/

Flüchtige Momente

Kinderbuch | Géraldine Elschner: Die kleine Tänzerin

Jeanne hat einen großen Traum: Sie möchte Klavierspielen und Tanzen. Weil Ihre Mutter Clémence ihr großes Talent erkennt, bekommt sie die Chance, die Aufnahmeprüfung an Ballettschule der Pariser Oper zu machen. Sie schafft es tatsächlich. Von ANDREA WANNER

Ein kleines Mädchen in einem BalletkleidJeannes Geschichte ist inspiriert von dem Schicksal Marie van Goethems, einer jungen Schülerin der Ballettschule der Pariser Oper, die aus armen Verhältnissen stammte. Sie steht Modell für Edgar Degas und er schafft ihr mit der Wachsskulptur ›Die kleine vierzehnjährige Tänzerin‹ ein unvergängliches Denkmal.

Die Kinderbuchautorin Géraldine Elschner hat als Kind selbst Spitze getanzt und kennt die damit verbundenen Strapazen und Schmerzen. Jeanne, ihre junge Heldin, ist willensstark und zäh und stellt sich den Herausforderungen täglich aufs Neue. Auch wenn der Lohn gering ist. Auch sie begegnet in der Geschichte dem berühmten Künstler Degas, der sie bei den Proben anspricht: »Die junge Marie, die mir Modell für eine Skulptur steht, ist krank geworden. Könntest du für sie einspringen?« Ohne Zögern sagt Jeanne zu und so wird sie im Buch zur ›La Petite Danseuse de quatorze ans‹, jenem Original aus Wachs, ausgestattet mit – in dieser Version – Jeannes erstem Tutu aus Tüll und ihren ersten Ballettschuhen. Anders als Marie van Goethem, deren Weg sich bereits kurze Zeit danach verliert, schenkt Elschner der jungen Jeanne eine glückliche Zukunft voller Musik und Tanz.

Dieser Einblick in das Leben einer Ballettratte – einem Begriff, der im 19. Jahrhundert einen eher melancholischen bis düsteren Beigeschmack hatte, weil viele der Kinder aus sehr armen Verhältnissen stammten und oft unterernährt waren und sprichwörtlich am Hunger nagten, ähnlich wie Straßenratten – bewegt sich zwischen der historischen Figur Marie und dem Märchen, das für Jeanne wahr wird. Elschner verzichtet auf Grausamkeit und gönnt der kleinen Tänzerin den Erfolg – sicher ein legitimer Ansatz für ein Kinderbuch.

Zumal das Hauptaugenmerk angesichts der Illustrationen von Olivier Desvaux tatsächlich auf der Kunst von Edgar Degas liegt. Als eigenwilliger »Realist« wirbelte der durch die Ära des Impressionismus, fing aber lieber das künstliche Licht der Innenräume ein als die flirrende Sonne im Freien. Sein Blick suchte das pulsierende Paris – allen voran die Welt des Balletts, die er in über der Hälfte seiner Werke wie im Vorbeiziehen festhielt. Er zeigte keine starren Posen, sondern den ungeschönten Windschatten der Bühne: Erschöpfte Tänzerinnen, die sich die Schuhe binden oder mitten in einer Bewegung verharren. Mit der Präzision eines Fotografen fing er die reine Dynamik ein und wurde so zum ultimativen Meister flüchtiger Körperhaltungen. Desvaux spürt seiner Farbigkeit nach, die noch von den harmonischen Braun-, Grau- und Beigetönen dominiert wird und seinen Ballettbildern, in denen das zarte Weiß der Tutus vorherrscht mit Akzenten in Hellblau, Rosa oder Gelb. Er gesteht, dass Degas sein Lieblingsmaler sei und er selbst schon Ballettproben gemalt habe. So schlagen seine Bilder eine direkte Brücke zu Edgar Degas und der Welt des Balletts. Zahlreiche Szenen fangen den Zauber der graziösen Bewegungen ein – und im Kontrast dazu steht die von Degas geschaffene Figur in fast trotzige Haltung, in der sogenannten »vierten Position«, bei der die Füße parallel voreinander stehen, aber durch einen Abstand von etwa einer Fußlänge getrennt sind.

Das Kunstwerk, das bei seiner Erstausstellung 1881 in Paris Entsetzen auslöste und das Kritiker »hässlich« nannten und ihr Gesicht mit dem eines Affen verglichen, steht heute in der National Gallery of Art in Washington, D.C. Erst nach Degas Tod wurden etwa 28 bis 30 Bronze-Kopien angefertigt, die heute in den großen Museen der Welt zu sehen sind. Das Kunstbilderbuch ermöglicht eine erste Begegnung mit diesem unvergesslichen Meisterwerk und seiner Geschichte.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Géraldine Elschner: Die kleine Tänzerin
(La petite danseuse, 2019). Deutscher Text von Igna Gantschev und Géraldine Elschner
Illustriert von Olivier Desvaux
Zürich: minedition 2025
32 Seiten. 18 Euro
Kindersachbuch ab 5 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Immer neugierig geblieben

Nächster Artikel

Wunder sind oft ganz klein

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Gänsehaut

Kinderbuch | Nina Blazon: Siebengeschichten Die Tage werden kühler, die Nächte dunkler, klar, dass man fröstelt. Das kann man noch steigern, wenn man sich die Gänsehaut mit gruseligen Geschichten hinein ins gemütlich-warme Zimmer holt. Nina Blazon liefert neuen Stoff, gleich sieben Mal! Von MAGALI HEIẞLER

Wundersames

Kinderbuch | Oliver Jeffers: Wie man einen Stern fängt

Es ist ein ziemlich unmöglicher Wunsch, den ein Junge hat: er will einen Stern fangen. Realistisch betrachtet sind Sterne sind riesige, extrem heiße Gasbälle, die aus Plasma mit Temperaturen von Millionen Grad bestehen. Aber mit solchen Kleinigkeiten gibt er sich gar nicht erst ab. Er hat ein Ziel, staunt ANDREA WANNER.

Nostalgisch und modern

Kinderbuch | Görel Kristina Näslund; Kristina Digman: So ist der Winter Zum Winter kommt einer gleich Vieles in den Sinn. Ist man noch neu im Leben, sieht das anders aus. Da muss der Winter erst vorgestellt werden. Görel Kristina Näslund und die Illustratorin Kristina Digman haben sich zusammengetan und dem Winter auf eigenwillige Art ein Gesicht gegeben. Das können die Allerkleinsten erkennen, aber auch Nostalgie-Fans können sich in diesem Buch wiederfinden. Von MAGALI HEISSLER

Grenzüberschreitungen

Kinderbuch | Antje Damm: Das Nori sagt Nein!

Das Nori ist ein kleines, zotteliges Wesen, kaum größer als eine Maus, das ruhig und zufrieden in seiner Höhle lebt. Bis sein Leben von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt wird. Von ANDREA WANNER

Weglaufen, um wieder gefunden zu werden

Kinderbuch | Taltal Levi: Wo ihr mich findet

Manchmal muss man wohl einfach abhauen, damit die anderen merken, dass man fehlt. So ergeht es auch dem kleinen Kind in dieser Geschichte. Es rennt von zu Hause fort, schreibt aber vorher auf, wo man es findet. Und erlebt ein kleines Abenteuer dabei. Von GEORG PATZER