Schweres Missverständnis

in Kinderbuch

Kinderbuch | Alice Pantermüller: Poldi und Partner – Immer dem Nager nach

Missverständnisse entstehen nicht selten, wenn Unerfahrenheit und Ahnungslosigkeit auf beschränktes, aber überzeugend behauptetes Wissen treffen. Solche Missverständnisse haben haarsträubende Folgen. Man kann nicht früh genug damit anfangen, auf sie zu achten. Alice Pantermüller erzählt schwungvoll, warum. Von MAGALI HEIẞLER

Pantermüller - Poldi - 978-3-401-60274-5Die Tiere in Tommis Tierparadies verstehen sich prächtig. Die meisten von ihnen leben im Laden. Hund Harro und das verpeilte Kätzchen Mimi wohnen bei Tommi und sind nur tagsüber da, was die Freundschaft nicht beeinträchtigt. Eines Tages bringt Tommi einen Fremden mit. Der ist alles andere als schüchtern. Affe Parker hat viel erlebt, wenn auch wenig Schönes. Für ihn steht fest, dass alle Menschen böse sind.

Als nur wenig später Meerschweinchen Poldi verkauft wird und glücklich mit Menschen davonzieht,schließt Parker daraus glasklar, dass das Meerschweinchen im Kochtopf landen wird.

Die Aufregung im Laden ist riesig. Schildkröte Serafina hat die glückliche Idee: Sie werden Poldi retten! So ziehen fünf von ihnen los, Parker immer voraus. Jedenfalls hat er sich das so gedacht. Die Verhältnisse draußen bewirken jedoch anderes – und eine Rettung aus Todesgefahr hat die merkwürdigsten Folgen, wenn man weder weiß, wohin, noch mehr als Pauschalurteile über einen angeblichen Gegner hat.

Vermenschlichte Tiere, mal wieder

Tiere als Heldinnen und Helden von Geschichten haben eine lange Tradition – und gleichermaßen Befürwortung wie Ablehnung eingeheimst. Von den wenigen Möglichkeiten, diese Mischwesen aus Tiergestalt und menschlicher Denkungsweise darzustellen, hat sich Pantermüller für ihre neue Kinderbuchreihe für das Komödiantische entschieden – und dabei vor allem für das Offensichtliche. Allzu Neues in der Charakterisierung soll man nicht erwarten.

Ganz leicht macht es sich Pantermüller aber nicht, denn der Geschichte liegt ein ernstes Thema zugrunde und innerhalb ihres engen selbstgesetzten Rahmens gelingt es ihr tatsächlich, nicht nur die Botschaft deutlich anzubringen, sondern ihren Figuren weitere Facetten zu geben. Schildkröte Serafina, etwa, hatte offenbar ein sehr bewegtes Leben, was sie gewitzt und mutig werden ließ; Mimi kokettiert bei aller Verpeiltheit auch gern mit ihrer Niedlichkeit, Papagei Bibo setzt sich mit inneren Ängsten auseinander und Harro muss sich trotz seines fortgeschrittenen Alters noch einmal ins Leben stürzen, aus dem er sich eigentlich ins Gemütliche zurückgezogen hatte.

Die Tiergestalt begrenzt die Handlungsfähigkeit der mutigen Schar in der Menschenwelt beträchtlich, aber die Autorin scheut vor Tricks und purer Fantasie nicht zurück und zaubert, wenn auch kein weißes Kaninchen, so doch einen weiteren tierischen Verbündeten aus dem Zylinder heraus. Es gibt jedoch kein Feuerwerk verrückter Einfälle, die knallbunt auf die kleinen Leserinnen und Leser einprasseln. Im Gegenteil arbeitet Pantermüller sparsam, mit wenigen Gegenständen, die sie dafür genüsslich rundum ausnützt. Ideal für die junge Zielgruppe, also. Und klar ist es witzig.

Rettung, kunterbunt

Retten und Heldin oder Held sein, ist ein Thema, das immer attraktiv ist. Allerdings gehören zwei dazu: außer den Rettenden eben auch die, die in einer Patsche sitzen. Dieser Automatismus ist keineswegs grundsätzlich gegeben. Hier bricht die Autorin fein mit den Regeln und zeigt, was passiert, wenn man ohne zu fragen, zum Retten davonstürzt. Und so wird erst einmal munter darauflosgerettet, was nicht bei drei auf den nächsten Baum geklettert ist. Eine herrliche Wendung, die ungeheuren Spaß bereitet.

Die Tiergruppe stellt jedoch einiges an, was nicht unbedingt sozialverträglich ist – dazu wünscht man sich deutlichere Worte und nicht nur Witze. Allerdings geht die Sache eben auch nicht so aus, wie das Grüppchen es sich vorgestellt hat. Und warum nicht? Weil sie sich auf etwas verlassen hat, von dem sie nichts versteht. Es gibt eben nicht nur Schwarz und Weiß – und auch böse Erfahrungen reichen zum Gesamturteil nicht aus. Eine gute Lehre schon für die Kleinen.

Abgesehen von der wild-verrückten Handlung und den lustigen Figuren gibt es viel Abwechslung im Schriftbild und durch herrlich bunte Illustrationen. Das Buch ist großzügig bebildert, das Schauen ebenso vergnüglich wie das Lesen. Julian Meyers Welt ist zwischen Bilderbuch und Comic angesiedelt, die Mimik der Tiere urkomisch. Auch wenn Disney grüßen lässt, bleibt genug Eigenes. Zu den ganzseitigen Illustrationen gibt es eine Vielzahl von Vignetten, Poldi taucht immer wieder auf, blaue Tierspuren zieren den Seitenrand, ebenfalls blau sind die Kapitelüberschriften. Das gesamte Layout und die Covergestaltung sind lebendig und lebhaft.

Neben der Farbe ist auch der Druck vielfältig. Jedes Tier spricht einen andere ‚Sprache‘, die durch Wechsel der Type gekennzeichnet ist. Für die, die noch nicht so lesegeübt sind, ist das eine Herausforderung, wer es schon besser kann, wird durch die Vielfalt über den Inhalt der Worte hinaus grafisch-künstlerisch angeregt. Hier gibt es in einiger Hinsicht etwas zu entdecken.

Diese Geschichte ist der erste Band von etwas, was eine lange Reihe werden kann. Möge sie immer so frisch bleiben und wenigstens den gemäßigten Standard halten, den die erste Geschichte von Poldi und dem verrückten Tiergrüppchen hat.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Alice Pantermüller: Poldi und Partner – Immer dem Nager nach
Illustriert von Julian Meyer
Würzburg: Arena 2017
160 Seiten, 12,00 Euro
Kinderbuch ab 8 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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