In Tuwa / Insektendompteur

Lyrik | Anette Hagemann: Gedichte

In Tuwa

Zwei Straßen nur führen nach Kysyl, und es reiten dort
die Jungen und die Alten einhändig auf den Pferden:
Als geschmeidige Zentauren bewegen sie sich durch die
Steppe, die so weit ist, wie die Gesänge kehlig klingen und
der Blick mancher Augen ins Unabsehbare geht – umgeben
von Falten, verschmitzt, wie geschnitzt, genauso wie die
Seen hier von Zweigen und Strauchwerk umgeben sind.
Und manchmal gurren die Kamelkälber am helllichten
Tag wie geschwätzige Uhus und in der Hauptstadt
gründen die Schamanen Gemeinschaftspraxen

Insektendompteur

Du sagtest Sätze wie »Ich bin der Tinnitus im
Ohr der Geschichte« oder »Ich wehre mich
vergeblich gegen alle Instanzen« oder auch
»Käfer sind meine Armee zum Glück«, während
du die Ameisen (die keine Käfer sind) auf
der Küchenanrichte beobachtetest, wie
sie in Kolonnen zum Brotkasten liefen.

Als du dann im letzten Jahr verstummtest
und nur noch Papiere aus der Truhe heraus
und in die Truhe hinein sortiertest, habe ich
dich vermisst. Und noch ein zweites Mal, als
auch dein Körper starb und mir nur die lange
gesammelten Zettel und Schmetterlingsflügel,
in ihrem schwarz-bunten Staub liegend, blieben.

| ANETTE HAGEMANN

Annette Hagemann, geb. 1967 in Münster/ Westfalen, lebt und arbeitet in Hannover. Die zwei hier veröffentlichten Gedichte sind ein Vorabdruck aus der WORTSCHAU, sie wurden uns dankenswerterweise von der Redaktion zur Verfügung gestellt.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Some Lies Are More Flexible Than Others: New Album Reviews

Nächster Artikel

Für immer und ewig?

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Offenes Gewässer

Lyrik | Christian Saalberg: Vor dem Portal VOR DEM PORTAL sitzen Bettler mit ausgestreckten       Händen, die sie langsam sinken lassen. Vorsichtig steigen die Vögel von den Bäumen, eine       Laterne in der Hand, um nicht zu stolpern. So kann es einem ergehen, wenn man jeden Morgen       das Haus durch die falsche Tür verläßt.

Von Tieren und Menschen und Tieren im Menschen

Lyrik | Mikael Vogel: Massenhaft Tiere Jahrtausendelang hat die Menschheit mit Tieren unter einem Himmel und unter einem Dach zusammengelebt. Seit den Fortschritten der Industrialisierung und Automatisierung, die einhergingen mit dem dschungelhaften Wachstum der Städte, gerät diese intime Beziehung zwischen Mensch und Tier immer mehr in den Hintergrund. Von MATTHIAS FALLENSTEIN

Mein Steinzeitschaber

TITEL-Textfeld | Peter Engel: Mein Steinzeitschaber Mit drei Fingern faßt er sich gut, läßt sich genau führen und trennt das Fleisch von der Sehne,

Bilder, die ich nie malen werde, hämmern mit ihren Fragezeichen an meine Schläfen

Lyrik | Klára Hůrková: Gehege mit Magnolien

Die Dichterin, Malerin, Philosophin und Lehrerin Klára Hůrková ist in der tschechischen, deutschen und englischen Sprache zu Hause. Ebenfalls ist sie international vernetzt und hat drei deutsch-tschechische Anthologien herausgebracht. Die weitgereiste Autorin wuchs in Prag auf, bevor sie 1989 nach Belgien emigrierte und schließlich nach Aachen kam. Diesen sehr weiten Horizont besitzen auch Ihre Gedichte, die sie in ihrem neuen Band Gehege mit Magnolien vorgelegt hat, der in diesem Jahr im POP-Verlag Ludwigsburg erschien. Der Band ist in fünf Kapitel unterteilt und enthält eine Vielzahl beeindruckender Gemälde der Autorin und Malerin, der ihn allein dadurch schon zu einem optischen Erlebnis werden lässt. Von HARTWIG MAURITZ

Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

Stimmungsstudie

Aufgeplustert vom Morgenwind
der vertäute Sonnenschirm,
als vergessene Erinnerung
steht er auf der Terrasse
und ruft mit seinem verschossenen
Blau den Sommer wieder herauf.