/

Risse

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Risse

Du könntest endlos heulen, doch ändert das nichts.

Lachen, sagte Tilman, lachen am Rande des Abgrunds.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Annika schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Wenn du weißt, wodurch ein Gewitter zustande kommt, sagte Tilman, mußt du dich nicht länger davor fürchten.

Er habe trotzdem Angst vor einem Gewitter, allein das gewaltige Donnern und daß der Blitz einschlage, sein überwältigendes Schauspiel am Himmel, sagte Farb, da helfe ihm keine Physik, der Zweck all ihrer Formeln und Zaubersprüche liege eh im Versuch, die Ängste des Menschen rational zu erklären, mehr sei nicht dran an all seiner physikalischen Wissenschaft mitsamt Nobelpreis, der Mensch fühle sich nun einmal an eine unbegreifliche Welt ausgeliefert und verlange in seiner Not nach Mitteln, nach Ausflüchten, sich zu beruhigen, da suche er Zuflucht bei der Physik und erkläre sich sicherheitshalber sogleich zu einem Homo sapiens.

Das könne es nicht sein, sagte Annika und lächelte, sie habe Angst vor Spinnen, Arachnophobie.

Farb tat sich einen Löffel Sahne auf und verteilte sie sorgfältig über sein Stück Kuchen.

Tilman rückte näher an den Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Aber er werde seine Ängste nicht los, sagte Farb und aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte.

Und wenn es die Angst vor dem Gewitter sei, sagte Annika und lächelte mitfühlend.

Farb nickte.

Seine Angst sei real, sagte er, es sei unmöglich, sie wegzuerklären, man könne sie vielleicht verschieben oder verdrängen, doch sie loszuwerden, das sei ein anderes Lied.

Aber wie damit umgehen, fragte Annika.

Und ob hinter der Astrophysik nicht die Angst vor der unermeßlichen Weite des Weltalls lauere, frage er sich, der Mensch werde von seinen Ängsten heimgesucht, sein Erkenntnisinteresse sei ein billiger Vorwand, eine Heuchelei, nur daß er sich nicht seinen Ängsten stellen müsse, und seine diversen Entwürfe von Zivilisation dienten demselben Zweck: Barrikaden zu errichten gegen seine Ängste, und öffentlich träten Hanseln auf, Wirrköpfe, die, um die eigenen Ängste zu übertönen, lauthals prahlen, zum Mars fliegen zu wollen, womöglich, Farb lachte, mit selbstfliegenden Raketen.

Das sei schön und gut, räumte Annika ein, nur antworte es nicht auf ihre Frage, oder solle sie sich das als ein endloses Gefecht vorstellen, der Mensch ein Leben lang im Kampf gegen seine Ängste, wohl hoffentlich nicht, aber wie denn anders.

Farb tat sich ein zweites Stück von der Pflaumenschnitte auf.

Tilman schenkte sich Tee ein und warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Farb nahm einen Löffel Sahne, verteilte sie über sein Stück Kuchen und strich sie sorgfältig glatt.

Das Thema lasse sich noch überhöhen, sagte er, indem man die Ängste zu Dämonen erkläre, die sich im Menschen festbeißen, sich in seine Seele fressen, seine Biographie in Beschlag nehmen, und er findet nicht mehr den Weg zu sich selbst.

Schlimm, sagte Annika und nickte, aber sah auch darin keine Antwort auf ihre Frage.

Nein, sagte Farb, er wisse keine Patentlösung, woher auch, wir suchten wohl Trost bei unseren Pillendrehern, doch es existiere kein Medikament, das die Ängste beseitige, er lachte, außer daß eben Dinge, denen er vertraue, gar nicht erst angstbesetzt seien, daß also das Vertrauen eine wirksame Brandmauer sei.

Doch es sei nicht billig zu haben, sagte Annika und schenkte sich Tee ein, sie war vernarrt in das Service mit dem rostroten Drachen, das Tilman, wie er sagte, von einem Aufenthalt in Beijing mitgebracht habe, als ein Geschenk, sagte er, aber sie hatte es vor einigen Wochen auch in einem Geschäft in der Innenstadt gesehen, ja, das gleiche Service, auch lindgrün, und nein, sie hatte ihm davon nicht erzählt.

