Offenes Gewässer

Lyrik | Christian Saalberg: Vor dem Portal

VOR DEM PORTAL sitzen Bettler mit ausgestreckten
      Händen, die sie langsam sinken lassen.
Vorsichtig steigen die Vögel von den Bäumen, eine
      Laterne in der Hand, um nicht zu stolpern.
So kann es einem ergehen, wenn man jeden Morgen
      das Haus durch die falsche Tür verläßt.

Dann gibt es noch die Nacht, gegen die man sich
      nicht wehren kann.

Sie kommt, wann sie will, räumt ohne großes
      Federlesen die Felder ab und nimmt mit der
Linken Hand auch das Kirchlein mit, das ich
      eben noch bedichtet habe.

Was kann man tun?

Die Sonne hat ihr Augenlicht verloren und das Licht
      ist mit dem letzten Zug davongefahren.

 

IN AUSÜBUNG MEINES POETISCHEN DIENSTES
      sperrte ich eines Tages alle Reime in einen Käfig.
Sie waren entzückt und verzehrten Nachtfalter, die sie lange
      nicht mehr gesehen hatten.

Es gab Vögel, die zu Pferde kamen, um sich diese
      wunderbaren Wesen anzuschauen.
(Die Carabinieri wiesen ihnen mit großem Stolz den Weg).

Jetzt komme ich herunter, treibe mich mit den
      Dorfschönheiten herum, trinke Landwein und pfeif
Auf dieses Gedicht.

Entnommen aus
Christian Saalberg: Offenes Gewässer. Gedichte
Springe: zuKlampen 2005
144 Seiten, 18 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Other Voices & Golden Ravedays: New Singles Reviews

Nächster Artikel

Das Ende vom Anfang

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Mein Steinzeitschaber

TITEL-Textfeld | Peter Engel: Mein Steinzeitschaber Mit drei Fingern faßt er sich gut, läßt sich genau führen und trennt das Fleisch von der Sehne,

Spielanweisung für 3

Lyrik | Urs Böke, Stefan Heuer, Fabian Lenthe: Die Fische werden fliegen

Das 3er-Kollektiv Böke Heuer Lenthe haben nach Vielleicht ein paar Raben in diesem Sommer einen weiteren Band mit Lyrik und Collagen (von Jürgen O. Olbrich, Böke, Heuer) bei Moloko Print vorgelegt. Die Fische werden fressenversammelt 99 metaphernreiche und provokant-originelle Gedichte. Von HUBERT HOLZMANN

Mit klerikalem Vokabular und irdischem Segen

Lyrik | Rolf Birkholz: Ein Satz mit Rot Ich kenne Rolf Birkholz nicht. Sein aktuelles Buch fiel mir auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse eher zufällig in die Hände, als dass es mir übertrieben ans Herz gelegt worden wäre. Schau dich um, hatte Verleger Dincer Gücyeter mit Blick auf das Frühjahrsprogramm des seit gut fünf Jahren bestehenden Elif Verlags gesagt, und schließlich blieb ich bei ›Ein Satz mit Rot‹ von eben jenem Rolf Birkholz hängen und nahm es mit – obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, standfest zu bleiben und keine Bücher über die Messe zu schleppen. – Eine Rezension von

Geschlechtertrennung

Lyrik | Vierzeiler der Woche – von Michael Ebmeyer Das Fräulein steht am Meere das Männlein steht im Wald da kommen in die Quere die zwei sich nicht so bald  

DIE HANDYS HOCH!

Lyrik | Martin Jürgens: DIE HANDYS HOCH!

Vom Bildermachen in
den Zeiten vor der
Pandemie