Haifischbecken High School

Jugendbuch | Jennifer Niven: Stell dir vor, dass ich dich liebe

Der Blick in den Spiegel dient der Vergewisserung des eigenen Selbst. Was aber, wenn man Probleme mit dem hat, was man da sieht? Zwei Teenager wissen davon ein Lied zu singen. Von ANDREA WANNER

Niven - Stell dir vor - 978-3-7373-5510-0 - SpiegelLibby ist eigentlich ganz zufrieden mit dem, was sie da im Spiegel sieht. Knapp 90 Kilo wiegt sie und ist damit alles andere als zierlich. Aber immerhin hat sie bereits 140 Kilo abgenommen. Davor wurde das Video, wie »Amerikas fettester Teenager« mit 296 Kilo mit einem Kranen aus dem eigenen Haus befreit wurde, von über sechs Millionen Menschen angeschaut.

Eine schlimme Zeit liegt hinter Libby, die nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter als sie zehn war, den Weg zurück in die Welt nicht mehr gefunden hat. Gründe dafür gab es viele. Jetzt hat sie Therapien hinter sich, ihr Essverhalten unter Kontrolle und ist im Prinzip bereit, sich der Welt in Form der High School wieder zu stellen. Aber sie ahnt, dass der Weg für sie kein leichter werden wird.

Wenn Jack in den Spiegel schaut, muss er es genau tun. Umständlich setzt er das, was er sieht zusammen. Dabei sieht er gut aus, kommt bei Mädchen an und hat – wenn auch etwas zweifelhafte – Freunde an der High School. Jack leidet an Prosopagnosie, der sogenannten Gesichtsblindheit, d.h., er kann ihm bekannte Personen nicht an ihren Gesichtern erkennen, nicht einmal die eigenen Eltern und Brüder. Er braucht Hilfskonstrukte, einzelne Gesichtsmerkmale oder die Stimme. Mit Frisur und Kleidung kann es schwierig werden, wenn die andere Person diese ändert. Jack schlägt sich alleine mit seiner Krankheit herum, keiner weiß davon. Er hat Strategien, um damit im Alltag klarzukommen – nur funktionieren die leider nicht immer zuverlässig.

Jacks Status an der High School ist unbestritten, zumal er seit vier Jahren, unterbrochen von Beziehungspausen mit Caroline zusammen ist, einem der angesagten und wunderschönen Mädchen der Schule, die er allerdings auch nur schwer von ihren Freundinnen unterscheiden kann. Die Rolle, die der neuen Schülerin Libby zugedacht wird, ist nicht schwer zu erraten. Leute, die anders sind, werden gerne zu Opfern gemacht. Nur lässt sich Libby das nicht gefallen. Zu mühsam war ihr Weg bis zu diesem Punkt.

Das Aufeinanderprallen von Jack und Libby, das relativ wörtlich zu nehmen ist, lässt Welten kollidieren. Libbys »Problem« ist offensichtlich, das von Jack zeigt sich in teilweise unerklärlichem Verhalten. Und jetzt? Sie erfahren die Geschichte des jeweils anderen – und verstehen im Gegensatz zu vielen anderen das Problem. Das ist ein erster, behutsamer Schritt in etwas, das sich keiner von beiden zunächst vorstellen kann.

Jennifer Niven hat bereits in ›All die verdammt perfekten Tage‹ eine herzzerreißende Teenagerliebe beschrieben, die zum internationalen Bestseller wurde. Jetzt trifft cooler Junge auf dickes Mädchen und wir ahnen, wohin das führt. Da ließe sich jetzt durchaus einiges kritisieren und anzweifeln. Aber Niven macht das insgesamt doch sehr geschickt: Abwechselnd lässt sie die beiden zu Wort kommen, Dinge zurechtrücken, reflektieren, Pläne schmieden, träumen.

Nein, es geht letztlich nicht um die Probleme, die sie haben, auch wenn die Geschichte das von der ersten bis zur letzten Seite behauptet. Es geht eher darum, wie sie mit ihrer jeweils eigenen Geschichte im Mikrokosmos Schule zurechtkommen. Und ganz eigentlich ist es einfach nur seine sehr romantische Liebesgeschichte mit Hindernissen. Manchmal reicht ja auch das.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Jennifer Niven: Stell dir vor, dass ich dich liebe
(Holding up the Universe, 2016). Aus dem Amerikanischen von Maren Illinger
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2017
456 Seiten, 14,99 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Schweres Missverständnis

Nächster Artikel

Der Beuteldachs ist zurück!

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Blick in den Garten nebenan

Erzählungen | Eulenglück und Hasenleid

Geschichten für Kinder gibt’s überall, auf der ganzen Welt werden sie erzählt – ganz gleich, wohin man schaut. Warum nicht einmal gleich über den Zaun in ein Nachbarland? Der NordSüd Verlag hat sich etwas besonders Feines ausgedacht und einen dicken Band herausgebracht, der elf der schönsten Schweizer Bilderbuchgeschichten enthält. Von MAGALI HEIẞLER

»Müssen« müssen

Kinderbuch | Henning Löhlein, Charlotte Habersack: Wenn ich aber nicht muss! Wer kennt diese Situation nicht: man steht fix und fertig angezogen da, hat alles zusammen, Schlüssel, Geldbeutel, Hut und Schirm, kann endlich, endlich aufbrechen und dann … verschwindet man sicherheitshalber noch einmal im Stillen Örtchen. Was bei Erwachsenen längst zum ‚sicherheitshalber’ geworden ist, ist für Kinder, besonders für recht kleine, eine ganz schreckliche Geduldsprobe. Ausgedacht, einzig und allein, um die Kleinen zu ärgern, daran gibt es keinen Zweifel. Henning Löhlein und Charlotte Habersack präsentieren mit Wenn ich aber nicht muss! genau so eine Geschichte, mit Verve und Witz und

Verschwendete Leben

Jugendbuch | Véronique Petit: Sechs Leben

Gabriel erfährt kurz nach seinem 15. Geburtstag, dass er einer der wenigen Menschen mit einem großen Privileg ist: er hat sechs Leben. Ungeahnte Möglichkeiten liegen vor ihm, eine Zukunft voller großer Chancen. Aber wie geht man damit um. Von ANDREA WANNER

Geraubte Träume

Jugendbuch | Cherie Dimaline: Traumdiebe

Der 16jährige Frenchie ist mit einer Gruppe von wenigen Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen auf der Flucht durch Kanada, gnadenlos gejagt von den Traumdieben. Von ANDREA WANNER

Das Heft des Staunens

Jugendbuch | Tae Keller: Wie man Wunder wachsen lässt Wer hat schon den Nerv, die Welt wissenschaftlich zu betrachten, wenn alles Drunter und Drüber geht? Ein Laborbuch als Langzeitprojekt? Eine selbst entwickelte wissenschaftliche Fragestellung? Die elfjährige Natalie hat ganz andere Probleme. Von ANDREA WANNER