Nimm und lies

Lyrik | Martina Weber: Erinnerungen an einen Rohstoff

Martina Weber, Jahrgang ’66, Lyrikerin, Juristin. Heinrich-Vetter-Preis, Georg-K.-Glaser-Förderpreis, Frankfurter Autorenstipendium. Zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik in renommierten Zeitschriften und Anthologien. Verfasserin eines Standardwerks zum Schreiben und Vermarkten von Lyrik. Erinnerung an einen Rohstoff ist ihr erster Gedichtband (Poetenladen, Leipzig, 2013). Von CHRISTOPH SCHWARZ


Martina Weber: Erinnerungen an einen Rohstoff
Das ist wirklich gute Lyrik. Diese Texte kommen leise daher, sie spielen mit Details, mit kleinsten, feinen Beobachtungen. Die spielen mit uns, mit unserer Sicht auf die Dinge, auf die Bewegungen und die Welt der Dinge. Martina Weber führt uns durch unsere kleine, große Welt – mit ihren Wörtern, mit ihrer kunstvoll geführten Syntax.

Die Verwendung von Satzzeichen bei Martina Weber ist minimal. In Verbindung mit der Reduktion auf Kleinschreibung entsteht dabei klug konstruierte Ambiguität. Sprachliche Kaleidoskope verdrehen, verwirbeln unsere gewohnte Sicht auf die Dinge. Zeilenumbrüche werden verwendet, um scheinbar Vollendetes in der Folgezeile dann doch nicht enden zu lassen und weiterzuspinnen, um unser Sprachverständnis von einem sprachlichen Farbton in einen anderen Farbton hinüberfunkeln zu lassen. Sätze bleiben offen, Wörter ändern ihre angenommene Bedeutung in einem Folgekontext, der aus Substantiven Verben zaubert, diese zurückverzaubert in Substantive, und dann beide Wortformen aufleuchten lässt. Raum und Zeit bleiben ambivalent in immer neu und unerwartet gefügtem und aufgebrochenem Wortmaterial.

Die Welt bleibt im Ungefähren: Wörter wie »eigentlich«, »nirgendwo«, »oder«, »sonst« vermitteln Unsicherheit und Zögern, ebenso wie die Verwendung von Konditionalformen. »… unbeschriftet / sind unsere namen, wir wissen ja nichts«. Antworten gibt es nicht, Antworten werden nicht gesucht: »ich werde nichts fragen.« Das sog. Reale wird erfahren als »zuflucht«, Welt ist irreal »als wären wir einmal woanders gewesen«. »ich werde keine orte beschrieben« heißt es. »und du erfährst nichts, / wenn du fragen stellst«.

Alltägliche Lebensdinge werden aufgezeigt, die nur für uns, ganz alleine, da sind und existieren, als unsere Welt, wie sie Gottfried Benn in »Hör zu« beschrieben hat: Das Große und das Kleine, die Dinge, alles ist »auch für dich geschehn, durch dich geronnen« (Gottfried Benn). Leiser, viel leiser und aus einer anderen Zeit klingt das so: »alles, was uns umgibt, hat mit uns tun« (Martina Weber). Da spricht eine Lyrikerin von »uns«, bezieht sich also selbst mit ein, verliert sich in diesem undifferenzierten »uns«, in dem kein »du« und kein explizites »ich« mehr Platz braucht.

Man möchte die Gedichte in die Hand nehmen und spielen damit, wie mit Murmel, Sprachmurmeln, sie blinken und blitzen lassen, man möchte sie anstoßen, in wechselndes Licht drehen und wieder zur Ruhe kommen sehen.

Reimwörterbücher gab es schon immer. Und wer ein wenig Gespür für Sprachrhythmus hat, kriegt auch die klassischen Versmaße hin. Elektronische Wörterbücher, rückläufig sortiert oder mit formalen Regeln auf Wortendungen absuchbar, helfen dem Lyriker im Computerzeitalter (wenn er es denn nötig hat). Aber so etwas wie bei Martina Weber schafft der nicht leicht. Wir wollen genau hinhören:

Zwei Zeilen am Ende eines Gedichts: »… ein ausgetrocknetes wunder und wie / die halme sich halten an nichts«. Liest man die letzte Zeile isoliert, ohne das Enjambement der vorausgehenden Zeile zu berücksichtigen, dann kommt sie, im Hinblick auf die Stellung des Reflexivums »sich«, klassisch veraltet in ihrer Syntax daher, zumal da sie streng jambisch getaktet ist: »die halme sich halten an nichts«. In einem deutschen Hauptsatz würde man erwarten »Die Halme halten sich an nichts«, nicht »Die Halme sich halten an nichts«.

