Fantasie zum Träumen

Kinderbuch | Sven Gerhardt: Minna Melone. Wundersame Geschichten aus dem Wahrlichwald

»Davon werde ich euch morgen berichten!« so enden die einzelnen Vorlese-Geschichten und für die, die gespannt lauschen, wird es den ganzen Tag über nichts Spannenderes geben, als auf den Abend und die nächste Geschichte zu warten. Ein klassisches Vorlesebuch, wunderbar gemalt und getextet und in ein Füllhorn an Fantasie getunkt, meint BARBARA WEGMANN.

Die Zeichnung zeigt eine Ratte, die durch einen Wald läuft.Es ist ein so beschauliches und geruhsames Leben dort draußen im Wahrlichwald, in der kleinen Waldsiedlung, wo viele Tiere friedlich miteinander ihren Alltag leben. Und der Tag, der alles verändern sollte, war eigentlich ein ganz gewöhnlicher: »Die Sonne schien nicht zu kräftig und nicht zu schwach. Der Wind wehte nur dann, wenn man ihn brauchte- zum Wäschetrocknen zum Beispiel.« Die Bewohner tun das, was sie immer tun: Futter sammeln, fegen, reparieren, waschen, die Gärten machen. Die Nachricht des Tages überbringt Zara, das emsige Eichhörnchen. Am Waldrand sei eine Ratte angekommen, sie habe eine Bühne aufgebaut mit einem roten Vorhang und ein Schild stünde daneben mit der Aufschrift »Jeden Abend Abenteuer!« Wie aufregend!

Oh ja, das Buch hält genau das, was die Aufschrift der ungewöhnlichen Wanderratte namens Minna Melone verspricht. »Jeden Abend Abenteuer.« Minna wird es sein, die den Tieren des Waldes jeden Abend eine abenteuerliche Geschichte erzählen wird. »Weit gereist bin ich! Unzählige Abenteuer habe ich dabei erlebt. Schönes, Schreckliches, Fröhliches, Trauriges, Beglückendes und Schauriges!«

Aber das Wildschwein Borke hat Bedenken. »Wanderratten darf man nicht trauen, das weiß doch jeder.« Außerdem machten sie »krumme Geschäfte«, würden betrügen und angeblich würden sie auch nicht sonderlich gut riechen. Abgesehen davon seien sie ungebildet und führten Gaunereien im Schilde. Der weise Uhu, der ein wachsames Auge auf die liebenswerte Waldgemeinschaft wirft, ist gar nicht gut auf Minna Melone zu sprechen. »Wenn du nicht verschwindest, sorge ich eben dafür, dass dir niemand mehr zuhört«, warnt er die kleine Geschichtenerzählerin.

12 Kapitel sind es, die sich bestens für 12 wunderbare Vorleseabende eignen, von Mal zu Mal werden es mehr Zuschauer, dort im Wald, vor der kleinen Waldbühne der ungewöhnlichen kleinen Wanderratte, die niemand kennt. Da sind zunächst Vorurteile, Bedenken gegen alles Fremde, eine ängstliche Ablehnung gegen alles, was außerhalb des kleinen Waldes liegt, der die Heimat der Tiere ist. Vorurteile und Bedenken, die sich erst ganz allmählich auflösen. Aber dann, abends, wenn der Vorhang sich öffnet, legt sich ein geheimnisvoller Zauber auf das neugierige Publikum.

Minna Melone erzählt davon, wie das Mondlicht ihr den Weg gewiesen hat, sie an einen Hafen kam. Dort trifft sie die »berühmte Piratin Barbara Rossa«, der sie hilft, den Schatz von »Rattlantis« zu heben. Als Dank erhält Minna einen Säbel, der Zauberkräfte besitzt, und ihr auch im Inselstaat Puerto Rico hilft, dem »üblen Herrscher« Felipe, dem Papageienkönig«, wieder zu entkommen. Gefahrvoll treibt sie auf dem Meer, gerät ins das »Bermudaviereck«, landet in Grönland, wo ein Eishotel gebaut wird.

