Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

Kalendernotiz

Ein Kribbeln in der linken Hand,
als wollte sie mir sagen,
daß der Bruch nicht ausgeheilt ist
und das Gelenk nicht belastbar,
daß ich mich auf nichts verlassen kann.

Was tut sich in den Sehnen, woher
kommen die Verspannungen,
was geht in den Fingerspitzen vor
mit ihrem tauben Gefühl,
warum haben sie keinen Spürsinn?

Als ich damals den Halt verlor
und in die Tiefe stürzte:
War das nur ein Riß durch den Tag
mit schneller Wiederherstellung
oder dauert alles noch an?

Da war der Begriff Fallhöhe
plötzlich unterlegt mit Anschauung,
der Unterschied zwischen oben
und unten trat vor Augen
wie eine klare Erkenntnis.

 

Blick in meine Werkstatt

Wo die Worte geschliffen werden
und die Verse zugespitzt,
damit sie genauer sitzen,
überall liegt Material,
Beschriebenes, Klebstoff, Stifte.

Auf dem Tisch feiner Abrieb,
der von zu groben Wörtern
runter mußte, Kommata,
weil sie nicht richtig saßen,
dazu dürre Sprachhülsen.

Zu Boden gefallen Stoff,
der sich nicht verwandeln ließ
beim schreibenden Zugriff,
und ein kleines Liebesgedicht,
dem es an Erfahrung fehlte.

 

Fingerübung

Damit sie gelenkig bleiben
und die formbaren Wörter
hinschreiben wie aus einem Guß,
ihnen den Weg in die Zeilen
bahnen, zuweisen ihren Platz.

Sie brauchen die tägliche Übung
wie beim guten Klavierspiel,
müssen gedehnt und gespreizt werden
und immer im Training bleiben
mit der sperrigen Sprache.

Keine Ermüdungserscheinung,
kein Mangel an Elastizität,
die Finger müssen geknetet
werden durch neue Anforderung,
durch die Anspannung des Schreibens.

Wie beweglich sie immer sind,
wenn ihnen ein ganz neues Wort
zuströmt durch den ganzen Körper
und vordringt in die Fingerspitzen
durch einen ganz frischen Impuls.

| PETER ENGEL

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Vertreibung ins Paradies

Nächster Artikel

Sut erzählt (3)

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Entzug als Prinzip

Roman | Versuch einer Annäherung an ›Manolia‹

 
Es gibt Bücher, die erzählen, und es gibt solche, die sich entziehen. ›Manolia‹ gehört entschieden zur zweiten Art. Schon die ersten Seiten wirken wie ein vorsichtiges Abtasten der Welt, nicht wie ihr Zugriff. Man betritt keinen klar umrissenen Raum, sondern eine Stimmung — eine leise Verschiebung im Gefüge der Wahrnehmung. Von ARON-THORBEN ZAGRAY

Den Worten verfallen

Lyrik | Peter Engel: Den Worten verfallen

Schon am Morgen der starke Rausch,
wenn die Einfälle kommen
beim Erwachen und mich erste
Worte hin zum Schreibtisch ziehn,
wenn sie mich nötigen,
ihnen genug zu tun auf dem Blatt.

Streifzug durch Jahrhunderte

Lyrik | Tobias Roth: Aus Waben Tobias Roths erster Gedichtband Aus Waben speist sich aus Kunst und Kultur vergangener Epochen. Von LUTZ STEINBRÜCK

Nach oben offen

Lyrik | Vierzeiler der Woche – von Michael Ebmeyer   Den Dresscode geknackt in bessere Kreise vorgedrungen »Einer geht noch rein« gesungen splitterfasernackt