Auf Heimatsuche

Roman │ Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt

Kann es für jemanden, der nirgendwo Akzeptanz findet, der nicht weiß, wie das gesellschaftliche Bild zu dem eigenen Selbstbild passt, der zu selbstreflektiert ist, um sich unter eine Maske zu begeben, möglich sein, eine Heimat zu finden? Diesen Fragen geht Olga Grjasnowa in ›Der Russe ist einer, der Birken liebt‹ nach. 2012 veröffentlichte die heute 31-Jährige ihren Debütroman und greift Themen auf, die an Aktualität keinen Deut verloren haben. TOBIAS KISLING über ein außergewöhnliches und deprimierendes Werk eines literarischen Nachwuchstalents.

Grjasnowa - Der Russe ist einer der Birken liebtMaria Kogan, im Verlauf des Romans nur noch Mascha genannt, wächst in Aserbaidschan auf. Der Familie geht es in der Sowjetzeit gut, Maschas Vater hat sich durch seinen Beruf als Kosmonaut Ansehen erworben. Doch die Zeiten ändern sich, als der Bergkarabachkonflikt 1988 ausbricht. Die Kogans überleben die Gräueltaten des blutigen Bürgerkriegs und fliehen nach Deutschland.

Aufwachsen im Umfeld der Diskriminierung

Dort beginnt Olga Grjasnowa ihre Geschichte in ›Der Russe ist einer, der Birken liebt‹. Im Verlauf der 288 Seiten wird sich Mosaikstein für Mosaikstein die Geschichte von Mascha zusammensetzen, die den Konflikt als kleines Mädchen erlebt, ihn später erfolgreich verdrängt, dann aber unter ihrem Kriegstrauma zu leiden beginnt. Schnell wird deutlich, dass es sich bei dem Roman nicht um ein Musterbeispiel von Integration handeln wird, in dem eine Familie vor dem Krieg flieht, mit offenen Armen empfangen wird und zurück in ein gewohntes Leben kehren kann.

Mascha, schon als Kind hochintelligent und sprachgewandt, bekommt die Diskriminierung bereits in der Schule zu spüren, wenn ihre Andersartigkeit ihr zum Verhängnis wird. Das schüchterne Mädchen fügt sich zunächst still in ihre Rolle. Ihre schulischen Leistungen kommen nicht zur Geltung, stattdessen wird die Diskriminierung seitens der Lehrkräfte überspannt. Schulverweis, Neuanfang, schließlich der Sprung zur Universität. Mascha beißt sich durch. Verständnis für ihre Situation findet sie aber auch an der Hochschule nicht. »Integration war für ihn die Forderung nach weniger Kopftüchern und mehr Haut, die Suche nach einem exklusiven Wein oder einem ungewöhnlichen Reiseziel«, werden die Vorstellungen ihres Professors beschrieben. Ein Ziel treibt Mascha an: Der Traum, eines Tages als Dolmetscherin für die UN zu arbeiten.

Ein tragisches Ereignis

Ihre Sprachfähigkeiten bieten Mascha einen großen Rückhalt. Der noch wichtigere Halt in ihrem Leben ist ihr Freund Elias. Längst läuft nicht alles rund in der Beziehung. Doch trotz der kriselnden Verhältnisse merkt Mascha, welch wichtige Rolle Elias für sie spielt. Wenn Grjasnowa eine Erkenntnis vermitteln möchte, dann diese: Glück ist nicht von Dauer. Es war es nicht für Maschas Vater, der sich vom angesehenen Kosmonauten zum perspektivlosen und vor sich hin vegetierenden Arbeitslosen entwickelt, es war es nicht für Maschas Mutter und ihren Drang, auch in Deutschland noch alles russifizieren zu wollen und es wird es nicht für Mascha sein. Oft sind es Belanglosigkeiten, die sich nicht vorhersehen lassen, die ein ganzes Leben zerstören. Wie im Falle Elias eine harmlose Sportverletzung, die ihm durch eine Entzündung im Krankenhaus zum tragischen Verhängnis werden soll.

