Fragwürdige Botschaften

Kinderbuch | Rose&Szillat: Risa aus dem Schattenwald

Im Kinderbuch ›Risa aus dem Schattenwald‹ vom Autorenduo Rose&Szillat geht es um ein mutiges Mädchen, das für den Frieden kämpft. ALEXA SPRAWE hat Einwände gegen die vielen positiven Bewertungen, die dieses Buch bekommen hat.

Zeichnung: Ein Mädchen reiet auf einem Wolf durch den WaldJahrhunderte lang leben die Wesen des Schattenwaldes in Frieden, bis seltsame Dinge geschehen: Immer mehr Tiere verschwinden und die Grumpfknolle wollen Bäume fällen. Dabei besteht seit Langem ein Friedensvertrag zwischen den Grumpfknollen und den Waldglimpfen. Als das Waldglimpfmädchen Risa von diesem Vorhaben erfährt, eilt sie zu ihrem Vater. Sie will ihn warnen, wird aber von den Älteren ihres Stammes nicht ernst genommen. Risa zieht die scheinbar einzige logische Konsequenz daraus, dass sie selbst die Welt ohne Hilfe von Erwachsenen retten muss. Mit dem Wolf Halgrimm an ihrer Seite stürzt sie sich in ein gefährliches Abenteuer, auf dem sie auch neue Freunde findet.

Streitende Völker, ein bedrohter Wald und heldenhafte Kinder, die von Älteren ignoriert werden – das sind geläufige Bausteine in der Kinder- und Jugendliteratur. An deren Gebrauch ist nichts auszusetzen, aber die Umsetzung ist entscheidend. »Risa aus dem Schattenwald« gehört zu den Büchern, die viele bekannte Inhalte aufgreifen, ohne sie kreativ und sinnvoll in eine Geschichte einzubetten.

Das Problem mit der Zeit

Was diesem Buch vor allem fehlt, ist Zeit: Die Figuren werden innerhalb weniger Seiten eingeführt und die Handlung schreitet sehr schnell voran. Es gibt keine Ruhephasen, in denen die Figuren in Dialogen mehr über sich verraten könnten, stattdessen wird von einem Ereignis zum nächsten gesprungen. Den Lesenden wird keine Zeit gelassen, den Schattenwald und die Wesen, die dort leben, besser kennenzulernen. Dadurch wirkt die Welt substanzlos, wie eine eindimensionale Kulisse, deren Probleme, wie die der Protagonistin, nicht glaubhaft sind.

Im ersten Drittel des Buches wird viel Zeit verschenkt. Hier geht es nur darum, dass Risa erfolglos versucht, vor der drohenden Gefahr zu warnen. Das ist nicht nur für Risa frustrierend. Dieser Teil der Handlung wirkt gestreckt und langweilig.

Sprache und Macht

Neben einem etwas holprigen Schreibstil finden sich reihenweise klischeehafte Phrasen und Dialoge, die auf Streit basieren, pampige Aussagen oder Beleidigungen enthalten: »Warum kannst du nicht ein einziges Mal auf mich hören, du dickköpfige Ringelwurzel?«, »Was glotzt du so?«, »Jetzt hast du ihm auch noch verraten, dass du nicht allein bist. Einfältiges kleines Glimpfkind!«

Durch die Redeanteile innerhalb der Geschichte werden darüber hinaus noch mehr Unterdrückung und Machtmissbrauch transportiert. So wird vermittelt, dass Risa nicht in der Position ist, zu entscheiden, wann sie reden darf. Ihr Vater lässt sie selten aussprechen und bringt sie im Befehlston zum Schweigen: »›Sofort aufhören!‹, fiel Rune seiner Tochter grob ins Wort. ›Was fällt dir ein, Risa?‹« Oder mit einer Geste: »Weiter kam Risa nicht. Rune hielt sie immer noch in seinen Armen und drückte ihr sanft die Hand auf den Mund.«

Dieses unkritisiert dargestellte Bild ist in vielerlei Hinsicht problematisch, insbesondere weil hier ein Kind auch körperlich zum Schweigen gebracht wird. Lesende lernen mit der Protagonistin, dass der Vater das Oberhaupt ist und die Gedanken der Tochter unbedeutend sind: »Meine kleine kämpferische Kratzdistel, das ist doch jetzt nebensächlich.« Obwohl Risa im Laufe der Geschichte ihren Mut und ihre Weisheit beweist, hat sich an der Eltern-Kind-Beziehung auch am Ende nichts geändert.

