Kinder, nehmt euch ein Vorbild an den Erwachsenen!

Kinderbuch | Davide Cali, Benjamin Chaud: So was tun Erwachsene nie

Das weiß man in der Pädagogik schon sehr lange: Dass Kinder am schnellsten und besten von Vorbildern lernen. Sich zu engagieren, sich einzusetzen, durchzusetzen. Aber auch gutes Benehmen. Denn eins ist ja klar: Erwachsenen benehmen sich nie daneben. Von GEORG PATZER

So was tun Erwaxchsene nieNein! Nie und nimmer! Das tun Erwachsene nicht. Ha, wäre ja noch schöner! Erwachsene wissen einfach sich zu benehmen. Sind nett zueinander. Denken nie nur an sich. Sie schreien nie rum. Benutzen nie Schimpfwörter. Fuhrwerken nie dazwischen. Sie stellen sich nie ungeschickt an. Schneiden nie Grimassen. Und verlieren sowieso nie die Beherrschung.

Die Liste ist lang: Sie irren sich ja auch nie. Mogeln nie, sind nie beleidigt. Ach, und nie vergessen sie was oder schieben die Schuld auf andere. Vor allem lassen sie nie was rumliegen, räumen immer gleich alles auf. Und sie kommen nie zu spät. Nein, Erwachsene kennen das Benimmbuch wirklich in- und auswendig. Deswegen reden sie auch nie mit vollem Mund. Und rülpsen? Nie!

Nein, ein Kinderleben ist nicht einfach: Mühsam müssen die Kleinen lernen, wie man sich zu benehmen hat, was sich schickt und was völlig daneben ist. Und selbst wenn sie es wissen, geht ja immer noch das eine oder andere daneben. Niemand ist perfekt. Wie gut, dass man sich an den Erwachsenen orientieren kann. Nie, nie und nie vernachlässigen sie ihre Pflichten. Sie verplempern nie ihre Zeit, sie lassen nie ihren Müll rumliegen. Und: Erwachsene sind immer lieb zueinander.

Ein putziges, aber böses Bilderbuch haben Davide Cali und Benjamin Chaud verfasst. Schon auf dem Buchumschlag sieht man einen Mann und einen Jungen vor einem kleinen Podest stehen, auf dem ein Tennisball liegt. Und auf der Erde zerschmettert und in viele grüne Teile zerbrochen liegt eine Vase. Die beiden gucken sich an. Wer hat das nur wieder getan? Und der Mann versucht, seinen Tennisschläger hinter dem Rücken zu verstecken. »Er war’s, er war’s …«

So sind alle Bilder von Benjamin Chaud: gemein und entlarvend. Da reißt eine Frau ein Bild von der Wand und haut es einen Mann um die Ohren (»benehmen sich nie daneben«), da zerren zwei Frauen im Laden an einem Kleidungsstück, dass es gleich zerreißt (»denken nie nur an sich«). Gellend kreischt der Vater, als er mit nackten Füßen in einen Legostein tritt und einen Meter in die Luft springt. Ungeschickte Erwachsene? Mit Schwung rennt eine Frau in den Laternenmast, weil sie auf ihr Handy starrt, mit Nonchalance kippt die Kellnerin dem Gast das Getränk über den Kopf. Hier reißt einem Mann die Hose, weil er sich bückt, da gießt ein verschlafener Mann den Kaffee neben seine Tasse. Nein, ungeschickt sind sie nicht.

Mitten im Schneesturm schaut der Mann auf die Karte und zeigt nach links, während die Frau nach rechts geht. Und: Schau mal, ein Vögelchen, scheint der Mann zu sagen, und als sich der andere umdreht, setzt er die Steine auf dem Spielbrett um – aber mogeln? Mogeln tun Erwachsene nicht. Und beim Candle-Light-Dinner auf der romantischen Terrasse spuckt der Mann beim Essen und rülpst derart, dass er die Kerzen ausbläst und mitsamt Stuhl umfällt. Jede Szene konterkariert die schönen, hehren Sätze und zeigt die ganze Lächerlichkeit und das pompöse Gehabe, mit dem sich Erwachsene manchmal gerne schmücken. Es ist ein herrlich erfrischendes, gemeines Bilderbuch, nicht sehr tiefgehend, aber sehr witzig und entlarvend.

Liebenswerte und böse Details

Die ironischen und witzigen Illustrationen stecken noch dazu voller kleiner Details, die man erst nach und nach entdeckt. So sind ganz vorne im Buch ein paar beachtenswerte, klassische Gemälde zu sehen: Mona Lisa, die eine Grimasse schneidet, Munchs »Schrei«, weil sich da eine Spinne abseilt, das »Picknick im Freien« mit dem ganzen Picknickmüll oder ein Selbstporträt von van Gogh, der sich ganz offensichtlich nicht nur das Ohr abgesäbelt hat. Und im Buch selber sind auf allen Bildern Kinder zu sehen, die das alles beobachten, notieren, fotografieren. Sie lugen aus kleinen Kisten hervor, linsen durch die Äste eines Gebüschs, sitzen unter dem Tisch oder im Baum.

Und am Schluss, im letzten Bild, stehen sie alle zusammen, mit Fotoapparat und Aufnahmegerät, und hinter ihnen sind alle Missgeschicke und jedes schlechte Benehmen an die Wand gepinnt. Dazu eine Karte, wo der jeweilige Ort markiert ist – weit mussten die Kinder nicht gehen, um all das zu sammeln. Und der letzte Satz ist: »Also nehmt euch ein Vorbild an ihnen.«

»Alles klar?«

| GEORG PATZER

Titelangaben
Davide Cali, Benjamin Chaud: So was tun Erwachsene nie
(Grown-ups Never Do That, 2019), übersetzt von Ebi Naumann
Stuttgart: Thienemann Verlag 2020
32 Seiten, 12 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

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