Nur raus aus diesem Desaster

Film | Im TV: Polizeiruf 110, ›Abwärts‹ (MDR), 6. Juli

Babys legen vor der Kamera stets eine fröhliche Miene auf. Dieses Baby verweigert sich? Das gibt zu denken. Der Sonntagabend-Krimi liefert triste Realität? Von Jochen Drexler (Sylvester Groth) wird niemand behaupten, er wolle glänzen, groß herauskommen, den Larry machen. Nicht mal lustig will er. Er macht seinen Job. Nicht mehr, nicht weniger. Von WOLF SENFF
[Foto:MDR/Oliver Feist]

›Polizeiruf 110: Abwärts‹<br>Foto: MDR/Oliver Feist
›Polizeiruf 110: Abwärts‹
Foto: MDR/Oliver Feist
»Sie ham ne Tochter?«, fragt ihn seine Kollegin Doreen Brasch (Claudia Michelsen): »Gibt’s dazu auch ne Frau?« Brasch ist ein Buchstabendreh.
 
Die Dinge beginnen unübersichtlich, das Drehbuch lässt Ordnung reinwachsen und ist schon die halbe Miete. In der letzten Straßenbahn wurde jemand erschlagen, ermordet, die Ermittler schalten sich ein. Verdächtigt werden vorbestrafte Freunde des jugendlichen Opfers, es dauert, bis sich überhaupt ein Zugang zu dieser abenteuerlichen Parallelwelt ergibt. Zu guter Letzt, wer hätte das gedacht, entblättert sich ein extrem zukunftsweisender Zusammenhang zwischen Software und Luxuskarossenklau. Ein überzeugendes Beispiel für die Stimulierung kreativer Phantasie via Internet.
 
Sie konnte kein Wässerchen trüben

Soweit zum Krimi – spannend ist er, unterhaltsam, originell. Die Ermittler, deutlich verschiedene Charaktere, arbeiten professionell, es passt, in den Wochen bis zur Sommerpause sahen wir diverse ›TATORT‹-Ausgaben ohne Fehl und Tadel, denen der Einfachheit halber dieser Magdeburger ›Polizeiruf 110‹ zugerechnet werden darf. Sehr schön, wir beginnen uns wohlzufühlen am Sonntagabend.
 
Die Verstrickung von Jugendlichen in Gewalttätigkeit spielte zuletzt in mehreren Sonntagabendkrimis eine Rolle. Sie erinnern sich an ›Ohnmacht‹, den Kölner vom 11. Mai, ein guter ›TATORT‹ bleibt hängen im Kopf. Drei Jugendliche, angehende Abiturienten, immer lässig immer flockig, das Mädchen war engelgleiche Unschuld, nein, sie konnte kein Wässerchen trüben und hinterging dennoch mit einer unglaublichen Kaltblütigkeit ihre Eltern und alle Welt. Gibt’s.
 
Kinder, Kinder

Dann der Schweizer ›TATORT‹, Ostermontag, ›Zwischen zwei Welten‹? Eine Männergruppe traf sich zu Champions-League-Spielen und mobbte die Ex-Frauen. Uns wurden auch einige der Kinder gezeigt, allesamt gestört und therapiebedürftig. Vielleicht noch ›Der Fall Reinhardt‹ mit Susanne Wolff? Ihre drei Kinder kamen gleich zu Anfang durch Brandstiftung ums Leben. Der Film führte vor, wie eine intakte Familie aufgrund materieller Not mit einer erbarmungslosen Folgerichtigkeit zugrunde geht – auch das ein Film, in dem verantwortlicher Umgang mit den eigenen Kindern Fehlanzeige ist, die Kinder sind allein gelassen.
 
Seit ›Kommissarin Lund‹ sind wir darüber aufgeklärt, dass neben der reinen Whodunnit-Handlung eine zweite, soziale Ebene zum guten Kriminalfilm dazugehört. Der Sonntagabendkrimi führt auf seine Weise eine Debatte darüber, wie wir mit unseren Kindern umgehen bzw. ob wir dazu in der Lage sind und wo die Ursachen für das Scheitern liegen können. Er zeigt uns erschütternde Beispiele.
 
Ihr seid’s gewesen!

Diesmal ist’s ›Abwärts‹, der ein unmissverständliches Bild zeichnet. Wir sehen eine Gesellschaft, die unter Sprachlosigkeit und unter dem Kollaps der Beziehungen leidet, in ›Abwärts‹ fällt das in sämtlichen Beziehungen von Eltern und Kindern auf.
 
Aber wir reden ja drüber, aber wir reden ja drüber! Echt? In den Großbuchstabenblättern liest du, dass »jeder Sechste zum Joint« greift, eine »alarmierende Studie«, und du liest vom »Tatort Schule«, von »Körperverletzung« und »Mobbing«. Das ist ja nicht drüber Reden, sondern das kommt als Stimmungsmache durch, als Alarmismus, als Anklage. Ihr seid’s gewesen.
 
Anfangs ist’s ihm peinlich

›Abwärts‹ zeichnet die Stufen eines traurigen Verlusts. Es gibt Eltern, die diesen Verlust  nicht mehr wahrnehmen, sie sind für niemanden erreichbar. ›Abwärts‹ zeigt uns Jugendliche, die ihrerseits die Eltern in den Wind geschrieben haben. ›TATORT‹ und ›Polizeiruf 110‹ weisen auf unseren eigenen Alltag zurück, und manchmal werden wir blass. 
 
