Für immer und ewig?

Jugendbuch | Ashley Herring Blake: Eine Handvoll Lila

»Für immer und ewig« klingt nach großer Liebe, inniger Gemeinschaft und untrennbarer Verbundenheit. Ein hohes Ideal, das für die beiden Verbundenen im Alltag schnell zur Belastung werden kann. In diesem Fall für eine Tochter und ihre Mutter. Überraschende Grundidee, überraschende Geschichte. Von MAGALI HEIẞLER

Eine handvoll Lila Es ist wieder einmal geschehen. Grace möchte schreien und davonlaufen – oder wenigstens in Tränen ausbrechen. Aber nützen würde das nichts. Was bleibt, ist Lächeln und Ertragen. Dass das auch nichts nützt, will sie nicht wissen.

Mutter Maggie hat den Mann ihres Lebens getroffen und ist Knall auf Fall zu ihm gezogen. Mitsamt Graces Besitztümern. Schließlich gehören sie zusammen, Mutter und Tochter. Daran gibt es für Maggie keine Zweifel. Die Tatsache, dass der Neue ungefähr der zehnte Mann in den letzten fünfzehn Jahren ist, hat keine Bedeutung. Dieses Mal ist er nämlich der Richtige.
Grace war zwei Jahre alt, als ihr Vater, ein Soldat, in Afghanistan ums Leben kam. Ihre Mutter hat sich nie davon erholt. Sie zieht von einem Ort zum anderen, von einem Mann zum nächsten. Maggie hat zahllose Ideen, wie sie für sich und Grace ein wunderbares Leben schaffen kann, vor allem, wenn sie getrunken hat. Und Maggie trinkt viel.

Grace bleibt nichts anderes übrig, als auf ihre Mutter aufzupassen. Letztendlich haben die beiden nur noch sich auf der Welt. Sie lackieren sich die Nägel in der gleichen Farbe: lila. Immer lila. Das beweist, dass sie zusammengehören. Allerdings ist Grace inzwischen siebzehn Jahre alt und ihre Vorstellungen vom Leben decken sich nicht mehr so recht mit denen ihrer Mutter Maggie. Genaugenommen überhaupt nicht mehr.

Ungesunde Symbiose

Die Handlung setzt ein und der Schreck, den Grace bekommt, als sie von den neuen Verhältnissen erfährt, teilt sich den Lesern umgehend mit. Das ist nicht nur ein einmaliger Kniff der Autorin. Blake beherrscht es wirklich, Graces Gefühle in jeder Situation direkt spürbar werden zu lassen: Schüchternheit und Ärger, Zuneigung und Hilfsbereitschaft, Liebe, Verwirrung, Leidenschaft und Angst. Es gibt viel Angst in diesem Buch. Das hat seinen Grund bei dieser Konstellation der Figuren.

Ein direkter Zugang zur Protagonistin, der Ich-Erzählerin Grace, verhindert jede Distanz beim Lesen. Es dauert daher seine Zeit, bis die Leser dahinterkommen, was genau mit Maggie los ist. Das gilt ebenso für Graces blinde Flecken. Davon hat sie nicht wenige. Ehe die Leser es sich versehen, stürzen sie zusammen mit der Hauptfigur in einen wilden Strom von Gefühlen.

Begründet hat die Autorin das komplexe Mutter-Tochter-Verhältnis recht überzeugend. Es ist eine schwierige Beziehung von Anziehung und Abstoßung. Altersunterschiede zwischen den beiden scheinen zuweilen nicht zu existieren. Für Maggie ist Grace Tochter und Freundin, Schwester, Mutter und zuweilen auch Vormund, wenn sie wieder einmal in der Patsche sitzt und jemanden braucht, die die Verantwortung übernimmt.

Maggie ist unheimlich gut gezeichnet in ihrer psychischen Verfassung, die es ihr unmöglich macht, etwas zu begreifen das außerhalb ihrer vom Verlust gezeichneten und damit begrenzten Welt liegt.

Grace ihrerseits ist das typische Kind, dem in zu jungen Jahren zu viel Verantwortung aufgebürdet wurde. Sie versorgt Maggie gleichermaßen kompetent nach alkoholischen Abstürzen wie nach zerbrochenen Beziehungen. Sie erlebt Szenen zwischen Erwachsenen, die sie schon als ganz jungen Teenager haben zynisch werden lassen. Sie stützt, erträgt, regelt, räumt auf, was Maggie ungestüm zu Scherben zerschlägt. Wieder und wieder. Es besteht eine fatale Symbiose zwischen den beiden. Das Drama ist dabei fein gezeichnet, mit Sympathie nach beiden Seiten. Alles bewegt sich am Rand der Tragödie, nervenzehrend knapp.

Overkill

Hätte es Blake dabei belassen, wäre ihr Roman ein ausgezeichneter geworden. Leider lässt sich der US-Mainstream offenbar nicht aus solchen Geschichten heraushalten. Und so wird die Handlung mit einer unnötigen Wagenladung Trivia übergossen.

Grace hat eine musikalische Begabung, am Klavier findet sie Halt. Da wird von Klassik gefaselt, denn ein Touch Bildung macht sich immer gut, auch wenn die Autorin wenig Ahnung hat, wovon sie schreibt. Ähnlich hat auch Graces neue Freundin, Eva, Interesse an Ballett und natürlich wollen die beiden an die höchste Musikschule des Landes. New-York-Kitsch und Leuchtturm-Romantik, Strand und Teenagerpartys. Ein bisschen Selbsttötungsgedusel, Junkfood in Schnellrestaurants und Ferienjobs, böse Jungs und liebe Jungs. Trauer und Trauerverarbeitung direkt aus dem Psychologiebuch. Das Sahnehäubchen auf der obersten Tortenschicht ist, dass Grace nicht lesbisch, sondern bisexuell ist.

Wie Blake in dem Wust, den sie auftischt, ihren Faden doch im Auge behält, ist wirklich erstaunlich. Ein Wunder – zumindest über weite Strecken – ist die Zeichnung der Beziehung zwischen Eva und Grace. Überwältigend und gleichzeitig zart, erotisch wie klar und kitschlos. Bei den wenigen körperlichen Begegnungen wünscht man sich das. Einen wachen Blick zeigt die Autorin auch für die Verhaltensweisen der übrigen Figuren, die damit recht lebendig wirken, auch wenn hin und wieder die eben angesagte Teenie-TV-Serie durchklingt. Die inneren Monologe sind dafür wesentlich besser geraten als die Dialoge, die manchmal sogar papieren klingen.

Allein schon wegen der hochspannenden und überzeugend dargestellten Mutter-Tochter-Beziehung lohnt es sich, zu diesem Buch zu greifen. Und Achtung: die Geschichte ist voller Denkfallen. Grace wie Maggie sind bezaubernd gut darin, sich und anderen etwas vorzumachen.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Ashley Herring Blake: Eine Handvoll Lila
(How to Make a Wish, 2017). Übersetzt von Birgit Salzmann
Bamberg: Magellan 2018
350 Seiten, 18,00 Euro
Jugendbuch ab 15 Jahren
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