Grund zum Feiern?

Jugendbuch | Matthew Quick: Happy Birthday, Leonard Peacock

Leonard Peacock wird 18. In seinen Augen der ideale Tag für einen Mord und einen Selbstmord. Leonard beginnt ihn mit einem inszenierten »Frühstück eines Jugendkillers« und wild entschlossen, seine Pläne in die Tat umzusetzen. Von ANDREA WANNER

happy_birthday_leonard_peacockDen Autor, Matthew Quick, Jahrgang 1973, kennt man aus einem anderen Zusammenhang. Er stammt aus New Jersey, studierte Anglistik, arbeitete als Englischlehrer, und ließ dann seinen Job sein, reiste durch die Welt und tat schließlich das, was er schon immer hatte tun wollen: Er schrieb seinen Roman. Die Verfilmung seines Debüts ›Silver Linings‹ gewann einen Golden Globe und den Oscar für die beste weibliche Hauptdarstellerin und war für sieben weitere nominiert. Und jetzt gibt es sein 2013 erschienenes Jugendbuch ›Forgive Me, Leonard Peacock‹ auf Deutsch.

Der Held ist ein junger Mann, der nicht weiter weiß. Bis zu seinem 18. Geburtstag hat er es geschafft, jetzt ist das Ende seiner Kraft erreicht. Bewaffnet mit einer Walther P38, einer Nazi-Pistole, die einmal seinem Großvater gehört hatte, macht er sich auf den Weg in die Schule, um zunächst Asher Beal und dann sich selbst umzubringen. Außer der Waffe stecken vier Abschiedsgeschenke in seinem Rucksack und eines zurückgelassen im Kühlschrank, mit denen er sich von fünf Menschen verabschieden möchte, die eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt haben.

Augen zu und durch

Leonard meint es ernst. Aber er würde auch gerne an seiner Tat gehindert werden. Seine Geschenke sind gleichzeitig Hilferufe an die Welt. Verzweifelt wartet er darauf, dass einer nach dem Grund für sie fragt: Seinen eigenen Geburtstag, den keiner – und allen voran die eigene Mutter, die längst nur noch ihre Karriere und ihren französischen Liebhaber im Kopf hat, zur Kenntnis nimmt. Leonard ist verletzt und verletzt selber. Er hasst die ganze Welt für das, was ihm angetan wurde und sieht keinen Ausweg. Weder sein bewunderter Deutschlehrer kann ihm helfen noch Walt, der Nachbar, mit dem er immer Bogart-Filme schaut. Sie könnten es vielleicht, wenn es ihnen gelänge, Leonards chiffrierte Botschaften zu entschlüsseln. Er selbst verhindert das. Sein Entschluss steht fest: Für ihn und Asher, der einmal sein bester Freund war, ist das Ende da.

Das klingt trostlos – und liest sich doch ganz anders. Leonards Blick auf die Welt ist einerseits klug, andererseits ein durch Schmerz, Angst und Selbstmitleid verzerrter Blick. Was muss geschehen, damit das eigene Leben nicht mehr lebenswert ist? Leonard sucht die Antwort in der Zukunft, in dem er das, was er sich unter »Erwachsenenleben« vorstellt, trist und öde ausmalt. Beweise sammelt er durch die Beobachtung von freudlos wirkenden Berufstätigen: Wenn es das ist, was ihn erwartet, braucht er sich die Mühe seine Probleme zu verarbeiten, ja wohl erst gar nicht mehr machen. Er sucht Bestätigungen dafür, dass es sich nicht lohnt, mit dem Leben fertig werden zu wollen. Und irgendwie blitzen dann doch Momente auf, die so etwas wie Glück beinhalten, die zeigen, dass sich das Leben doch mehr sein könnte und mehr ist als ein trostloses Abhaken vergeudeter Tage.

