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Das Schlimmste ist nicht die Einsamkeit

Lyrik | Menschen | Aron-Thorben Zagray: Das Schlimmste ist nicht die Einsamkeit

Aron-Thorben Zagray legt sein Werk ›Das Schlimmste ist nicht die Einsamkeit‹ in einer zweiten Auflage vor. Diese hat sich sichtlich verändert. MARC HOINKIS schaut einmal genauer hin und befragt den jungen Autor.

»Nichts schreit so laut, wie die tiefste Stille. Wenn der Himmel fällt und du weißt, dass du einsam bist«. Die ersten Zeilen des Gedichtbandes gaben damals schon einen Vorgeschmack auf die erschlagende Lyrik, die A.T.Z. in ›Das Schlimmste ist nicht die Einsamkeit‹ zu Papier brachte. In seiner zweiten Auflage erstrahlen diese Texte nun in neuem Glanz: Zagray schreibt neu, stellt um und entwickelt weiter. So lauten die ersten Zeilen nun: »Nichts schreit so erdrückend wie die tiefste Stille, wenn der Himmel zerbricht und dir bewusst wird, dass du allein bist.«

Zagrays Lyrik wirkt wie die winterliche Nachtluft nach einem intensiven Kneipenaufenthalt: ernüchternd in ihrer Plötzlichkeit. Doch von läuternder Qualität: streng und ehrlich. Der Autor wagt sich in die brutalen Abgründe des Daseins und blickt in jede Ecke, unter jeden Stein. Schutzlos sind wir ihm ausgeliefert, wenn er die Anfangszeilen weiterführt: »Nichts schmerzt so tief wie die unendliche Weite, wenn vor dir nichts bleibt als Wege, noch mehr Leben.« Das ist die Welt, in der ein Mensch wandelt. In der ein Leben stattfindet. In der eine Existenz scheitert. Und wir können uns vor dem Autor nicht verstecken. »Nichts täuscht so meisterhaft wie das schönste Spiegelbild, wenn nichts mehr real ist«, heißt es dann, »an dem Wesen, ohne Falten, ohne Narben, ohne alles.«

Zagray schreibt direkt und offensichtlich: »Das Schlimmste ist nicht die Einsamkeit, sondern die traurige Erkenntnis, dass dich niemand in deiner Ganzheit begreift.« Er erkennt die Tiefe des Seins und spricht unverblümt über das, was er darin sieht. »Einsamkeit kann zu einer kostbaren Gabe werden, die dir widerfährt«, erklärt der Autor daraufhin und zeigt uns, wie auch er seine Meinung weiterentwickelt. Denn noch im ersten Band war die Einsamkeit »das Beste, was dir passieren kann.« Zagray schreibt nun erwachsener und offener, büßt aber nichts von seiner Direktheit ein. Er zeigt uns, dass wir selbst genügen, dass unser Innerstes eine Größe besitzt, die nur wir selbst erfahren können. Und zwar, wenn wir uns selbst zuhören, »denn nur in der Stille, die in der Einsamkeit verborgen liegt, der vollkommenen, der schonungslosen Stille, erkennst du dein wahres Selbst.« Dies ist für Zagray das Wichtigste und der Dichter proklamiert: »Das ist von unschätzbarem Wert, übertrifft alles andere.«

Man möchte Zagrays Lyrik unmissverständlich oder eindeutig nennen, klar und transparent. Doch das wäre zu einfach. Sie ist ebenso tief, wie ihr Thema: der Mensch in einer Welt, die er selbst erschafft. Hier und da musste ich beim Lesen wirklich Schlucken. Was sagt der Autor selbst dazu?

Marc Hoinkis: Hello again – seit unserem letzten Gespräch ist nun fast ein Jahr vergangen. Dein Gedichtband war erfolgreich, hast du in der Zwischenzeit auch an anderen Projekten gearbeitet?
Aron-Thorben Zagray: Es freut mich, dass wir uns zu einem erneuten Gespräch zusammensetzen konnten. Generell brüte ich ständig über Projekten aus, arbeite an verschiedenen Schreibvorhaben oder entwickle neue Ideen. Seit unserem letzten Treffen habe ich erfolgreich zwei größere Projekte abgeschlossen, und ich bin besonders zufrieden damit, dass auch ein neuer Gedichtband fertig geworden ist, der im nächsten Jahr erscheinen soll.

