Streifzug durch Jahrhunderte

in Lyrik

Lyrik | Tobias Roth: Aus Waben

Tobias Roths erster Gedichtband Aus Waben speist sich aus Kunst und Kultur vergangener Epochen. Von LUTZ STEINBRÜCKTobias-Roth+Aus-WabenWeit holt er aus, wenn er dichtet, der 1985er Tobias Roth aus Berlin. Statt im urbanen Großstadt-Alltag oder in intimen Beziehungsgeflechten, findet er Inspiration und Stoffe für sein Lyrik-Debüt Aus Waben (Verlagshaus J. Frank) bevorzugt in kunst- und kulturgeschichtlichen Sphären des Abendlandes. Die Gedichte führen ihre Leser in dafür maßgebliche ferne Epochen, speziell in die Antike und die Renaissance.

Beide Zeitalter begegnen sich im Gedicht »Alexanderschlacht« an einem (für Roths Sujets beispielhaften) historisch begründeten mediterranen Schauplatz. Die Nennung des Renaissance-Malers Albrecht Altdorfer verweist auf dessen gleichnamiges Gemälde aus den Jahren 1528/29, das in der Alten Pinakothek in München ausgestellt ist. Dargestellt ist jene »Keilerei« bei Issos, in der Alexander der Große 333 v. Chr. mit seinen griechisch-mazedonischen Truppen das Heer des Perserkönigs Dareios III. besiegte.

In leuchtenden Ölfarben steht hier Abendland gegen Morgenland. Eine Auftragsarbeit für Herzog Wilhelm IV. von Bayern, die diesen Sieg in eindrucksvoller Manier zum schicksalhaften Sieg des Abendlandes stilisiert. Über der Szenerie schwebt eine Tafel, die auf Latein den Ruhm Alexanders verkündet. Die Sonne durchbricht als morgenländisches Symbol einen dramatisch blau bewölkten Himmel, während der Halbmond in die obere linke Bildecke verdrängt worden ist. Angefertigt, als osmanische Truppen Wien belagerten.

Tobias Roths Gedicht hingegen wahrt Distanz zum historischen Geschehen. Altdorfers Gemälde wird zum Ausgangspunkt, um darüber hinausweisend gedankliche Fäden zum Wesen, Schrecken und den Wirkungsweisen von Schlachten und Kriegen weiterzuspinnen:

ALEXANDERSCHLACHT
Albrecht Altdorfer, 1529, 158cm x 120cm

Die Weltlandschaft ist überzogen von großem Schlachten,
Einem Pelz von Lanzen. Eine Phantasie
Über Landkarten zerrt am Maßstab, fluchtet im Zorn.
Ein Gedankenspiel ist Truppenbewegung, das den Horizont
Nach Belieben krümmt und weitet. Bunte Beutel,
In denen Menschen geschüttelt werden, bis sich die
Stählernen Sommerkleider lösen. Sie ziehen
Auf die Suche, ehrlich verloren, nach
Hohen Worten und die Körper versalzen den Boden,
Bleiben im Feld, dessen Brot wird weitergegessen.
Pferde verklumpen.

Roth greift die auffällig verzerrten geografischen Verhältnisse des Gemäldes auf: mit Zypern als Issos vorgelagerter Insel und dem Nildelta in scheinbarer Reichweite des Schlachtfeldes am gegenüberliegenden Ufer. »Eine Phantasie / Über Landkarten zerrt am Maßstab«, schreibt er, womit pointiert die schöpferische und zugleich manipulative Wirkungsweise von Malerei verdeutlicht wird.

Das Gedicht richtet den Fokus auf die Gefallenen, als Opfer »großer Schlachten, den Umständen ausgeliefert«, »ehrlich verloren«, haben sich ihrem Schicksal zu fügen, ihre »Körper versalzen den Boden«, werden eins mit dem Feld, »dessen Brot wird weitergegessen.«

Der reflektierende, mono-perspektivische Erzählton verdeutlicht die Haltung eines Wissenden, der sich der inhaltlichen Durchdringung und der Mittel seiner Lyrik sicher ist und mit souveränem Gestus agiert. Ein charakteristischer Ton für Roths Gedichte, der einer weihevollen Ansprache an die Leser gleicht, wie etwa auch zu Beginn des Gedichts »Daunen und Firn«: »Da wandelt auf unruhigen Feldern / Leukothea, Amme des Rausches einst, jetzt / Liguster und Jasmin, keine Hilfe mehr.«

