Gerüchteküche

Kinderbuch | Charlotte Habersack: Der schaurige Schusch

Wer auf dem Dogglspitz lebt, kriegt vom Rest der Welt nicht allzu viel mit. Man ist unter sich. Und das gerne. Störungen von außerhalb sind unerwünscht. Und was, wenn sie passieren. ANDREA WANNER war neugierig.

SchuschEin bisschen sieht es aus wie das Ende der Welt, das Simmerlgebirge. Neben dem Wiefzack und dem Rotzglockner erhebt sich der höchste Berg, der Dogglspitz, von dessen Gipfel aus man nicht mal bis zu den Nachbarbergen sehen kann. Dort leben nur wenige Tiere, um genau zu sein fünf: das scheue Huhn, der bockige Hirsch, die garstige Gans, das maulige Maultier und der Party-Hase. So werden sie vorgestellt – und das nicht ohne Grund. Der Einzige, der einen Hauch von guter Laune in diese abgeschiedene Gemeinschaft zu bringen scheint, ist der Partyhase mit seiner roten Fliege. Die anderen wirken mürrisch, misstrauisch und griesgrämig. Was noch schlimmer wird, als sie erfahren, dass der Schusch aus dem Tal zu ihnen auf den Berg ziehen will, weil es ihm dort unten zu warm geworden ist.

Keiner kennt den Schusch, aber jeder weiß etwas über ihn. Groß wie ein Cola-Automat sei er, zottelig wie eine alte Zahnbürste und er stinke wie ein nasser Hund. Er klaue Eier und liebe Hasenbraten. Und er küsse wie ein Wilder – das weiß das Huhn zu berichten. Die Tochter von der Mutter ihres Bruders habe ihm das erzählt. Nur der Hase trägt nichts zu diesem Negativkatalog bei. Was tun? Ganz klar, die Tiere wollen ihn nicht auf ihrem Berg. »Wir lassen ihn einfach nicht her!«, schlägt das Murmeltier vor und hat die Idee von einem Zaun. Aber es ist zu spät. Der Schusch ist bereits eingezogen. Noch hat ihn keiner zu Gesicht bekommen. Dafür aber eine Einladung zu seiner Einweihungsparty, die er an alle fünf Tiere geschickt hat. Vier Einladungen wandern direkt in den Papierkorb. Nur der Party-Hase beschließt hinzugehen. Das wird in einer Katastrophe enden, sind sich die anderen sicher und legen sich auf die Lauer.

Charlotte Habersack hat sich ein Bilderbuch über Fremdenfeindlichkeit ausgedacht, das auch schon die Kleinen verstehen. Eine ablehnende und ausgrenzende Haltung gegenüber anderen, die nur auf Vermutungen, Klatsch und Tratsch besteht, ist etwas, das Tag für Tag passiert. Wie die Ablehnung begründet wird – ob mit echten oder vermeintlichen Unterschieden, sozial, religiös, kulturell, ökonomisch, ethnisch – egal: anders ist anders und anders will man nicht. Es wird ein Bild aus ganz unterschiedlichen Versatzstücken zusammengesetzt, das am Ende den Schusch zeigt. Nicht wie er ist, sondern wie ihn sich die Bergbewohner vorstellen. SaBine Büchner hat das wunderbar in ihren doppelseitigen Illustrationen umgesetzt. Witzige Bildchen beschreiben den Bergalltag als eher kleinbürgerliches Milieu: Der Hirsch in der Lederhose, das Huhn mit Trachtenhut und Gamsbart, die Gams mit einem Besen bewaffnet neben der Mülltonne, um für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen. Alles wirkt geordnet, aber auch ein bisschen trist und langweilig. Aus dem Reden über den Neuankömmling entsteht das Bild des Schusch als Schattenmonster, das sich über die Szene legt und das in der Tat bedrohlich wirkt. So einen will man doch wirklich nicht in seiner Nähe haben. Was da alles passieren könnte … Da ist es doch das Einfachste, so jemand kommt gar nicht erst in die Nähe, oder?

Und was macht man, wenn er schon da ist?

Offenheit und Toleranz sind notwendig, um sich auf andere einzulassen. Dabei lernt man vielleicht fremde Überzeugungen, andere Handlungsweisen und Sitten kennen. Aber erst mal sollte man sie tatsächlich kennenlernen, um darüber zu reden, sich vielleicht auch von ihnen zu distanzieren. Der Schusch macht es den Fünfen eigentlich leicht: Er lädt sie ein. Aber will man das? Kann man da hin? Nicht, wenn man schon ein vorgeformtes, negatives Bild von einem Monster im Kopf hat. Nur der Hase wagt es. Mutig, offen – denn es ist die einzige Chance zu erfahren, wer der Schusch wirklich ist. Und wer und was er ist, ist eine entlarvende Überraschung, die zeigt, wie falsch man mit Vorurteilen liegen kann. Es könnte so viel einfacher sein. Und besser. Vielleicht ändert sich ja wenigstens das Leben auf Dogglspitz, jetzt, wo der Schusch da wohnt und vielleicht sogar ein bisschen mehr Farbe in den Alltag bringt.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Charlotte Habersack: Der schaurige Schusch
Mit Illustrationen von SaBine Büchner
Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 2016
32 Seiten. 12,99 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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