Offenes Gewässer

Lyrik | Christian Saalberg: Vor dem Portal

VOR DEM PORTAL sitzen Bettler mit ausgestreckten
      Händen, die sie langsam sinken lassen.
Vorsichtig steigen die Vögel von den Bäumen, eine
      Laterne in der Hand, um nicht zu stolpern.
So kann es einem ergehen, wenn man jeden Morgen
      das Haus durch die falsche Tür verläßt.

Dann gibt es noch die Nacht, gegen die man sich
      nicht wehren kann.

Sie kommt, wann sie will, räumt ohne großes
      Federlesen die Felder ab und nimmt mit der
Linken Hand auch das Kirchlein mit, das ich
      eben noch bedichtet habe.

Was kann man tun?

Die Sonne hat ihr Augenlicht verloren und das Licht
      ist mit dem letzten Zug davongefahren.

 

IN AUSÜBUNG MEINES POETISCHEN DIENSTES
      sperrte ich eines Tages alle Reime in einen Käfig.
Sie waren entzückt und verzehrten Nachtfalter, die sie lange
      nicht mehr gesehen hatten.

Es gab Vögel, die zu Pferde kamen, um sich diese
      wunderbaren Wesen anzuschauen.
(Die Carabinieri wiesen ihnen mit großem Stolz den Weg).

Jetzt komme ich herunter, treibe mich mit den
      Dorfschönheiten herum, trinke Landwein und pfeif
Auf dieses Gedicht.

Entnommen aus
Christian Saalberg: Offenes Gewässer. Gedichte
Springe: zuKlampen 2005
144 Seiten, 18 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Other Voices & Golden Ravedays: New Singles Reviews

Nächster Artikel

Das Ende vom Anfang

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Das Glück liegt in blauen Kleidern

Lyrik | Sophie Reyer: Fünf Gedichte

dein Geruch schläft
neben mir rahmen
laufende Streifen den
Horizont ein: Sonnenflut die
Gelenke der Erinnerungen
ineinander geschoben sind wir
wieder Kind:

Wirklichkeiten

Der Dichter der Shoah

Sachbuch | Lyrik | Bertrand Badiou: Paul Celan

Er gelangte mit seiner Sprache an die Grenze des Sagbaren. Seine ›Todesfuge‹, im Jahr 1947 erstmals veröffentlicht, wurde zu einem der berühmtesten deutschen Gedichte nach 1945 - auch durch die Verszeile »… der Tod ist ein Meister aus Deutschland«. Es wird gelesen, wiedergelesen und Interpretiert als eines der eindrücklichsten Versuche, das Grauen der Shoa mit lyrischen Mitteln zu fassen. Von DIETER KALTWASSER

Das Schlimmste ist nicht die Einsamkeit

Lyrik | Aron-Thorben Zagray: Das Schlimmste ist nicht die Einsamkeit

Was ist eigentlich das Schlimmste? Darauf hat wohl jeder eine eigene Antwort – wenn sie auch nicht für die Ewigkeit bestimmt ist. MARC HOINKIS spricht mit Aron-Thorben Zagray über seinen neuen Gedichtband, der schwerer wiegt, als es das dünne Heftchen vermuten lässt.

Lyrische Viten in melancholischem Sound

Lyrik | Jan Skudlarek: elektrosmog STEFAN HEUER rezensiert Jan Skudlareks neue Lyriksammlung elektrosmog. Der bei Luxbooks erschienene Band wurde von Simone Kornappel illustriert.

Prioritäten (2)

Lyrik | Vierzeiler der Woche – von Michael Ebmeyer  Mach es wie die Sonnenuhr Schlaf dich aus und bleib dann liegen