Vertrieben, gehetzt und beinah erschossen

Rosanne Parry: Als der Wolf den Wald verließ

Erwachsenwerden ist nicht leicht, auch wenn man eine behütende Familie hat. Aber wenn man angegriffen wird, die Familie getötet, und der Halbwüchsige tausende Kilometer allein unterwegs sein muss, ist es lebensgefährlich. So ergeht es auch dem kleinen Flink, der seine Geschichte erzählt. Flink ist ein Wolf. Von GEORG PATZER

Als der Wolf den Wald verliess 750Als er klein war, durfte er noch nicht nach draußen – seine Mutter hat es strikt verboten, und Knurre passt auf, dass sich alle daran halten. Aber was für Gerüche hereinwehten: »Die kühle Luft erzählt mir von Dingen, die ich bislang nur aus Mutters Geschichten kenne: Kiefer, Maus, Eule, Tanne, Heidelbeere, Wasser. Und noch mehr fernen Dingen, für die ich keine Namen habe.« Und die Geräusche: »Ich stelle die Ohren auf. Mit den Gerüchen bringt der Wind auch Geräusche. Rauschen und Rascheln in den Bäumen. Getrippel und Schuhu-Rufe eines Vogels von weit her. Und dann ein Heulen. Wa-huuuuuu! Mir sträubt sich das Fell, den Klang kenne ich aus meinen Träumen.«

Dann darf er doch nach draußen, mit seinen Geschwistern erkundet er die nächste Umgebung. Und da ist auch sein Vater – bisher kannte er nur seine Mutter, die ihn und die anderen Kleinen mit Milch versorgt. Sein großer Bruder drängelt sich vor: »Mit gesenktem Kopf kriecht er zu ihm. Vater schnüffelt zweimal an ihm, knurrt kurz und schubst ihn weg. Fang dreht sich um, schnappt ein paar Mal drohend nach uns und knurrt: Er ist derjenige, der sich mit Vater beschnuppern darf. Nicht wir.« Erst dann geht auch Flink zu seinem Vater: »Tief atme ich Vaters Geruch ein, bis er einen Platz in meinem Gedächtnis findet, direkt neben dem von Mutter.« Dunkles Rot rinnt von Vaters Schnauze. Flink bedrängt ihn, leckt ihm über die Schnauze: »Ein roter, saftiger Klumpen fällt heraus. Er dampft. So etwas habe ich noch nie gerochen. Aber Vater hat es mir gegeben.« Sein erstes Fleisch.

Wie groß alles ist!

Eine sehr lebendige, poetische und mitfühlende Geschichte hat die amerikanische Autorin Rosanne Parry geschrieben, aus der Sicht eines Wolfs, und das ist eine spannende, eher ungewöhnliche Perspektive. Sie beginnt mit Flinks Kindheit, als er mit seinen Geschwistern Fang, Sturm, Wedel und Flausch in der Höhle hockt und alles, was draußen ist, nur durch Hören und Riechen aufnimmt: »Draußen geht es rau zu«, sagte die Mutter, »Und du bist ein zarter Leckerbissen, mein kleiner Wolf. Du musst erst noch ein bisschen größer werden.«

Dann beginnen sie mit dem Rudel zusammen die Welt draußen zu entdecken: »Wie groß alles ist!«, sagt er staunend, »Die schwarze Decke dieser neuen Höhle könnte man auch mit dem höchsten Sprung nicht erreichen.« Immer wieder vergleicht Flink – so heißt er, weil er der Schnellste ist – die unbekannte Welt mit dem, was er kennt. Und so wird der Nachthimmel zur Decke einer riesigen Höhle.

Die Wolfskinder lernen, Hirsche zu jagen, sich das schwächste Tier auszusuchen, und nach dem Töten einen Moment innezuhalten und dankbar zu sein »für das Leben, das uns Leben schenkt«. Fang darf mit seinem Vater zusammen zuschlagen und bekommt dafür die leckersten Stücke zu essen, während Flink eher als Treiber arbeitet, eben weil er so schnell ist. Flink lernt von seinem Vater auch, still zu sein und der Natur zu lauschen, den Raben vor allem, lernt Pflanzen und Tiere kennen und unterscheiden. Dass er weiße Beeren und weiße Pilze nicht berühren darf. Dass Eichhörnchen flink sind und man schnell mal an den Baumstamm kracht, wenn man sie jagt. Dass man ein Tier, das schwarz mit einem breiten weißen Streifen ist, besser nicht mal von ferne anguckt. Dabei wäre es so eine gute Beute. Aber: »Es zeigt uns seinen weißen Streifen und hat keine Angst«, erklärt der Vater: »Was sagt dir das? Nicht. Mal. Dran. Lecken.« Ab da heißt das Stinktier für ihn das Friss-mich-nicht. Und auch mit einem Stachelschwein legt man sich nicht an.

