE hat sich gegen allerlei Konkurrenz behauptet, es gibt das vergleichbare Magazin Der tödliche Pass, außerdem ZWÖLF in der Schweiz, ballesterer und Null Acht in Österreich, das Publikum ist dankbar, dieser Markt ist umkämpft.

Ein Widerschein der Barbarei

Ein zweites Thema fällt ebenfalls aus dem alltäglichen Rahmen und fand bereits in der Frankfurter Rundschau Aufmerksamkeit (FR, 25. 2.). Es geht um die vierunddreißigseitige Beilage, ein gemeinsames Projekt von 11 FREUDE und Sporthistorikern der Universität Hannover sowie der Kulturstiftung des DFB. »Als der 13 Jahre alte Leo Weinstein im Frühjahr 1934 zum Training der Nachwuchsmannschaft des SV Werder Bremen kam, erlebte er den Schock seines jungen Lebens. Der Trainer teilte dem schon seit fünf Jahren im Klub aktiven Jungen mit, dass er ab sofort nicht mehr mitspielen dürfe: weil er Jude sei.«

So ging’s zu. Wir erhalten einen Widerschein barbarischer Zustände, die den Fußball nicht verschonten. Wir lesen Kurzbiografien von hundertzweiundneunzig jüdischen Fußballern, die Opfer der NS-Verfolgung wurden. Kann man die Kurzbiografie des oben erwähnten Ehrenpräsidenten nachlesen. »Verlorene Helden«. Nicht auf hübsch buntes Papier gedruckt, keine Großbuchstaben, und dennoch bewegende Seiten oder, einfach: herzergreifend.

Nein, es gibt nichts zu mäkeln an diesem Magazin für Fußballkultur, man kann es reinen Gewissens weiterempfehlen. In manchem vertrauten Café hängt es aus, ja, man kennt es, gut so.

| WOLF SENFF

Titelangaben
11 FREUNDE – Magazin für Fußballkultur
Berlin: 11 FREUNDE Verlag (#148, März 2014)
114 Seiten. 4,50 Euro

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Reaktionen auf den Artikel »Der große Red-Bull-Bluff«

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