Unsichere Verhältnisse

Kinderbuch | I. Misschaert/R. Verschraagen: Philomena sucht das Glück und das ist näher, als man denkt

Mama ist ständig auf Reisen, Papa wechselt Jobs wie andere ihre Hemden, Großtante Meetje lebt nicht mehr ganz im Hier und Jetzt. Dann gibt’s noch Tante Caroline und das ganz große Familiengeheimnis. Wie soll ein Kind das aushalten? Philomena macht es vor. Von MAGALI HEIẞLER

Philomena sucht das GlückÜber den Vornamen braucht man nicht zu spötteln. Erstens gehört er zur Familie, zweitens findet die aktuelle Trägerin ihn auch nicht gut. Sie nennt sich Phil. Das klingt tough und so muss sie sein. Ihre Familie ist alles andere als einfach. Phil ist von klein auf daran gewöhnt, dass die Erwachsenen um sie herum vornehmlich auf ihre eigenen Interessen bedacht sind. Trotzdem fände sie es schön, wenn Mama häufiger zu Hause wäre und Papa eine Arbeit fände, die ihm wirklich liegt. Rettungsschwimmer z.B. lag ihm nicht. Man stelle sich vor, Phil fiele ins Meer und Papa würde sie nicht retten können, weil er mit der Schwimmweste nicht zurechtkommt!

Der Vater der besten Freundin Charlotte ist Arzt. Immer. Das hat etwas Beruhigendes. Allerdings ist Charlotte in letzter Zeit zickig. Sie hat keine Lust mehr, täglich am Strand zu spielen. So einen Streit kann Phil nicht brauchen. Sie braucht ihren Einfallsreichtum, um herauszufinden, warum Tante Caroline ständig weint und Cousin Lucas kein Wort spricht. Das jedenfalls ist Phils Plan. Dass sie unvermutet weiche Knie bekommt, wenn Charlottes Bruder auftaucht, überrascht sie völlig. Ist denn immer alles nur durcheinander?

Kind in Nöten

Misschaert erzählt ohne Schnörkel und Windungen und mit viel Situationskomik. Sie lässt uns Phils Tagebuch lesen. Schon nach wenigen Sätzen jedoch wird klar, dass die Geschichte alles andere als simpel ist oder gar nur der vergnüglichen Unterhaltung dient. Das Leben ihrer Hauptfigur ist voller ernster Probleme. Die Mutter, die das Haupteinkommen verdient, ist als Journalistin häufig auf Reisen. Der Vater, ein lieber Mensch, aber noch ziellos, ist nicht eben eine Stütze zu Hause. Tatsächlich hat Phil für ihn einen eigenen Namen, weil sie der Ansicht ist, dass »nur« Papa nicht zu ihm passt. Großtante Meetje macht ihrer Demenz wegen den Alltag farbiger, aber auch nicht einfacher.

Äußerst unterhaltsam, mit liebenswerten Figuren, trotz genrebedingter Überdrehtheiten fest im Alltag von Kindern heute angesiedelt, ist Philomenas Glückssuche eine ernst zu nehmende Geschichte, die einschneidende Veränderungen am Ende des Kindseins ehrlich thematisiert.

Dennoch ist Phils Geschichte keine Leidensgeschichte. Im Gegenteil sind die Widerstände etwas, an denen die Kleine wächst. Sie lernt, Fragen zu stellen, Gegebenes infrage zu stellen und eigene Lösungen zu finden. Fragen wie Lösungen verändern sich im Lauf der Geschichte, weil auch die Protagonistin sich ändert. Misschaert schildert sehr raffiniert den Übergang von Kindsein in die frühe Pubertät.

Der Übergang verläuft nicht linear, er ist ein Hin und Her, ein Vor und Zurück. Phils Elan, mit dem sie im Tagebuch spricht (und im Alltag handelt), gibt die Dynamik wieder, steigert die Spannung und trägt zur Tiefe des Erzählten bei. Phil ist gleichermaßen kindlich wie – neu – in wachsenden Maß verantwortungsvoll. Sie ist albern und ernsthaft, störrisch und liebenswürdig, eifersüchtig, unverständig, großzügig und vor allem auf eine derart selbstverständliche Weise herzensgut, dass man fast neidisch wird.

Modernes Leben

Misschaert lehrt auf ihre Weise nicht nur etwas übers Reifer werden, sondern auch einiges über gewandelte Vorstellungen vom Familienleben. Geschlechterrollen haben sich verändert, überkommene Verhaltensweisen ausgedient. Es gibt Herausforderungen, denen sich das Individuum stellen muss. Phils Mutter ist keine, die wegen ihres anspruchsvollen Berufs die Familie vernachlässigt. Sie hat nur eine eigene Art, ihre Fürsorge zu zeigen. Das bringt zuletzt sogar ein Happy End. Der Vater lernt, seine Interessen zu verteidigen. Phil befindet sich dafür in den Fängen ihrer ersten Liebe, ein weiterer Schritt im Reifungsprozess eines Menschen. Die Geschichte ist eine Geschichte der Entdeckungen und tatsächlich befinden sich alle Figuren im Buch auf einer Entdeckungsreise durch das Leben.

Das Leben färbt sich trotz des Happy Ends nicht ein für allemal rosarot. Das weiß Misschaert und sie teilt es den Leserinnen unverblümt mit. Neben all dem Glück gibt es ein trauriges Ereignis und die Ölpest, die Phils geliebtes Meer im zweiten Teil des Buchs verdreckt, ist sicher nicht die letzte. Dynamik bestimmt das Leben wie die Gefühle. Jeder Tag ist neu, Sicherheit liegt nur in der Erkenntnis, dass man sich aufeinander verlassen kann, selbst wenn es nur eine Postkarte ist aus einem fernen Land, die zum Ausdruck bringt, dass man zusammengehört.

Die Illustrationen von Richard Verschraagen geben der Geschichte ein besonderes Gesicht. Zum einen sind sie blau, passend zum Meer, an dessen Küste die Handlung angesiedelt ist, und zu dem Phil eine spezielle Beziehung aufgebaut hat. Phil unterschreibt im Übrigen auch ihre täglichen Einträge mit blauer Tinte. Zum Zweiten fängt Verschraagen die köstliche Situationskomik der Handlung ein. Das beginnt bei den munter-frechen Gesichtszügen, die er den Figuren verleiht – Großtante Meetjes Mienenspiel ist einfach nur hinreißend -, ergießt sich zuweilen opulent über zwei Buchseiten oder aber explodiert in kleinen Zeichnungen eines signifikanten Details. Gleich, ob man liest oder schaut, es gibt Szenen, da möchte man das Buch nur ans Herz drücken.

Äußerst unterhaltsam, mit liebenswerten Figuren, trotz genrebedingter Überdrehtheiten fest im Alltag von Kindern heute angesiedelt, ist Philomenas Glückssuche eine ernst zu nehmende Geschichte, die einschneidende Veränderungen am Ende des Kindseins ehrlich thematisiert.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Inge Misschaert/Robert Verschraagen: Philomena sucht das Glück und das ist näher, als man denkt
(Ontdekkingsreizigers hoeben niet ver te gaan, 2016)
Aus dem Niederländischen übersetzt von Sonja Fiedler-Tresp
Stuttgart: Franck-Kosmos Verlag 2018
120 Seiten. 9,99 Euro
Kinderbuch ab 9 Jahren
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