Zeit für Veränderung

BitMag | Zeit für Veränderung

Es ist Sommer. Und Sommer ist lange Clubnächte, Konzerte und Festivalsaison. Aber 2020 ist anders und wir müssen die Füße still halten und wehmütig in Erinnerungen an die letzten Jahre schwelgen, wenn wir uns immer wieder die gleichen Anekdoten erzählen. Das kann frustrierend sein und doch haben wir die Möglichkeit, die Kunstpause zum Reflektieren und Verändern zu nutzen. Deshalb habe ich diesen Monat nicht neuer Musik gelauscht. Stattdessen habe ich Fragen gestellt. VON LOUISE RINGEL

Was wünsche ich mir im Musik Business? Was ist unterstützenswert und was nicht? Wovon möchte ich mehr und wovon weniger? Worauf möchte ich mich fokussieren?

Jeden Monat höre ich Promos von mehrheitlich weißen Männern. Hörenswerte Musik von tollen Künstlern, die ich damit nicht abwerten möchte, aber ist das nicht sehr eindimensional? Alles was wir tun ist politisch und jede Handlung ist ein Kreuzchen auf einem Wahlzettel. Also ist die logische Konsequenz, dass wir uns bei jeder Handlung fragen, in was für einer Welt wir leben möchten. Das ist ein bisschen mehr Verantwortung, als wir gerne tragen und ein bisschen mehr Aufwand, als wir gerne betreiben, aber ist es das nicht wert, wenn wir unserer Utopie dafür etwas näher kommen?

Divers, bunt, vielfältig, fair und offen. So ist die Welt, in der ich leben möchte. Das ist ein Musikbusiness, dass von ausschließlich weißen Künstlern dominiert wird, offensichtlich nicht. Ich gehe jetzt in die Umbauphase und dafür habe ich Orientierung und Vorbilder gesucht.

Der Auslöser für meine Krise mit der Musik Industrie war ein Artikel über 365XX das erste deutsche Rap-Label, das ausschließlich Frauen, Transpersonen und nicht-binäre Menschen unter Vertrag nimmt.

Es ging um die patriarchalisch geprägte Musikindustrie, Sexismus und harte Jungs, die dann doch ein bisschen sensibel auf Kritik reagieren. Irgendwie ein alter Schuh und irgendwie frustrierend, wobei wir selbstverständlich gerade deshalb nicht aufhören dürfen, darüber zu reden. Aber was mich wirklich beeindruckt hat, war die Story hinter dem Label. Die Gründerin, Lina Burghausen, war Argumente à la »Wir haben dieses Jahr schon einen weiblichen Act im Programm, mehr geht nicht!« oder »Es gibt einfach nicht so viele unterstützenswerte Frauen wie Männer« leid. Sie startete einen Blog, auf dem sie ein Jahr lang jeden Tag eine Rapperin vorstellte. Eine ruhige und positive Handlung, dafür umso entwaffnender.

Anderes Genre, aber ebenfalls ein heller Hoffnungsschimmer: female:pressure. Ein 1998 von der Künstlerin Electric Indigo gegründetes internationales Netzwerk für Künstlerinnen* in der elektronischen Musik und digitalen Kunst. Mittlerweile hat sich das Netzwerk auch für Transpersonen und nicht-binäre Menschen geöffnet. Nach innen bietet es Möglichkeiten zum Vernetzen, zum Austauschen, zur Warnung vor sexistischen Veranstaltern und zum Organisieren. Nach außen macht es auf die Existenz und das Schaffen der Künstlerinnen* aufmerksam. In der Online-Datenbank kann anhand von Kriterien nach Künstlerinnen* gesucht werden. Diese sind dann mit einer Homepage verlinkt, es gibt eine E-Mail Adresse und oft auch die Art der Tätigkeit und den Stil.

Übrigens kann man lange suchen, denn das Netzwerk ist seit seiner Gründung stetig gewachsen. Im März 2020 waren 2550 Künstlerinnen* aus 79 Ländern gelistet.

female:pressure bietet eine Fülle an Informationsmaterial, veranstaltet ein jährliches Festival und veröffentlicht einen tollen Musik-Podcast. Das Suchen von Alternativen wurde schnell zu begeistertem Stöbern.

Die Legitimation und Notwendigkeit solchen Engagements hat der Guardian 2015 relativ eindeutig anschaulich gemacht. Er veröffentlichte Flyer von Musik Festivals, nur waren die männlichen Acts ausgeblendet. Nun ja, es wären Festivals mit wenig Bühnenprogramm gewesen. female:pressure selbst liefert mit dem female:pressure FACTS Survey selbst einige Daten.

Das Projekt quantifiziert die Gender Verteilung von Künstler*innen bei elektronischen Musik Festivals. 2020 ist die vierte Edition des Surveys erschienen. Es sind viele Daten, doch sie wurde transparent, verständlich und interessant präsentiert. Heruntergebrochen ist die Aussage, die daraus getroffen werden kann, eindeutig. In den letzten acht Jahren ist die Anzahl der weiblichen Acts auf Festivals stetig gestiegen, doch nichtsdestotrotz liegt der letzte Wert von 2019 bei etwa 25 % Prozent Frauenanteil. Die Arbeit scheint Früchte zu tragen, aber abgeschlossen ist sie noch lange nicht.

Vor allen Dingen, weil die strukturelle Diskriminierung nicht bei der Kategorie »Frau« endet.

Die elektronische Musik in Europa und Nordamerika wird vor allen Dingen von weißen Männern dominiert und dieser Männerclub scheint sich die Türsteher mit vielen deutschen Clubs zu teilen. Was zynisch wirkt, wenn man bedenkt, dass die Wurzeln des elektronischen Dance in der Black und Latinx Kultur liegen. Besonders hart trifft es Women of Color, die als Frauen und aufgrund ihrer Hautfarbe in zwei diskriminierte Kategorien fallen. Ja, Diskriminierung ist vielschichtig.

Was Ideen wie 365XX und female:pressure anstoßen können, ist beeindruckend, aber es braucht immer die, die annehmen, zuhören und umsetzen. Und da dürfen sich tatsächlich alle angesprochen fühlen. Der Musiker, der hört, dass jemand »Für eine Frau bist du echt gut!« zu einer Kollegin sagt. Der Festivalbesucher, dessen Lieblingsfestivals die sind, die Jahr um Jahr kaum Frauen, aber dafür extra viele männliche Acts mit, um dem die Krone aufzusetzen, Belästigungsvorwürfen am Hals einladen. Der Veranstalter, der seit geraumer Zeit keine Künstlerin mehr gebucht hat, weil er doch schon eine Frau verpflichtet hat. Und ich, die Musik hört und darüber schreibt, aber jetzt mal den Blick öffnen muss. Haltung, Freunde. Es geht um Haltung.

| LOUISE RINGEL

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