Eine schöne Familiengeschichte. Aber dann wird das Rudel von einem fremden Rudel angegriffen, die meisten werden getötet, und plötzlich findet sich der noch junge und unerfahrene Flink völlig allein in der Wildnis wieder. Seine Gedanken kreisen um seine Familie – zurück kann er nicht, sein ehemaliges Revier ist fest in der Hand der Fremden. Einmal sieht er zwei streunende Wölfe, die ein Schaf reißen, aber er nähert sich ihnen nicht, da er sie nicht kennt. Außerdem sind Schafe Kojotenfraß.

Da versucht er doch lieber, sich richtiges Fressen zu beschaffen. Als er dann eine Hirschherde angreift, reißt ihm ein großer Hirsch mit seinen Hufen die Schulter auf: »Knochen krachen. Mein ganzer Körper brennt wie Feuer, vom Hals bis zu den Pfoten. Ich lande auf dem Boden und um mich herum wird es Nacht.« Langsam heilen die Wunden, langsam rappelt sich Flink wieder auf und läuft weiter. Kommt in eine Grasebene, freundet sich ein wenig mit einem Raben an, der ihm zeigt, wo es was zu reißen gibt. Und frisst dann die Reste.

Der Wolf erzählt

Niemals verlässt Parry die Perspektive des jungen Wolfs, der die Geschichte erzählt. Für ihn sind alle jungen Tiere Welpen, für ihn ist ein Wachhund ein Halbwolf, und als er Menschen sieht, sieht er auch die Stöcke auf ihren Schultern und hört den Donner, der plötzlich kommt. Als sie auf ihn und seinen wiedergefundenen Bruder Flausch schießen, heißt es: »Ich spüre, rieche scharfe Zähne an meinem Ohr vorbeisirren.« Als er an eine Straße kommt, nennt er sie Fluss und hat großen Respekt vor den schnellen Krachmachern, die auf ihm unterwegs sind, mit ihren kalten Lichtern. Sogar, als er auf der anderen Seite eine schwarze Wölfin sieht, der er sich anschließen will. Oder sie sich ihm. Aber die Überquerung ist einfach zu gefährlich, die beiden gehen getrennte Wege.

Flink überlebt und findet sogar zurück in Berge, andere Berge. In der Prärie ist es zu gefährlich, da gibt es zu wenig Verstecke. Entkommt knapp einem Puma, und bei einem Flächenbrand kommt er fast ums Leben. In den Bergen aber trifft er dann sogar die schwarze Wölfin wieder, sie heißt Nacht. Aber auch Wölfinnen sind emanzipiert: Sie unterwirft sich ihm nicht, indem sie die Rute runternimmt, sondern begrüßt ihn als Gleichberechtigten. Liefert sich mit ihm eine wilde Hetzjagd hin und her, aber lässt sich nicht unterkriegen. Und so leben sie zusammen. Beim Jagen ist sie besser als er, gemeinsam erlegen sie ihren ersten Hirsch.

Es ist eine warmherzige und spannende Geschichte, die vor allem dadurch besticht, dass hier nicht ein Tier vermenschlicht wird, sondern alles durch seine Augen, Ohren und Nase aufnimmt und es so auch beschreibt. Viele Verhaltensweisen von Wölfen (und Hunden) werden ganz nebenbei erklärt: das Reviermarkieren, das Heulen, das Eingebettetsein in der Natur und die Gefahr, die von den Menschen ausgeht. Im Nachwort werden viele Einzelheiten noch einmal genau erklärt, und Parry erzählt, dass der Roman auf einer wahren Geschichte beruht, der langen Wanderung eines Wolfs namens Oregon 7, Schulkinder nannten ihn später Journey.

Im Alter von zwei Jahren verließ er sein Rudel und wanderte 1600 Kilometer durch Oregon bis nach Nordkalifornien. Die Gefährtin, die er dort in den Siskiyou Mountains fand, kam aus Idaho – diese Reise war sogar noch länger als Journeys. Und im Vorwort macht Parry auf die vielen menschlichen Flüchtlinge aufmerksam, denen es nicht besser geht als dem vertriebenen, gehetzten Flink, der erst nach langer Zeit wieder eine Heimat fand.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Rosanne Parry: Als der Wolf den Wald verließ
(A Wolf Called Wander, 2019) übersetzt Petra Knese
Illustriert von Monica Armino
Münster: Coppenrath Verlag 2020
208 Seiten, 14 Euro
Kinderbuch ab 8 Jahren

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