Verweilt man bei den bezaubernden Illustrationen, so wird die zierliche Minna Melone auf den Bildern fast lebendig, dort auf der kleinen Bühne, in ihrer märchenhaften Verkleidung, mit der sie umgebenden, geheimnisvollen Aura, eingerahmt von dem magischen roten Vorhang. Und jeden Abend werden es mehr, die zu den Vorstellungen kommen, allen Warnungen des Uhus zum Trotz. Aber auch der lässt sich letztlich überzeugen. Die Geschichten täten allen gut, sagt er, sie enthielten »einen guten Kern« und sie erzählten von Hoffnung, und das wäre gut! Kulle der Igel, die Rehmutter Malu, Turre, der Specht, oder das Hasenmädchen Feja und die anderen, Sven Gerhardt lässt die Tiere der Waldsiedlung der Fantasie verfallen, jeden Abend sind es mehr Tiere, die zur Waldbühne kommen und jeden Abend sind sie ein Stückchen mehr begeistert.

Der Marburger Sven Gerhardt wäre fast Grundschullehrer geworden, machte dann aber »sein Hobby zum Beruf«: Das Schreiben, das Erzählen von fantasiereichen Geschichten, die dann auch schon mal in den Kinderbuch-Bestsellerlisten landen können.

Ob die Geschichten der Minna Melone wohl wahr sind? »So oder so ähnlich hat sich das alles ganz bestimmt und höchstvielleicht zugetragen«, beteuert Minna Melone, vielleicht ja mit einem Augenzwinkern. Übrigens: Geschichten voller Fantasie kann jeder erzählen, man muss es nur einmal versuchen!

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Sven Gerhardt: Minna Melone
Wundersame Geschichten aus dem Wahrlichwald
Mit Illustrationen von Mareike Ammersken
München: cbj 2022
128 Seiten, 14,00 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wenn man Unordnung vermisst

Nächster Artikel

Bonnie und Clyde in Südschweden

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Heimat, Zuhause und all das dazwischen

Kinderbuch | Issa Watanabe: Flucht

Meine Tochter ist lange schon erwachsen, aber ich erinnere mich gern und gut daran, dass es eigentlich nie ein Thema gab, über das man mit ihr nicht hätte reden können. Es kommt eben immer nur darauf an, die dem Alter des Kindes gemäßen Worte zu finden. Und wie dieses Kinderbuch in Perfektion zeigt, braucht man manchmal überhaupt keine Worte für ein schwieriges Thema, meint BARBARA WEGMANN

Mehr Grusel als Weihnachtsgefühle

Kinderbuch | Cornelia Funke: Gespensterjäger und der Weihnachtsspuk (Band 5)

Tom ist nicht nur der jüngste Gespensterjäger aller Zeiten, sondern auch ein echter Weihnachtsmuffel. Und so bekommt er ganz unerwartet das, womit er am wenigsten gerechnet hatte: eine Gespensterjagd an Weihnachten. Auf die hätte er allerdings verzichten können. Von ANDREA WANNER

Die optimale Babysitterin

Kinderbuch | Nikolaus Heidelbach: Simone

Sie ist verlässlich, verantwortungsbewusst, kinderlieb und baut aktiv Vertrauen auf. Sie bringt Erfahrung mit, ist kreativ in der Beschäftigung und hat eine gute Verbindung zum Kind. Klar, das ist Simone, findet ANDREA WANNER.

Vertrieben, gehetzt und beinah erschossen

Kinderbuch | Rosanne Parry: Als der Wolf den Wald verließ

Erwachsenwerden ist nicht leicht, auch wenn man eine behütende Familie hat. Aber wenn man angegriffen wird, die Familie getötet, und der Halbwüchsige tausende Kilometer allein unterwegs sein muss, ist es lebensgefährlich. So ergeht es auch dem kleinen Flink, der seine Geschichte erzählt. Flink ist ein Wolf. Von GEORG PATZER

Auf ins Geschichtenland

Kinderbuch | Oliver Jeffers und Sam Winston: Wo die Geschichten wohnen »Ich bin ein Kind der Bücher«, so beginnt ein kleines Mädchen ihre Geschichte und nimmt Reiselustige mit auf eine Entdeckungstour ins Land der Fantasie. Von ANDREA WANNER