Das klingt ja wirklich spannend, willst du mir und unserem Publikum schon etwas darüber erzählen?
Sehr gerne. Nach ›Das Schlimmste ist nicht die Einsamkeit‹ habe ich unmittelbar mit den Arbeiten an meinem neuen Band begonnen, der den Titel ›Absage ans Schweigen‹ tragen wird. In diesem knapp einhundertachtzigseitigen Werk war es mir wichtig, die Bedeutung des ehrlichen Sprechens und Schreibens zu betonen. Das erschien mir notwendig in einer Welt, die oft vom Lärm der Oberflächlichkeit geprägt ist. Grundsätzlich wollte ich zeigen, dass in ehrlicher, schlichter Sprache eine große Intensität und vor allem ehrlichste Menschlichkeit zu finden ist. Meine Botschaft lautet: »Es lohnt sich, du selbst zu sein. Trau dich und sprich frei heraus, teile dich mit!«

Hattest du nach deinem letzten Werk das Gefühl, dass du noch nicht alles gesagt hast, oder woher kam der Drang? Wird sich dieses Werk von deinem jetzigen unterscheiden?
Grundsätzlich habe ich mich einfach von meinen Beobachtungen, Gefühlen und Erfahrungen inspirieren lassen, insbesondere von Gesprächen mit mir nahestehenden Menschen. Und dann fing ich an zu schreiben. In der Herangehensweise hat sich wenig verändert. Die größten Unterschiede liegen in der Länge bzw. der Ausführlichkeit der Gedichte. Und natürlich im Thema, das dem neuen Band zugrunde liegt.

Wie kam es eigentlich zu der zweiten Auflage deines Erstlingswerks? Nicht nur das Cover hat sich verändert, sondern Du hast die meisten Gedichte ja noch einmal tiefgehend überarbeitet. Im Gedicht ›Nichts‹ tauschst du Worte, beispielsweise »laut« gegen »erdrückend«, »fällt« gegen »zerbricht«. Aus dem Wissen wird das »bewusst werden«, die Weite wird zur Unendlichkeit und die Lüge zur Täuschung. Aus »einsam« wird »allein«. Haben diese Worte für dich eine andere Bedeutung bekommen? Auch die Satzstellung und somit der Sprach- (oder Lese-) Rhythmus verändert sich an manchen Stellen.
In der zweiten Auflage habe ich versucht, die Texte zu verdichten und ihnen einen bildhafteren Charakter zu verleihen, ohne dabei die Identität der Gedichte aufzugeben. Dies spiegelt sich auch im neuen Cover wider.
Für mich haben diese Worte in der Tat eine andere Bedeutung bekommen. Sie sind nicht nur Ausdruck von Veränderung, sondern auch von einer vertieften Reflexion über die Themen, die ich anspreche. Die Umgestaltung der Satzstellung und somit des Sprach- oder Lese-Rhythmus erfolgte, um eine stärkere Resonanz und Ausdruckskraft zu erzielen. Jeder Wortwechsel und jede rhythmische Anpassung dient dem Ziel, die Gefühle und Botschaften meiner Gedichte auf eine prägnantere Weise zu vermitteln.

Bei manchen Gedichten hatte ich den Eindruck, als würde ich eine Art Analyse des ursprünglichen Gedichtes lesen, so bei ›Das Beste daran‹. Hier definierst, konkretisierst du deine Aussagen. Wie möchtest du die Erstfassungen deiner Gedichte gelesen wissen? Sind sie eine Art Rohbau oder ein Zeugnis deiner früheren Persönlichkeit? Sollen sie sogar verworfen oder gar zum Vergleich herangezogen werden?
Die Erstfassungen meiner Gedichte betrachte ich als einen Ausdruck meiner damaligen Gedanken und Emotionen, eine Art Rohbau meiner kreativen Prozesse. Sie sind Zeugnisse meiner früheren Persönlichkeit und meiner ersten Auseinandersetzung mit den Themen, die mich bewegten. Diese Rohfassungen sind in gewisser Weise roher Ausdruck meiner künstlerischen Intentionen und des kreativen Impulses.

Allerdings sehe ich die Überarbeitungen und Veränderungen als eine natürliche Weiterentwicklung und Vertiefung meiner Ausdrucksweise. Die überarbeiteten Gedichte repräsentieren eine reifere Perspektive, eine präzisere Art der Formulierung und vielleicht auch eine tiefere Verbindung zu den Inhalten.

Es ist nicht notwendigerweise das Ziel, die Erstfassungen zu verwerfen, sondern eher, sie als wichtigen Schritt im Schaffensprozess zu betrachten. Sie können als Vergleich herangezogen werden, um die Entwicklung meiner künstlerischen Stimme zu verdeutlichen. Wenn Leserinnen und Leser Interesse an einem tieferen Verständnis meiner Gedichte haben, können die Erstfassungen als Einblicke in den kreativen Entstehungsprozess dienen. Jede Version trägt ihre eigene Authentizität und erzählt einen Teil meiner künstlerischen Reise.