Mit Elias Tod verliert Mascha ihren Rückhalt und mit ihm jede Perspektive. Nach einer ausgiebigen Phase der Trauer versucht sie, sich neu zu erfinden. Eine neue Identität zu bilden. Dafür verlässt sie Deutschland. Mascha ist eine Figur, die keine Grenzen kennt. Durch ihr außergewöhnliches Sprachtalent steht die Welt ihr offen. Doch nirgends wartet eine Heimat auf sie.

Irgendwo im Nirgendwo

Auch ihre menschliche Entwicklung gerät zunehmend ins Stocken. Ihre wahllos erscheinenden Sexualpartner verschlimmern ihre Situation nur noch. Mascha ist alles andere als bieder. Doch meist enden ihre nächtlichen Exkursionen nur in Selbstcharme. Erst als sie nach einigen Strapazen in Israel bei Verwandten unterkommen und die Aktivistin Tal kennenlernt, fühlt sie sich wieder einem Menschen nahe. Glück ist nicht von Dauer. Ihre Bindung zu Tal ist es auch nicht. Der Verlust dafür umso schmerzhafter. Der Versuch, Trost in der Religion zu finden, ist ebenfalls zum Scheitern verdammt.

Mascha kann alles erreichen. Sie ist jung, gebildet, attraktiv. Sie kann alle Länder bereisen und knüpft problemlos Kontakte. Doch all das nützt ihr nichts. Denn sie ist eine Heimatlose. »Eigentlich hielt ich nichts von vertrauten Orten – der Begriff Heimat implizierte für mich stets den Pogrom. Wonach ich mich sehnte, waren vertraute Menschen, nur war der eine tot, und die anderen ertrug ich nicht mehr. Weil sie lebten«. Als sie schließlich die Chance erhält, zur UN zu kommen, ist ihr dieses Ziel nichts mehr wert. Sie ist in einer trostlosen Gegend in Palästina angekommen. Irgendwo im Nirgendwo. Von niemandem gekannt, von niemandem geliebt, nicht einmal mehr von sich selbst.

Unbarmherzig deprimierend

Olga Grjasnowa weiß, wovon sie schreibt. Sie selbst wuchs in Baku auf und floh schließlich nach Hessen, wo auch ihr Roman beginnt. Unter autorintentionalistischen Aspekten wirkt ihr Roman, ihre Schilderungen des Pogroms in Aserbaidschan, äußerst bedrückend. Doch es braucht diese Herangehensweise gar nicht, um sich von ›Der Russe ist einer, der Birken liebt‹ schockieren zu lassen. Grjasnowa erzeugt Seite für Seite eine Stimmung, die immer deprimierender wird. Unbarmherzig steigert sie diese Depression bis zuletzt, bindet durch erzählerische Finessen, einem geglückten Wechsel von gedehnter und gestreckter Erzählzeit, durch eine geschickt portionierte Fülle an Informationen über Figuren und Handlungsstränge sowie durch eine ebenso nüchterne wie erschreckende Beobachtung zur Möglichkeit der Migration und Integration.

›Der Russe ist einer, der Birken liebt‹ ist kein Roman für sanfte Gemüter. Aber es ist ein Roman, der in Zeiten von Flüchtlings- und Integrationsdebatten dazu anregt, Standpunkte zu erweitern, Sichtweisen zu hinterfragen und sich mit der Suche nach der eigenen Identität auseinanderzusetzen.

| TOBIAS KISLING

Titelangaben
Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt
München: Carl Hanser Verlag 2012
288 Seiten, 18,00 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Steife Finger