›Abwärts‹ führt uns vor, dass wir uns in Sachen Väter/Mütter mit Söhnen/Töchtern ziemlich unten auf der Gemeinsamkeitsskala befinden. Es gibt viel zu tun, packen wir’s an – schon gut, schon gut, ist mal genug. Nichts sei unmöglich, verspricht Toyota. Aber sicher, klar doch, wissen wir längst: beim ADAC, bei den Banken, bei Bayern München.
 
›Abwärts‹, immerhin auch das, deutet an, dass es einen Ausweg gibt raus aus diesem Desaster. Ausgerechnet Jochen Dexter muss dafür herhalten. »Sie ham ne Tochter?«, fragte ihn eingangs die eigenwillige Kollegin, und tatsächlich erleben wir, dass Dexter – unter der Last des Geschehens – sich besinnt und von irgendwoher ganz weit weg, anfangs ist’s ihm noch peinlich, sich an die Tochter erinnert, endlich, ja, geht doch.
 
| WOLF SENFF

Titelangaben
Polizeiruf 110 ›Abwärts‹ (MDR)
Ermittler: Sylvester Groth, Claudia Michelsen
Buch und Regie: Nils Willbrandt
So., 6. Juli, 20:15 Uhr, ARD

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Some New Music To Turn That Frown Upside-Down

Nächster Artikel

Erkenntnisse

Neu in »Krimi«

Der gehörlose Ermittler

Roman | Emma Viskic: No Sound. Die Stille des Todes

Australische Thrillerautoren haben in den letzten Jahren bei uns Konjunktur. Garry Disher, Candice Fox oder Jane Harper (um nur drei der interessantesten zu nennen) – sie alle werden gelesen und haben mit ihren Büchern mehr zu sagen über das Leben auf dem fünften Kontinent, als dass es ab und an auch mal gefährlich werden kann Down Under. Jetzt hat sich eine neue Stimme zum ohnehin schon eindrucksvollen Chor der australischen Kriminalschriftsteller hinzugesellt: Emma Viskic. Von DIETMAR JACOBSEN

Zwischen Glaswolle und Gummiknüppeln

Roman | Frank Goldammer: Juni 53

Mit seiner Reihe um den Dresdener Kriminalpolizisten Max Heller hat Frank Goldammer (Jahrgang 1975) es längst in die Bestsellerlisten geschafft. Band 5 heißt Juni 53 und spielt mit seinem Titel auf die Tage der Arbeiterproteste in der DDR an. Auch in Dresden gehen aufgebrachte Werktätige auf die Straße. Man protestiert gegen kaum erfüllbare Produktionsnormen, Versorgungsengpässe und eine Regierung, die ihre Direktiven gnadenlos nach unten durchdrückt und vor der bedrückenden Realität die Augen verschließt. Dass der brutale Mord im VEB Rohrisolation, den Heller und sein Kollege Oldenbusch aufklären sollen, etwas mit den am 17. Juni in vielen Städten in Gewalt umschlagenden Aufständen zu tun hat, steht für einen mitermittelnden Stasi-Offizier schnell fest. Doch Max Heller verfolgt eine andere Spur. Von DIETMAR JACOBSEN

Unter Sündern

Comic | J.Muñoz/C.Sampayo: Alack Sinner

Die im Avant-Verlag erschienene Gesamtausgabe der vielfach prämierten Crime Noir-Comicreihe ›Alack Sinner‹ kompiliert erstmals alle 20 Storys um den New Yorker Privatdetektiv in deutscher Übersetzung. Die Straßen New Yorks werden da zur Echokammer der jeweiligen Fälle – und plätten die Leser*innen mit wimmelnder Wucht. Von CHRISTIAN NEUBERT

Der 100-Millionen-Coup

Roman | Lee Child: Der Ermittler

Die Nachricht sorgte für einige Unruhe. Lee Child will sich nach mehr als 20 Jahren und zwei Dutzend Romanen von seiner Figur Jack Reacher trennen. Da der Ex-Militärpolizist freilich inzwischen an der Schwelle zur Unsterblichkeit steht, soll Childs – der im bürgerlichen Leben den Namen James Grant trägt – Bruder Andrew Grant als Andrew Child Reacher übernehmen und die Saga fortsetzen. Kann das funktionieren? Man wird sehen. Oder auch nicht, sollte der Plan wieder aufgegeben werden. Für seine deutschen Leser wäre das im Übrigen momentan nicht ganz so dramatisch. Denn noch warten drei Reacher-Romane auf ihre hiesige Erstveröffentlichung. Enough time to say Good-bye! Von DIETMAR JACOBSEN

Volltreffer

Comic | Matz (Text) / Luc Jacamon (Zeichnungen): Der Killer

Der »Killer« wird von Szenarist Matz und Zeichner Luc Jacamon seit 1998 von reichen Auftraggebern auf seine Opfer losgelassen. Als Leser folgt man seinem Blick auf die Welt entlang seines Gewehrlaufs. Das fesselt und packt – und lässt sich nun mit dem ersten abgeschlossenen Band einer dreibändigen Gesamtausgabe neu erleben. Von CHRISTIAN NEUBERT