Das ist ein sehr schöner Gedanke – und tatsächlich erscheint es mir auch als völlig sinnvoller Schritt; ich kenne bisher kein literarisches Werk, dass so veröffentlicht wurde. Ich würde gerne noch einmal auf das Cover zurückkommen: Der Wirbel der ersten Auflage wurde von Pascal Okulus entworfen. Wer gestaltete das Cover der jetzigen Auflage?
Die Person bat um Anonymität, was ich respektieren möchte. Dennoch kann ich mitteilen, dass sie den ersten Band als sehr bewegend empfand und sich daher bereit erklärte, das Cover zur Verfügung zu stellen.

Ich finde die Gestaltung jedenfalls sehr treffend. Gab es eigentlich einen Auslöser für die Entscheidung, deine bestehenden Gedichte weiterzuentwickeln? Ich hatte dich damals gefragt, ob du in bestimmten Situationen schreibst. Hast du dir bei dieser Arbeit eine besondere Arbeitsumgebung geschaffen?
Es scheint, als hätte sich an meiner Arbeitsweise oder meiner Arbeitsumgebung wenig verändert. Ich schreibe nach wie vor abends, wenn die Dunkelheit durch die Fensterritzen kriecht. In dem Moment, wenn es draußen ruhig wird und die Welt im Schlaf liegt, finde ich die optimale Ruhe, um ganz für mich zu sein.

Ich hatte dich damals ebenfalls gefragt, ob du literarische Vorbilder hast. Ich möchte die Frage hier ausweiten: Was aus der Welt der Künste beschäftigte dich in diesem Jahr und was ist es jetzt gerade?
Ich kann es einfach nicht lassen und nehme mir immer wieder Bukowski vor – sei es bei einer Neuauflage, unveröffentlichten Gedichten oder Büchern, die bisher nicht auf meinem Radar waren. Manchmal lese ich auch punktuell, spontan ein paar Seiten oder einzelne Gedichte. Neben den literarischen Orientierungspunkten, die ich bereits damals aufgeführt hatte, würde ich sagen, dass ein Großteil meiner Lesezeit den Werken von Walter Moers gewidmet ist. Vor diesem Jahr war mir sein Name durchaus ein Begriff, doch gelesen hatte ich noch nichts von ihm. Das hat sich geändert. Durch ein Geschenk kam ich in Berührung mit ›Die Stadt der träumenden Bücher‹ von Moers, und es hat mich sofort gefesselt. Mittlerweile bahne ich mir meinen Weg durch Zamonien – und ich liebe es. Besonders fasziniert bin ich von der Originalität und dem Einfallsreichtum, die dieses Universum zu bieten hat.
Gibt es denn nur Literatur, die dich interessiert?

Die Literatur ist wahrscheinlich mein Hauptbezugspunkt im Bereich der Kunst, doch nicht der einzige. Gerne lasse ich mich von verschiedenen Bands oder Künstlern mitreißen, wobei hier Chet Baker immer wieder zu nennen ist. Zusätzlich investiere ich Zeit darin, mir Gemälde anzuschauen und mich gegebenenfalls von ihnen inspirieren zu lassen. Besonders angetan hat es mir dabei Monet.

Gibt es noch etwas, dass du deinem Publikum mit auf den Weg geben willst?
Ich möchte das Publikum dazu anhalten, authentisch zu bleiben und den Mut aufzubringen, die ureigenen Träume zu verfolgen. In einer Welt, die von Herausforderungen und unendlichen Möglichkeiten geprägt ist, ist es von großer Bedeutung, sich selbst zu erkennen und Dinge zu tun, die tief im Inneren brennen. Vertraut auf eure eigenen Fähigkeiten, denn häufig sind es die kleinen Schritte, die zu monumentalen Erfolgen führen. Bedenkt stets, dass Rückschläge als Gelegenheiten zur individuellen Weiterentwicklung dienen.

Oder anders gesagt:

Die Freiheit liegt im Denken, im Tanz der Ideen Licht,
Der Geist, ein Künstler, formt die Welt im ewigen Gedicht. Die Worte tanzen leise, auf des Schicksals großer Bühne,
Ein Sturm der Freiheit weht, in der Unendlichkeit der Träume.

Sehr schön. Als abschließende Frage möchte ich wissen: welches Album würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?
›Chet Baker Sings‹ von Chet Baker oder ›The Empyrean‹ von John Frusciante. Ich kann mich nicht entscheiden. Beide sind großartig und mir sehr wichtig.

Danke für das ausführliche Gespräch! Ciao!
Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, dich mit mir zu unterhalten!

| MARC HOINKIS

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