/

Brunettissimo – come sempre

Roman | Donna Leon: Geheime Quellen

Der neunundzwanzigste Fall ist es bereits und irgendwie lässt sich die Jahreszeit am Erscheinen jedes neuen Brunetti-Krimis verlässlich ablesen. Schon wieder ist es Sommer, Zeit für eine Geschichte aus der Lagunenstadt: ein bisschen Verbrechen, ein bisschen Familiengeschichte, Büroklatsch, gewürzt mit unüberhörbarer Kritik an Strukturen der Stadt, dem Massentourismus, der Mafia und dem überall nützlichen Mittel der Beziehungen. Die Welt von Commissario Brunetti, seiner Familie, Vize-Questore Patta und Signorina Elletra.  Eine Welt, in der man sich als Leser so richtig zu Hause fühlt, meint BARBARA WEGMANN

Donna Leon - Geheime Quellen 9783257070996»Wie konnte man nur die Stadt im Juli oder August besuchen?« Heiß ist es in Venedig, sehr heiß. Es herrsche, so beschreibt Donna Leon es, ein Gedränge, wie man es nur aus Kriegsfilmen kenne, wenn die Bewohner einer befestigten Stadt zu den Toren hinaus fliehen. Eine schier unerträgliche Hitze, die über der Stadt liegt und dem Leser geradezu Durst bereitet, auf Wasser, jenem kostbaren Stoff.
Ein Anruf der behandelnden Ärztin führt Commissario Brunetti in ein Hospiz. Die sterbenskranke Benedetta Toso wolle, so Cecilia Donata, mit dem Commissario sprechen. Mit Brunetti und nicht mit der Polizei. Ihm erzählt sie mit letzter Kraft, ihr Mann sei vor kurzem nicht einfach bei einem Motorrad- Unfall ums Leben gekommen, sondern ermordet worden. Von »denen«, sagt sie, wer immer das ist. Und »schlechtes Geld« habe er gehabt, das wolle sie nicht.

Alles führt zum Wasser

»Ich werde tun, was ich kann«, verspricht Brunetti ihr auf dem Sterbebett, wohl wissend, dass er weder Anhaltspunkte für einen Mord, noch potentielle Täter oder gar Motive hat. Aber, selbstverständlich, wird der Commissario dem Fall nachgehen, zusammen mit seiner Kollegin Claudia Griffoni.
Vittorio Fadalto, der verstorbene Motorradfahrer, arbeitete für ein Trinkwasser- Unternehmen im Veneto, eine Firma, die die Qualität von Trink-, Fluss- und Grundwasser kontrolliert und regelmäßig überprüft. Der studierte Chemiker war ein Experte auf seinem Gebiet, »gnadenlos ehrlich« und sei bei einigen Leuten sehr unbeliebt gewesen.

»Mir ist nie wohl, wenn diese zwei Wörter, Tod und Geld, im selben Satz vorkommen.«

Lange stochert Brunetti im Nebel, Recherchen in der Firma, Gespräche mit Kollegen, Nachforschungen im Familienkreis, »viel Klatsch und Unterstellungen, die venezianischen Zwillinge der Wahrheit.« Zunehmend führt der Weg zum Wasser, der Diskussion um Privatisierung und Vermarktung von Wasser, die Qualität, den Schutz , die Verschmutzung, die Belastung durch Schadstoffe für Gesundheit und Leben. Wasser, was für ein Thema, nicht nur für eine Stadt, die mit so vielen Problemen vom Wasser umschlossen ist.

Donna Leon versprüht viel, viel venezianisches Flair, schreibt mit Charme und sehr atmosphärisch, fast scheint es, als kenne man jede Gasse in Venedig, aber ihr Thema, das ist global und alles andere als ein regionales oder ein typisch italienisches. Und das macht die Romane der heute in der Schweiz lebenden Donna Leon so attraktiv. Ach ja, der Commissario scheint bei seinem neunundzwanzigsten Fall an die Rente zu denken. »Auch er würde eines Tages aufhören; ein anderer würde seinen Patz einnehmen; und die Leute würden einander weiter verletzen, betrügen und töten.« Brunetti und aufhören? Ach was. Nein. Noch nicht.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Donna Leon: Geheime Quellen
Commissario Brunettis neunundzwanzigster Fall
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz
Zürich: Diogenes 2020
320 Seiten, 24 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Zwickmühle