Werte, Freundschaften, Erziehung

Der Umgang zwischen Vater und Tochter ist nicht der einzige fragwürdige Punkt. So wird der Eindruck geweckt, dass Dankbarkeit etwas mit Schwäche zu tun habe: »Am liebsten hätte sich Risa bei der Elfe überschwänglich bedankt. Aber irgendetwas hatte sie davon abgehalten und tat es immer noch … vielleicht die Gewissheit, dass sie stark sein musste.«

Es ist problematisch, wie generell das soziale Miteinander dargestellt wird. Risa übernimmt die übergriffigen Verhaltensweisen der Erwachsenen unreflektiert. Sie glaubt, dass Freunde auf sie hören sollten: »Und alle hören auf mich und sind meine Freunde.« Daneben gibt es nur einige positive Momente, in denen es um Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft geht und darum, dass Freundschaft Kraft und Mut geben kann.

Wie viel Risa ihr Wolf Halgrimm bedeutet, merkt sie erst, als dieser mit Risas Onkel Joon mitgehen muss. Joon ist für die »Erziehung« verantwortlich. Wer wie Halgrimm die Regeln des Schattenwaldes nicht befolgt, wird zu ihm geschickt, und Joon sorgt dafür, dass sich das Verhalten bessert. Wie genau er das anstellt, wird beispielsweise durch Sprechpausen angedeutet: »[…] ich nehme den Wolf für eine Zeit mit zu mir, um ihn … zu erziehen und von deiner Tochter fernzuhalten.« Dass Gewalt im Spiel ist, bestätigt sich in verschiedenen Situationen wie dieser: Scheinbar will das Wiesel, auf dem Joon reitet, nicht gehorchen. Joon zieht die Peitsche und schlägt »kräftig auf das Wiesel ein«. Risa gefällt zwar nicht, wie ihr Onkel mit dem Tier umgeht, lässt sich aber von Halgrimm besänftigen. Der Wolf findet Joon »nicht sympathisch«, meint jedoch mit »respektvoller Stimme«: »Er ist für alle Tiere im Schattenwald zuständig, die sich nicht an die Regeln gehalten haben. Dein Vater höchstpersönlich hat ihn als ihren Lehrer eingesetzt, Risa.« Risa seufzt, hat Mitleid, ist im nächsten Moment mit ihrer Aufmerksamkeit aber schon wieder woanders.

Fazit

Erziehung wird in diesem Buch mit Gewalt und Macht gleichgestellt: Wer nicht hört, wird bestraft. Wer zu viel spricht, wird zum Schweigen gebracht. Das sind nicht gerade Werte, die ein Kinderbuch vermitteln sollte. Wenn man den Klappentext liest, erscheint ›Risa aus dem Schattenwald‹ vielversprechend, und auch die Illustrationen von Verena Körting sind ein Hingucker. Es hätte dem Buch allerdings ein gründlicheres Lektorat gutgetan, nicht nur hinsichtlich des Stils, sondern auch der Inhalte – mit Blick auf das Zielpublikum, nämlich Kinder ab 8 Jahren.

Titelangaben
Rose&Szillat (Barbara Rose und Antje Szillat): Risa aus dem Schattenwald
Illustrationen: Verena Körting
Hamburg: Dragonfly 2021
256 Seiten, 15 Euro
Kinderbuch ab 8 Jahren
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