In Tuwa / Insektendompteur

Lyrik | Anette Hagemann: Gedichte

In Tuwa

Zwei Straßen nur führen nach Kysyl, und es reiten dort
die Jungen und die Alten einhändig auf den Pferden:
Als geschmeidige Zentauren bewegen sie sich durch die
Steppe, die so weit ist, wie die Gesänge kehlig klingen und
der Blick mancher Augen ins Unabsehbare geht – umgeben
von Falten, verschmitzt, wie geschnitzt, genauso wie die
Seen hier von Zweigen und Strauchwerk umgeben sind.
Und manchmal gurren die Kamelkälber am helllichten
Tag wie geschwätzige Uhus und in der Hauptstadt
gründen die Schamanen Gemeinschaftspraxen

Insektendompteur

Du sagtest Sätze wie »Ich bin der Tinnitus im
Ohr der Geschichte« oder »Ich wehre mich
vergeblich gegen alle Instanzen« oder auch
»Käfer sind meine Armee zum Glück«, während
du die Ameisen (die keine Käfer sind) auf
der Küchenanrichte beobachtetest, wie
sie in Kolonnen zum Brotkasten liefen.

Als du dann im letzten Jahr verstummtest
und nur noch Papiere aus der Truhe heraus
und in die Truhe hinein sortiertest, habe ich
dich vermisst. Und noch ein zweites Mal, als
auch dein Körper starb und mir nur die lange
gesammelten Zettel und Schmetterlingsflügel,
in ihrem schwarz-bunten Staub liegend, blieben.

| ANETTE HAGEMANN

Annette Hagemann, geb. 1967 in Münster/ Westfalen, lebt und arbeitet in Hannover. Die zwei hier veröffentlichten Gedichte sind ein Vorabdruck aus der WORTSCHAU, sie wurden uns dankenswerterweise von der Redaktion zur Verfügung gestellt.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Some Lies Are More Flexible Than Others: New Album Reviews

Nächster Artikel

Für immer und ewig?

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Heimat in der Kunst

Menschen | Zum 90. Geburtstag von Günter Kunert Der bedeutende Lyriker Günter Kunert ist eher selten als Erzähler in Erscheinung getreten. Umso größer war die Überraschung, als ein (längst vergessenes) Romanmanuskript aus den 1970er Jahren auftauchte und nun – unbearbeitet – veröffentlicht wurde. Von PETER MOHR

Konstanten (3)

Lyrik | Vierzeiler der Woche – von Michael Ebmeyer  Woher wohin woraus worüber wie viel wie weit wie blöd wieso?

Keine lachenden Affen im Kopf

Lyrik | Urs Böke, Stefan Heuer und Fabian Lenthe: Vielleicht ein paar Raben

Der neue Gedichtband Vielleicht ein paar Raben von Urs Böke, Stefan Heuer und Fabian Lenthe ist als Poème Collectif konzipiert und enthält drei farbige Collagen von Stefan Heuer und drei in schwarzweiß gehaltene Collagen von Urs Böke. Die Grafik auf dem Cover stammt ebenfalls von Stefan Heuer. Dadurch erhält der Gedichtband einen ansprechenden optischen Eindruck. Anmerkungen von HARTWIG MAURITZ

Ein Totentänzchen geschafft

Lyrik | Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß Paradiesvogelschiß heißt der letzte Gedichtband Peter Rühmkorfs. Kurz nach der Publikation ist der Achtundsiebzigjährige im Juni gestorben. Als seine lyrische Abschiedsvorstellung war das Buch wohl auch gedacht. Neben letzten Gedichten enthält es vornehmlich gereimte und ungereimte Selbstgespräche und Merkverse, Sentenzen und Aphorismen aus dem Nachlass zu Lebzeiten des Dichters von ihm selbst seiner Werkstatt entnommen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

ohne titel

Lyrik | Şafak Sarıçiçek: ohne titel das papier auf dem diese wörter entstehen, ist ein wenig verschmutzt und ein wenig nass,