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Der Dichter der Shoah

Sachbuch | Lyrik | Bertrand Badiou: Paul Celan, Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit

Er gelangte mit seiner Sprache an die Grenze des Sagbaren. Seine ›Todesfuge‹, im Jahr 1947 erstmals veröffentlicht, wurde zu einem der berühmtesten deutschen Gedichte nach 1945 – auch durch die Verszeile »… der Tod ist ein Meister aus Deutschland«. Es wird gelesen, wiedergelesen und Interpretiert als eines der eindrücklichsten Versuche, das Grauen der Shoa mit lyrischen Mitteln zu fassen. Von DIETER KALTWASSER

Ein Foto von Paul Celan, der in die Kamera lächelt und Aktentasche sowie Mantel trägt.Auch mehr als 50 Jahre nach seinem Freitod und unzähligen Interpretationen seines poetischen Schaffens fasziniert das einzigartige Werk des aus Czernowitz in der Bukowina stammenden Juden Paul Celan, der als bedeutendster deutschsprachiger Dichter nach 1945 gilt. Autor und Herausgeber der neuen großformatigen Bildbiografie über Celan ist Bertrand Badiou, der von Celans Sohn Eric mit der Sichtung des Nachlasses beauftragt wurde. Badiou ist Leiter der Paul-Celan-Arbeitsstelle der École Normale Supérieure in Paris, Herausgeber von Werken und Briefen Celans in Deutschland und in Frankreich.

Der Biograf konnte auf Dokumente und Notizen Celans zurückgreifen, die bislang unveröffentlicht waren, wie auf die intimen Tagebücher des Dichters. Dies ist nicht unproblematisch, denn was nun veröffentlicht wurde, übertrifft alles, was bislang über Celans Lebensumstände bekannt war; so wird selbst die Exhumierung des Leichnams beschrieben.

Der Leser folgt dem Leben Celans durch die einzelnen Lebensetappen und -orte. Es ist kein fortlaufender Text, sondern die einzelnen Orte und Bilder werden ausführlich beschrieben. Entstanden ist daraus ein Lebensbild mit fast achthundert farbigen Abbildungen, das durch ihre Vielfältigkeit und Präzision beeindruckt. Nachgezeichnet werden die großen Linien seines Lebens und Werks: Von ›Der Sand aus den Urnen‹ (1948, mit der Todesfuge) bis zu ›Lichtzwang‹ (1970, der letzte Gedichtband, der zu Lebzeiten Celans erschien). Thematisiert werden auch auf die Goll-Affäre Die Witwe des Dichters Yvan Goll hatte Celan des Plagiats beschuldigt (ungerechtfertigterweise); die sich daraus entspinnende Diskussion hatte teilweise deutlich antisemitische Untertöne. Auch um die Treffen mit Martin Heidegger geht es. Drei Mal begegneten sich Celan und Heidegger, zu Spaziergängen, zum Kaffee, zu Gesprächen. Celan fixierte den Ort eines Treffens mit dem Philosophen in seinem Gedicht ›Todtnauberg‹.

Der Dichter wurde 1920 als Paul Antschel (später rumänisiert Ancel, woraus das Anagramm Celan entstand) in einer deutschsprachigen jüdischen Familie in Czernowitz in der Bukowina (Buchenland) geboren. 1919 wurde die vormals zur Habsburgermonarchie gehörende Stadt Rumänien zugesprochen, später gehörte sie zur Sowjetunion, seit 1991 ist sie Teil der Ukraine. Nach der Befreiung seiner Heimat von deutscher Besatzung kehrte er 1944 aus dem Arbeitslager nach Czernowitz zurück, arbeitete zunächst als Krankenpfleger in der psychiatrischen Klinik der Stadt und studierte Anglistik an der örtlichen Universität. 1945 ging er nach Bukarest, und tatsächlich hat er nur ein gutes halbes Jahr seines nicht ganz fünfzigjährigen Lebens im deutschsprachigen Raum gelebt, in Wien, wo er Ende 1947, aus Bukarest kommend, eintraf. 1948 zog er weiter nach Paris. Im November 1951 begegnet Paul Celan der Malerin und Grafikerin Gisèle de Lestrange, die er 1952 heiratete und der er trotz seiner anderen Liebesaffären bis zu seinem Lebensende verbunden bleiben sollte.