Nächster Artikel

St.-Pauli-Nights

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Wenn Gülle im Regal steht

Roman | Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten

Die Erfolgsautorin Juli Zeh ist in den letzten Jahren zu einer Art literarischer Seismograf unseres politisch-gesellschaftlichen Alltags geworden. In ihrem letzten Roman Über Menschen (2021) hatte sie blitzschnell auf die Corona-Krise reagiert. Die zeitliche Nähe und das Abarbeiten von brisanten Alltagsthemen ist für einen Roman nicht unproblematisch, aber die routinierte Schriftstellerin Juli Zeh, die 2002 für ihren inzwischen in 35 Sprachen übersetzten Debütroman Adler und Engel den Deutschen Bücherpreis erhalten hatte, ist sich dieser Risiken bewusst. Für ihren neuen Roman Zwischen Welten hat sich die seit 2007 im brandenburgischen Dorf Bannewitz lebende 48-jährige Autorin den beinahe gleichaltrigen Simon Urban, der 2011 mit seinem Roman Plan D aufhorchen ließ, als Co-Autor gewählt. Herausgekommen ist ein zeitgenössischer Briefroman, die literarische Dokumentation einer fiktiven digitalen Korrespondenz via Mail und WhatsApp. Gelesen von PETER MOHR

Brunettissimo – come sempre

Roman | Donna Leon: Geheime Quellen
Der neunundzwanzigste Fall ist es bereits und irgendwie lässt sich die Jahreszeit am Erscheinen jedes neuen Brunetti-Krimis verlässlich ablesen. Schon wieder ist es Sommer, Zeit für eine Geschichte aus der Lagunenstadt: ein bisschen Verbrechen, ein bisschen Familiengeschichte, Büroklatsch, gewürzt mit unüberhörbarer Kritik an Strukturen der Stadt, dem Massentourismus, der Mafia und dem überall nützlichen Mittel der Beziehungen. Die Welt von Commissario Brunetti, seiner Familie, Vize-Questore Patta und Signorina Elletra. Eine Welt, in der man sich als Leser so richtig zu Hause fühlt, meint BARBARA WEGMANN

Aus der Bahn getragen

Roman | Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null

»Manche Menschen wirken auf den ersten Blick wie Verlorene. Als hätte ein Ereignis in ihrem Leben sie aus der Bahn getragen und als hätten sie trotz aller Bemühungen nicht wieder Fuß gefasst«, lautet der einleitende Satz im neuen Roman Die Erfindung der Null des Alfred-Döblin-Preisträgers Michael Wildenhain. Von PETER MOHR

Eine Herausforderung für Sebastian Bergman

Roman | Hjorth & Rosenfeldt: Die Schuld, die man trägt

Sebastian Bergman, Psychologe und, wann immer es brenzlig wird, Unterstützer von Schwedens Reichsmordkommission, hat in seinem Leben schon viel kaputt gemacht: Ehen, Freundschaften sowie berufliche Beziehungen aller Art gehörten dazu. Manches davon ließ sich kitten, anderes nicht. Schuldig hat sich Sebastian dabei aber nur in den wenigsten Fällen gefühlt – zu groß sein Ego, zu wenig empathisch ausgerichtet seine Gefühlswelt. Das sieht der Killer, auf dessen Spuren sich die Reichsmordkommission in Die Schuld, die man trägt, dem achten Sebastian-Bergman-Roman des Autorengespanns Hjorth & Rosenfeldt, begibt, allerdings anders. Und fordert den Psychologen zu einem intellektuellen Wettstreit heraus, in dem er als Opfer Menschen auswählt, denen Sebastian in seiner Vergangenheit Unrecht getan hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Im Rausch der Geschwindigkeit

Roman | Rachel Kushner: Flammenwerfer Rachel Kushners neuer Roman Flammenwerfer besitzt ein ungeheuer rasantes Erzähltempo, das die amerikanische Autorin auf den über 500 Seiten des Romans kaum drosseln wird. Die Erzählerin fährt hier immer auf der Überholspur – manchmal jedoch auch auf heiklem Untergrund. Der Crash scheint vorgezeichnet. Den Blick aus sicherer Distanz wagt HUBERT HOLZMANN.