Nächster Artikel

Endlos …

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Herz ist Trumpf

Roman | Wolf Haas: Müll

Wolf Haas lässt seine Leser schon mal zappeln. Doch nach langer Wartezeit kehrt nun endlich Simon Brenner zurück, jener verschrobene, verkrachte Ermittler, der in derart abstruse Mordfälle verwickelt wird, dass sie jedes Krimi-Genre sprengen. In Müll, dem nunmehr neunten Band der skurrilen Serie, treten alte und neue Kollegen auf den Plan, ein Fuhrunternehmer mit achtzigprozentiger Blindheit und ein vietnamesischer Paketzusteller mit verdächtigen Aufstiegsambitionen. Von INGEBORG JAISER

Der 100-Millionen-Coup

Roman | Lee Child: Der Ermittler

Die Nachricht sorgte für einige Unruhe. Lee Child will sich nach mehr als 20 Jahren und zwei Dutzend Romanen von seiner Figur Jack Reacher trennen. Da der Ex-Militärpolizist freilich inzwischen an der Schwelle zur Unsterblichkeit steht, soll Childs – der im bürgerlichen Leben den Namen James Grant trägt – Bruder Andrew Grant als Andrew Child Reacher übernehmen und die Saga fortsetzen. Kann das funktionieren? Man wird sehen. Oder auch nicht, sollte der Plan wieder aufgegeben werden. Für seine deutschen Leser wäre das im Übrigen momentan nicht ganz so dramatisch. Denn noch warten drei Reacher-Romane auf ihre hiesige Erstveröffentlichung. Enough time to say Good-bye! Von DIETMAR JACOBSEN

Ewiges Leben

Roman | Polina Daschkowa: Bis in alle Ewigkeit Polina Daschkowa ist die Grand Dame unter den russischen Krimiautorinnen. Immer wieder verbindet sie in ihren Romanen Vergangenheit und Gegenwart: Was einst geschah, zeitigt Folgen im Jetzt. In ihrem neuen Roman Bis in alle Ewigkeit lässt sie den Urgroßvater ihrer Heldin im Jahre 1916 eine sensationelle Entdeckung machen. Der Mann ahnt freilich nicht, dass er damit noch fast 100 Jahre später das Leben seiner Nachkommen in Gefahr bringt. Von DIETMAR JACOBSEN

Unter Mythomanen und Paranoikern

Krimi | Dominique Manotti: Ausbruch Es hat nicht lange gedauert, bis sich Dominique Manotti, die erst mit 50 Jahren anfing zu schreiben, zu einer der wichtigsten europäischen Crimeladies gemausert hat. Die studierte Wirtschaftshistorikerin und ehemalige Gewerkschaftsaktivistin durchleuchtet in ihren Romanen die Chefetagen der großen Konzerne, deckt die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft auf und nimmt ihren Lesern sämtliche romantischen Illusionen, es könnte da, wo der Profit im Mittelpunkt steht, auch menschlich zugehen. In Ausbruch nun wirft sie einen Blick zurück auf jene Jahre, in denen die europäische Linke sich radikalisierte, und fragt, was von jener »bleiernen Zeit« bleibt. Von DIETMAR

Kommissar Daquin und die Büchse der Pandora

Roman | Dominique Manotti: Schwarzes Gold Nachdem zuletzt in der Ariadne-Reihe des Hamburger Argument Verlages vor allem ältere Bücher von Dominique Manotti erschienen sind, hat man mit Schwarzes Gold nun den jüngsten Roman der erst spät zum Schreiben gekommenen Wirtschaftshistorikerin auf Deutsch herausgebracht (Übersetzerin ist die im Verlag für Lektorat und Produktion verantwortliche Iris Konopik). Er besitzt alle Qualitäten, für die man seine Autorin seit dem Erscheinen ihrer Romane hierzulande rühmt, hat 2016 in Frankreich den Grand prix du roman noir gewonnen und präsentiert mit Théo Daquin eine Hauptfigur, die Manotti-Leser bereits kennen. Von DIETMAR JACOBSEN