//

Kulturen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kulturen

Von einem anderen Stern, sagte Thimbleman.

Der Ausguck nickte. Ramessiden, fragte er, Ramses IX.? Er hatte keine Idee. Aber der Neue konnte fesselnd erzählen, entlegene Regionen weckten die Neugierde, da hörten sie gern zu an den friedlichen Abenden, war diese Lagune doch selbst eine gottverlassene Region am äußersten Rand einer Wüste, welche sich östlich bis hinein nach Texas erstreckte. Und nein, dem Grauwal nachzusetzen, das war noch mindestens für einige Tage kein Thema, es ließ sich aushalten.

Ob er ihm vielleicht diesen Sprung beibringen könne, fragte Ramses.

Einen Salto?

Ramses lächelte.

Das werde schwierig, sagte der Ausguck, und für den, der nicht trainiert sei, sei das gefährlich.

Trainiert?, fragte Ramses.

Sportlich, sagte der Ausguck.

Sag ich doch, unterbrach Thimbleman, er ist von einem anderen Stern.

Der Ausguck wandte sich ab.

Nicht von einem anderen Stern, sagte Pirelli, sondern aus einer anderen Zeit.

Wie das gehen solle, fragte der Ausguck.

Du siehst es ihm an, oder, und wer kann schon erklären, wie sich eine solche Reise abspielt.

Es ist aber so?, fragte der Ausguck.

Es ist so. Wir haben ja von Termoth ebenfalls den Eindruck, er stamme aus einer anderen Zeit.

Der Navajo?

Exakt – der die Sandbilder legt, sagte Pirelli.

Ich weiß.

Es handelt sich um eine andere Kultur, sagte Thimbleman.

Rede nicht so klug daher, du verstehst es doch selbst nicht. Der Ausguck lachte. Was das überhaupt sei, fragte er, eine andere Kultur.

Eine andere Art zu leben vielleicht, versetzte Thimbleman, von Grund auf verschieden?

Pirelli legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Ramses hörte aufmerksam zu und zeigte sich amüsiert. Er räusperte sich. Eine wichtige Frage, sagte er. Eure Kultur ist eine Lebensweise, die auf Besitz, auf Geld, auf die Ökonomie gegründet ist, ihr jagt den Grauwal, um Beute zu machen und eure Geschäfte ertragreich abzuschließen, davon gestaltet ihr euer Leben.

Thimbleman nickte.

Der Ausguck lächelte.

Pirelli stocherte in der Glut.

Auch wir leben von den Früchten der Erde, sagte Ramses, wir sind eine überwiegend agrarische Gesellschaft, die Überflutungen des Nil im Juli, August und September tragen fruchtbaren Boden ins Land, wir sind gewohnt, uns an den Rhythmen der Natur zu orientieren, wir pflegen diese Abläufe und leben im Einklang mit ihnen, der Kreislauf des göttlichen Re am Himmel und in der Unterwelt bilden das Fundament unserer Kultur.

Harmat legte die Stirn in Falten.

Unmißverständlich, sagte Thimbleman, eine radikal andere Lebensweise.

Die Moderne ist säkular, sagte Pirelli, das Maschinenwesen kennt nur den Fortschritt und expansive Verläufe, es ist einer Einbahnstraße ähnlich.

Gott, sagte London lächelnd, ist tot.

Der moderne Mensch führt ein selbstbestimmtes Leben, sagte Rostock, das steht wohl außer Frage.

Pirelli schloß die Augen und dachte nach.

Die Dinge unterscheiden sich, sagte Eldin und faßte sich an die Schulter, und je näher du an sie herantrittst, desto komplizierter treten sie in Erscheinung.

Ob Ägypten mit den benachbarten Staaten in Frieden lebte, fragte Rostock.

Nein, sagte Ramses, politisch stabil waren die Verhältnisse selten, libysche Armeen griffen mehrfach im Nildelta an, und schon Ramses III. mußte unser Territorium auch in Palästina und Syrien verteidigen.

Nach der Schlacht vor Kadesch schloß er den viel gerühmten Friedensvertrag mit den Hethitern, sagte Pirelli.