Hilfestellungen

Die Menschen um Leonard herum sind nicht alle so borniert wie seine Mutter – die in der Tat klischeehaft egozentrisch und ihrer Aufgabe und Rolle als Mutter in keiner Weise gewachsen ist. Der Vater war es auch nicht. Ein One-Hit-Wonder-Star, der irgendwann wegen fälliger Steuerzahlungen auf Nimmerwiedersehen verschwand. Aber es gibt Menschen wie Mr Silverman, die nicht wegschauen und Leonard wiederholt Hilfe anbieten, wichtiger noch: Hilfe zur Selbsthilfe. Und Teile davon setzt Leonard auch um – allerdings ohne es zuzugeben, ohne sich und den anderen einzugestehen, dass das Leben vielleicht doch auch lebenswert ist. So soll er sich beispielsweise selbst Briefe aus der Zukunft schreiben von den Menschen, die ihm dann wichtig sein werden, an sein heutiges Ich gerichtet. Das tut er mit einer gewissen Leidenschaft, mit viel Skeptizismus für das, was dann für die Menschheit sein wird, aber mit Raum für ein persönliches Glück.

Quick fesselt mit einer Geschichte, die Fragen aufwirft und die Antworten anders gibt als
erwartet. Er würzt ein durch und durch ernstes Thema, das er in jeder Zeile und vor allem in der Anlage seines Helden ernst nimmt, mit einem unwiderstehlichen Humor. Ein ironischer Blick auf die Welt kann Wunder wirken. Und ein verletzter junger Mann hat immer noch Möglichkeiten, Dinge selbst besser zu machen. Leonard begreift diese Aufgabe. Er wird 18 – und ein Stück erwachsen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Matthew Quick: Happy Birthday, Leonard Peacock
(Forgive me, Leonard Peacock, 2013)
Aus dem Englischen von Knut Krüger
München: dtv 2014.
280 Seiten, 13,95 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Eine, zwei, drei, viele Geschichten

Nächster Artikel

Erhellende Irritation

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Ausstiegschancen

Jugendbuch | Alex Wheatle: Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann Mo hat Probleme. Mit dem neuen Freund ihrer Mutter. Mit ihrer Mutter. Aber Mo hat auch Freundinnen. Und Mo ist verliebt. Passt das alles zusammen? Von ANDREA WANNER

Verluste

Kinderbücher | Jo Cotterill: Eine Geschichte der Zitrone / R. Westcott: Pusteblumentage Die Beziehung junger Mädchen zu ihren Müttern ist oft kompliziert. Sie wird dann schwierig, wenn aus den Teenagern langsam junge Frauen werden. Was alles noch verzwickter macht, ist die Abwesenheit von Müttern in dieser Phase. Von ANDREA WANNER

Formen des Widerstandes

Jugendbuch | Cornelia Franz: Swing High

In ihrem jüngsten Jugendbuch »Heul doch nicht, du lebst ja noch« schildert Kirsten Boie anhand von drei Jugendlichen die Situation in Hamburg im Juni 1945, kurz nach Kriegsende. Cornelia Franz beginnt ihre Hamburger Geschichte im August 1939, kurz vor Kriegsbeginn. Ein wichtiges Erinnern, findet ANDREA WANNER

Mit aller Konsequenz

Jugendbuch | Sabine Ludwig: Am Ende der Treppe, hinter der Tür Wer unglücklich ist, sieht oft nur noch sich. Das gilt besonders für Teenager. Gefühle empfinden sie in voller Stärke. Das trübt den Blick auf die eigentliche Lage der Dinge, das Handeln folgt überstürzt und undurchdacht. Es fehlt noch die Lebenserfahrung, die hilft, auf Distanz zu gehen und über die Folgen des Tuns nachzudenken. Die Folgen müssen nämlich auch Teenager tragen, davor gibt es keinen Schutz. Sabine Ludwig lässt in ihrem Jugendthriller Am Ende der Treppe, hinter der Tür ihre sechzehnjährige Heldin eine solche Situation mit aller Konsequenz durchleben. Von

Hausstaub oder Sternenstaub?

Jugendbuch | Cornelia Travnicek: Harte Schale, Weichtierkern

Fabienne ist 16 und anders. Wie anders kann sie nicht wirklich fassen, obwohl sie es ständig versucht. Ihr Tagebuch (das sie nicht so nennen will, weil sie Tagebücher hasst) gibt Einblicke in die Gedanken und das Leben eines ganz besonderen Mädchens. Von ANDREA WANNER