Das lyrische Ich erweist sich in Roths Gedichten als Kenner abendländischer Geistes- und Kulturgeschichte. Neben Gemälden aus dem 16. Jahrhundert dienen Tobias Roth Mythologien (»Das Gespräch zwischen Ikarus und der Sonne«) oder Bauwerke wie die klassizistische Villa Barbaro (Venetien) oder das barocke Palais Waldstein (Prag) als Anlass, um ausgehend von konkreten Betrachtungen in einer auf Eindeutigkeit angelegten, bildhaften Sprache zu dichten. Beispiel»Palais Waldstein«, 1623-30 vom gleichnamigen Feldherrn erbaut, der auch als Wallenstein bekannt ist und 1634 ermordet wurde.

Der Autor führt die Leser in die Gartenanlagen des Palais, nebst Brunnen und Statuen, endend mit Wallensteins Tod: »In der Gemessenheit seines Gartens / (Noch blicken die Maße des Menschen uns an) / Proben sich die Bronzen als Körper, / Götter und Feinde, Sterbliche und Sterbende, / Ihr Beispiel und ihr Begehren. / Die Nymphe mit dem stillen Gesicht / Legt dem Faun den Speer ins Brustbein. (…) // Hier zwei Jahre Lebenszeit in Laubengängen (Zwischen zwei Amtszeiten des Krieges), // (…) Ein Haus sieht nie alles, / Was der Hausherr sah, / Und der Garten behält eigenes Wissen. (…) // Felder werden bezogen in Fläche und Hitze, / Um den Geist zu reizen, indem er sein Werk erkennt / Als Chaos. // Das / Spiegelt sich in seinen Augen spiegelt sich / Die Klinge der Partisane, unbekannter Hand, / Fernab des Gartens, 1634.«

Mit Blick auf Leben und Tod des Feldherrn greift Roth in »Palais Waldstein« Kriegs- und Todes-Symboliken der Statuen auf – wie die Nymphe dem Faun den Speer ins Brustbein legt, fällt Wallenstein der Klinge der Partisane zum Opfer. Dessen Erkenntnis, das eigene Werk im Moment des Todes als Chaos zu erkennen, scheint anmaßend – und ein Reizpunkt für Leser, sich mit der historischen Figur und ihrem Wirken auseinanderzusetzen.

Wie in »Alexanderschlacht« und vielen anderen Gedichten des Bandes, entwickelt Tobias Roth hier aus konkreter Beobachtung, Hintergrundwissen und einem feinen Gespür für Rhythmus eine Dichtung, die mit der Verknüpfung dieser Elemente eine reflexive Dynamik entfaltet. In seinen Gedichten setzt er Figuren, Denkweisen, Bauten, Kunstwerke, Landschaften und Reflektionen des lyrischen Ichs in Beziehung zueinander und generiert oft überraschende Bedeutungs- und Erkenntniszusammenhänge.

Tobias Roth hat ein stilsicheres, vielschichtiges und bildungsdurchtränktes Debüt vorgelegt. Unterwegs in thematischen Gefilden, die in der deutschsprachigen Lyrik seiner Generation kaum gestreift werden. Dabei wirken die Gedichte weder antiquiert noch manieriert. Vielmehr bestechen sie mit organischer Logik und sinnlicher Prägnanz ihrer Bildhaftigkeit. Attribute, die ebenso für die eindrucksvollen, gegenständlichen Schwarz-Weiß-Illustrationen von Asuka Grün gelten, die den Band in treffender Weise komplettieren.

| LUTZ STEINBRÜCK

Tobias Roth wurde 1985 in München geboren. Er studierte Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte in Freiburg und Berlin. Derzeit ist er Doktorand an der HU Berlin mit einer Arbeit zu Giovanni Pico della Mirandola. Darüber hinaus arbeitet er als Musik- und Literaturkritiker und als Essayist. Sein erster Gedichtband Aus Waben erschien im Frühjahr 2013 im Verlagshaus J. Frank, Berlin. 2013 erhielt er für seine Lyrik den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis beim Leonce-und-Lena-Preis. Tobias Roth war Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin und mehrfach Nachwuchsautor der Literaturstiftung Bayern. Dreimal wurde er für Essays von der Goethe-Gesellschaft in Weimar ausgezeichnet.

Titelangaben:
Tobias Roth: Aus Waben
Illustrationen: Asuka Grün
Berlin: Verlaghaus J. Frank 2013
Quartheft 41. Edition Belletristik
96 Seiten. 13,90 Euro

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