Ramses lächelte. Auch innenpolitisch, sagte er, war es kein leichtes Spiel, das Reich beisammenzuhalten. Zu Zeiten des Neuen Reiches wurden einige Pharaonen mit dem Namen Ramses inthronisiert, und noch meine Vorgänger mußten erbittert um ihren Thron kämpfen, der Streit nahm oft bürgerkriegsähnliche Zustände an, während eine ambitionierte Priesterschaft in Theben ihren Einfluß sicherte. Ihr seht, sagte er, unter welchen Entbehrungen das Land zu verteidigen war. Doch meine Herrschaft verlieh dem Land erneut Stabilität, ich führte den legendären Grabräuberprozeß, in den auch korrupte Kräfte der Priesterschaft verwickelt waren.

Er lobt sich selbst, sagte Thimbleman.

Hat er das nötig?, fragte Bildoon.

Wir wissen es nicht, sagte Rostock.

Letzten Endes geschah alles zu spät, schloß Ramses, der Mensch hinkt den Ereignissen hinterher, die Pflege des Sonnenlaufs darf keinesfalls nachlassen, stets von neuem muß die Balance gefestigt werden und gegen die finsteren Kräfte verteidigt.

Vielleicht sollte man ein Foto aufnehmen, schlug London vor.

Pirelli lächelte. Das sei eine Technologie der Zukunft, sagte er.

Es war spät geworden, das Feuer erlosch, viele hatten interessiert zugehört, sogar Termoth und seine Leute hatten ausgeharrt, man erlebt das nicht alle Tage.

Der Ausguck stand auf und schlug einen Salto.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der globale Rausch

Nächster Artikel

Fragwürdige Botschaften

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Erst schalten, dann walten!

Literaturkalender 2016 Was wird wohl 2016 für uns bereithalten: glückliche Augenblicke und köstliche Momente, ereignisreiche Wochen und wechselnde Jahreszeiten. Vielleicht sogar lange Ferien? Auf jeden Fall einen geschenkten Schalttag obendrauf. Kalender für das nächste Jahr laden jetzt schon zur Vorfreude und zum Pläneschmieden ein – am besten häppchenweise garniert mit Literatur. Von INGEBORG JAISER

Koordinaten einer Kindheit

Kurzprosa | Paul Auster: Bericht aus dem Inneren Als erfolgreicher Schriftsteller, Übersetzer, Essayist und Regisseur blickt Paul Auster zurück auf seine frühen Jahre. Wann hat er sich erstmals als eigenständiger Mensch gefühlt? Als Amerikaner? Als werdender Autor? Sein Bericht aus dem Inneren legt offen, wie aus einem fantasievollen, bilderhungrigen kleinen Jungen ein Mann werden konnte, der täglich mehrere Stunden an einem Schreibtisch zubringt, »mit nichts anderem im Sinne, als das Innere seines Schädels zu erforschen«. Von INGEBORG JAISER

Eldin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eldin

Eldin eine Ikone der Moderne, fragte der Ausguck – wie solle das gehen? Er sei ein guter Erster, bei allem, was recht sei, doch sieh ihn dir an: ein Lulatsch, ausgezehrt, man möchte ihm nicht im Dunkel begegnen, ein Hungerhaken.
Du bist grob, Ausguck. Seine Stimme flößt jedermann Respekt ein, und auf Scammons ›Boston‹ wird ihm niemand am Zeug flicken, er funktioniert wie geschmiert.
War er immer so?
Er war immer so. Du wirst damit geboren, Ausguck, ein solcher Charakter fügt sich in die Abläufe des Maschinenwesens, verstehst du.

Irreführend

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Irreführend

Sobald er sich hinlegt, lang auf dem Sofa ausgestreckt, fällt ihm erst auf, wie müde er ist, nicht ermattet mit einer Sehnsucht nach tiefem Schlaf, nein, auch nicht jene Art Müdigkeit, daß ihm die Augen zufallen würden und er übergangslos einschliefe, traumlos, nein, es sei eine empfundene Müdigkeit, und verwundert nehme er wahr, daß sie sich über seinen Körper ausbreite, anfangs im Brustkorb, dann greife sie nach dem Kopf, schließlich über Schultern und Hüfte bis zu Händen und Füßen.

Magritte als Programm

Kurzprosa | Mike Markart: Magritte

Der Grazer Autor Mike Markart legt in seinem neuen Erzählband Magritte eine Sammlung von Kurztexten vor, in der mehr als nur eine literarische Begleitstimme zu Bildern des großen Surrealisten entsteht: Markart lädt ein zu einer ganz erstaunlichen Ausstellung. Ein Rundgang mit HUBERT HOLZMANN.