Leben und Dichten Celans sind zutiefst geprägt von den Verbrechen des Nationalsozialismus, denen auch seine aus Czernowitz stammende deutschsprachige jüdische Familie zum Opfer fiel. In späteren Jahren mehren sich seine psychischen Probleme und die Wahnanfälle. Das Wort »Schmerz«, so erfahren wir von Badiou, wird zum Schlüsselwort ab dem Jahr 1962: »Eine einzelne Silbe, die gleichermaßen auf die zunehmende Kargheit von Celans Dichtung und auf die tiefen Verwerfungen in seinem Leben verweist.«

Paul Celan hegte ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber allem Biografischen und dem photographischen Abbild; er wollte nur über seine Gedichte wahrgenommen werden. Badiou ist sich dieser Paradoxie gegenüber seinem bildbiografischen Vorhaben bewusst. Das Gedicht, schreibt Badiou, »auch wenn es sich nicht dem Leben entgegenstellt, widersetzt sich der bloß faktisch abbildenden Beschreibung des Lebens, der ›Grafie‹ des Erlebten. Es ist das Gegenteil der einfachen sprachlichen Übertragung von Erfahrung – ›Echte Dichtung‹ ist antibiografisch«. In Celans Wohnung befand sich nur ein gerahmtes Foto, das einzige Bild, das der Dichter von seiner Mutter besaß, die im Alter von 47 Jahren im Zwangsarbeitslager Michailowka von der SS ermordet wurde – ein SS-Mann erschlug sie. Sein Vater starb dort an Typhus. Badiou schreibt, dass er Celans theoretische Äußerungen zu Biografie und Fotografie »paradoxerweise als motivierende, ja antreibende Tabus« interpretierte, um »die Umstände und die Prozesse in Celans Schreiben in Form einer zersprungenen Biografie oder besser: einer Biografie aus oder in Stücken zu zeigen«.

So findet man im Buch auch zwei Fotos von Ingeborg Bachmann und Paul Celan auf der Tagung der Gruppe 47 in Niendorf im Jahre 1952. Mit Celan verband sie eine 1948 begonnene, 1950/51 in Paris unterbrochene und 1957/58 nach einer Tagung in Wuppertal wieder aufgenommene Liebesbeziehung. Sie verbrachten auch eine Nacht in Köln, sein Gedicht ›Köln, Am Hof‹, das mit dem Wort »Herzzeit« beginnt, rekurriert auf diese Zeit.

Die Reise nach Niendorf ist die erste des Dichters ins Nachkriegsdeutschland – »was für einen Überlebenden des Genozids keineswegs selbstverständlich ist«, wie es Bertrand Badiou formuliert. Bei späteren Reisen habe Celan dann genau geprüft, wem er die Hand geben und wer sie ihm reichen werde. Die Frage lautet: »Was hat diese Hand während dieser zwölf Jahre getan?«

Während der Tagung der Gruppe 47 liest er erstmals seine Gedichte öffentlich. »Man wirft ihm sein Pathos und seine besondere Diktion vor; sie geben Anlass zu geschmacklosen Spötteleien mit klar antisemitischer Färbung«, erfährt der Leser von Badiou: »Celan wird hier zum ersten Mal mit der deutschen Nachkriegswirklichkeit und -mentalität konfrontiert.« Doch trotz dieser gegen ihn gerichteten Stimmung ist dieser Aufenthalt in Deutschland »entscheidend für seinen literarischen Werdegang.«

Vor 54 Jahren, vermutlich in der Nacht vom 19. auf den 20. April 1970, starb Paul Celan in Paris – er wählte, nach der Einnahme von Antidepressiva und Neuroleptika – den Freitod und ging in die Seine. Im Mai wurde sein Leichnam aus dem Fluss geborgen. Bertrand Badiou weist auf das »erschreckende Faktum« hin, dass Hitler an einem 20. April geboren wurde.

Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit – Gedichte

Der neu aufgelegte Gedichtband war Ingeborg Bachmanns erste selbstständige Publikation und erschien im Dezember 1953. Er enthält ein Mottogedicht, 23 Gedichte in drei Teilen sowie den ›Monolog des Fürsten Myschkin zu der Ballettpantomime ›Der Idiot‹‹ (nach Dostojewskis Roman), zu der Hans Werner Henze die Musik komponierte. Der Monolog ist ein reiner Sprechtext und wurde in der Fassung von Ingeborg Bachmann erst 1960 uraufgeführt.

Nach dem im November 2022 veröffentlichten Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch bietet die Neuausgabe eine gute Gelegenheit (auch Dank des luziden Kommentarteils von Irene Fußl), sich mit diesem Gedichtband auseinanderzusetzen, der auch ein Licht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der jungen Bundesrepublik wirft.

Die Gedichte entstanden im engen Zeitraum zwischen 1951 und 1953. Der Titel des Gedichtbandes verweist auf die historischen Verhältnisse nach 1945 mit ihren Hoffnungen auf grundlegende Veränderungen; doch schon bald sollte sich die Restauration als die »bestimmende Erfahrung der Zeit« durchsetzen, erklärt Hans Höller in seinem Vorwort zur Neuausgabe. Die Schriftstellerin Christa Wolf bezeichnete einst »die unheimliche Wiederauferstehung der Reaktion« als das »Grunderlebnis« der Generation von Bachmann. »Nach dem Krieg – dies ist die Zeitrechnung« heißt es in Bachmanns Erzählung ›Unter Mördern und Irren‹.

Für Höller ist dieser erste Gedichtband Bachmanns »eines der schönsten Werke der deutschsprachigen Literatur nach 1945 – schön allein durch die nuancenreiche Dramatisierung der Zeiterfahrung.« In ihm zeige sich »eine ungewöhnliche Formen- und Stimmenvielfalt, akzentuiert durch die rhythmischen Gesten und die starke Kontrapunktik auf allen sprachlichen Ebenen.«

›Nach 1945‹, das heißt für Bachmann nach dem Krieg und nach der Shoah. »Die Einsicht in den Zusammenhang von Krieg und mörderischem NS-Terror unterscheidet ihre Lyrik von den meisten damaligen Zeitgedichten«, betont Höller. Das Titelgedicht endet mit den Versen: »Sie dich nicht um. / Schnür deinen Schuh. / Jag die Hunde zurück. / […] / Es kommen härtere Tage.« In der Strophe wird an Orpheus und Odysseus erinnert, schreibt Höller, das »wieder weggehen müssen ist eine Erfahrung der Exilierten. Die knappen Verhaltensanweisungen könnten von Brecht stammen«.

Ingeborg Bachmann verehrte Brecht. Doch die Gedichte sind auch ein Dialog mit Paul Celan, gerade in den Zeiten ihrer Trennung. »›Schnee‹, ›Flocken‹, ›Stern‹, ›Brunnen‹ und ›Regen der Stunden‹ bilden ein dichtes Geflecht von Worten, es sind Signalwörter im lyrischen Gespräch zwischen Bachmann und Celan.«

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Bertrand Badiou: Paul Celan. Eine Bildbiographie
In Zusammenarbeit mit Nicolas Geibel. Mit einem Essay von Michael Kardamitsis
Berlin: Suhrkamp 2023
580 Seiten, 68 Euro
| Leseprobe

Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit
Salzburger Bachmann Edition
Herausgegeben von Irene Fußl. Mit einem Vorwort von Hans Höller
Berlin: Piper und Suhrkamp 2023
270 Seiten, 34 Euro
| Leseprobe

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