Aber diese Lesart war ja zunächst sicher nicht angedacht, wenn man sich die vorausgehende Zeile ansieht/anhört: »ein ausgetrocknetes wunder und wie«. Diese Zeile verbindet, ganz normal, Hauptsatz und Nebensatz, also die vorletzte und letzte Zeile. Hier im Nebensatz klingt »sich« syntaktisch gewohnter: »… und wie / die halme sich halten an nichts!« (Nur so nebenbei: Das wunderbare Bild der Halme, die sich an nichts halten können oder wollen!)

Der sparsame Umgang mit Interpunktion eröffnet die andere, unwahrscheinliche Lesart (Aber was soll Wahrscheinlichkeit in der Lyrik?!). Zumindest verstellt der minimale Gebrauch von Satzzeichen sie nicht. Wir lassen der letzte Zeile ihren Hauptsatzcharakter, zerlegen diesen Hauptsatz und spielen in anderen Lesarten. Dann könnte man das hören: Ein Ausruf »Und Wie!« übernommen aus der vorausgehenden Zeile. Ein Aufschrei in der Folgezeile »Die Halme!«, und, als wäre das Rettung: »Sich halten!«. Und dann der jähe Abbruch, als Antwort: »An nichts!«.

(Kann man das aus den Zeilen lesen? Steht das im Text? Ist das gewollt von der Autorin? Merkwürdige Fragen. Wen interessiert das! Für wen ist das wichtig! Sprache ist es! Wer Ohren hat zu hören, der höre!) Hineinhören (hören!) in Zeilen wie diese:

unter ihren wollmützen die kinder
sie stapfen kälte aus den schuhen sie atmen
kleine geister flüchtig in die nacht.

Hat man sich einmal an/in die vielfältigen Möglichkeiten dieser Sprache heran/hineingelesen, dann brechen auch Komposita auseinander und entfalten ein Eigenleben und schaffen sich über ihre verbalen oder nominalen Lesarten ihr eigenes Zusammenspiel. Wie vordergründig falsch auch immer das Possessivum „ihren“ sein mag, wenn man das Kompositum »Wollmützen« zerlegt in »Woll‘/Wolle« und »Mütze« (es müsste dann ja »ihrer« heißen: »unter ihrer Wolle«):

Was hindert den Leser, »Wolle«, verkürzt zu »Woll‘«, zu lesen (und das falsche Pronomen zu überhören)! Und unter Wolle mützen (sich) nun die Kinder (ich mütze, du mützt, sie mützen! Ein Verb, für Arno-Schmidt-Fans kein Problem!). Das ist genauso absurd und wunderschön, wie das Bild von den Kindern, die die Kälte aus ihren Schuhen (heraus)stapfen. Die Kinder atmen kleine Geister (Akkusativ) aus. Oder sie sind selbst (Nominativ) kleine Geister, die flüchtig in die Nacht atmen. Man braucht die Phrase »kleine geister« dazu nur durch Kommata in einer Apposition zu klammern: »Sie atmen, (als) kleine Geister, flüchtig in die Nacht«.

Und das Folgende müsst Ihr jetzt selbst lesen: Ein kurzes Gedicht aus dem Band von Martina Weber. Und wenn es Euch nicht gefällt, dann ist Euch nicht zu helfen, dann lest klassisches Balladengeballere oder andere Heilige Schriften:

selbst der schrei der möwe
geht in die tänze ein und die bewegung
blauer fische
so ein stirnband
aus silberspuren wie es zittert
während der schatten der tänzerin zu
boden fällt

Und wer aus Gedichten nur kurze schöne Sätze mitnehmen will (in das Leben, in das kleine und das große Leben), zum Nach-Denken oder überhaupt zum Denken, der wähle z.B. diese Gedichtzeile: »schönheit ist eine frage des lichts.« Man kommt ins Schwärmen! Nimm und lies!

| CHRISTOPH SCHWARZ

Titelangaben:
Martina Weber: Erinnerungen an einen Rohstoff
Leipzig: Poetenladen 2013
88 Seiten. 16,80 Euro

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