Vertrauen biete einen Schutz gegen Ängste, ähnlich einem Immunsystem, erklärte Farb, das den Körper gegen Krankheiten schütze, denn wem du vertraust, sagte er, von dem mußt du nichts fürchten, Vertrauen sei ein kostbares Gut, extrem kompliziert, man könne es weder herstellen noch in eine Formel fassen, es werde nicht als Ware gehandelt, doch es sei möglich, Bedingungen zu schaffen, unter denen Vertrauen entstehe, und nein, kein Bedarf, Vertrauen lasse sich weder zählen noch messen oder wissenschaftlich zergliedern, und wo Vertrauen enttäuscht werde, tue sich sogleich ein Einlaß für Ängste auf.

Er lächelte und aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte.

Tilman lehnte sich entspannt zurück.

Ein schöner Gedanke, sagte Tilman, der sich weiterführen lasse, man spreche da von einem Urvertrauen in die Abläufe, und unerschütterlich ruhen die zehntausend Dinge.

Annika nahm ein Vanillekipferl, sie sahen nur noch so aus wie Kipferln, sie hatten im Geschmack nachgelassen.

Urvertrauen, fügte Tilman hinzu, werde in den ersten Lebensjahren erworben, in einem stabilen familiären Umfeld und verläßlichen Beziehungen.

Das sei nicht falsch, sagte Farb, doch agiere der Alltag längst jenseits aller Stabilität, die Dinge änderten sich ehe sich’s einer versieht, und oft sei die schönste Theorie von gestern und passe nicht mehr.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Das Schlimmste ist nicht die Einsamkeit

Nächster Artikel

Genau richtig

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Chiffrierter Geheimnisträger statt Volkstümelei

Kurzprosa | Alexander Graeff: Runen Dass Hundehalter sich im Laufe der Zeit dem Charakter (und oftmals auch der Optik) ihres Schützlings anpassen würden, wurde bereits in jeder Zeitschrift von Lisa bis Focus ausgiebig behauptet. Gleiches soll auch für Menschen gelten, die lange zusammenleben. Als männliche Hälfte eines Ehepaares, das die Petersilienhochzeit bereits deutlich hinter sich gelassen hat, ist es mir erfreulicherweise dennoch gelungen, trotz innigster Verbundenheit in einigen Bereichen Freiräume und eigene Ansichten zu bewahren. STEFAN HEUER bespricht Alexander Graeffs Prosaminiaturen Runen.

Intellektuell betreutes Wohnen

Kurzprosa | Sigrid Nunez: Sempre Susan

Die Schriftstellerin Susan Sontag (1933-2004) war in den USA eine ungemein populäre, allerdings auch von vielen kritischen Attacken begleitete Intellektuelle. Die promovierte Philosophin, die 2003 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat es als scharfsinnige Essayistin zu internationaler Anerkennung gebracht. Sie selbst sah sich aber lieber als Romanautorin und fühlte sich in dieser Haltung bestätigt, als sie für ihren letzten Roman In Amerika (dt. 2002 bei Hanser) den National Book Award erhielt. Nun ist ein kleiner, aber ungemein gehaltvoller Band der amerikanischen Schriftstellerin Sigrid Nunez erschienen, der über ihre Begegnung, über ihr kurzzeitiges Zusammenleben und die gemeinsame Arbeit mit Susan Sontag berichtet. Die Erinnerungen an Susan Sontag hat PETER MOHR gelesen

Dabeisein

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Dabeisein

Wie es sich anfühle, fragte Bildoon, am eigenen Untergang teilzunehmen.

Vergiß es, sagte Touste.

Blöde Frage, sagte Crockeye, als Seemann bin ich jederzeit darauf gefaßt, daß mein Schiff sinkt und ich mit, da fühlt sich nichts an.

Bildoon spricht nicht von der Seefahrt, sagte Pirelli.

Sondern, fragte Rostock.

Stimmungen und Empfindungen

Kurzprosa | Patrick Modiano: Schlafende Erinnerungen »Es geht in meinen Büchern überhaupt nicht um mein eigenes Leben. Ich benutze nur Empfindungen, die ich gehabt habe, und Stimmungen, in denen ich gelebt habe«, bekannte Patrick Modiano, Nobelpreisträger des Jahres 2014, in einem seiner wenigen Interviews. Und doch schreibt der inzwischen 73-jährige französische Autor, für dessen umfangreiches Werk Paris mindestens ebenso wichtig ist, wie es Köln einst für Heinrich Böll war, stets sanft an seinem eigenen (Er)-Leben entlang. Von PETER MOHR

Lesen und Leben

Kurzprosa | Arche Literaturkalender 2019 Auch in diesem Jahr vereint der alljährlich erscheinende Literaturkalender des Schweizer Arche Verlags unter dem Motto »Lesen und Leben« alte und neue, illustre und weniger illustre Dichter und Literaten.Von BETTINA GUTIERRÉZ