//

Weder Sozialkunde noch sonst welche Brille

Film | Im TV: ›TATORT‹ – Deckname Kidon (ORF), 4. Januar 2015

Herr Dr. Bansari fällt auf einen Mercedes, neunziger Jahre, neunhunderttausend Kilometer gelaufen, und löst massive Verwicklungen aus. Wer steckt dahinter? Ist’s eine Spezialeinheit des Mossad? Wir schätzen den ›TATORT‹ aus Wien, der uns die bedrohlich weite Welt aufblättert. Von WOLF SENFF

Foto: ORF
Foto: ORF
Dr. Bansari war ein führender Kopf des iranischen Atomprogramms. Aus diesem Personenkreis wurden – real, ja real – mehrere Personen eliminiert, eine brandgefährliche Materie, nicht doch, will Moritz Eisner sich allen Ernstes diesen mörderischen Kreisen aussetzen, einige Männer wurden gezielt getötet, andere, warnt ihn sein Vorgesetzter, seien »verunfallt« oder wurden mehr oder weniger mysteriös aus den Gefilden der Lebenden expediert.

Der umtriebige Herr Trachtenfels-Lissé

Wir werden neugierig, ein kalter Schauder rieselt uns über den Rücken, wir legen verschreckt den schmackhaften Schokoriegel beiseite und erinnern uns daran, dass dieser Einstieg tatsächlich diverse reale Ereignisse abbildet, die Spezialeinheit ›Kidon‹ wird in Verbindung gebracht mit jener Mossad-Einheit, die die palästinensischen Attentäter der Münchener Olympiade 1972, obgleich sie sich in diverse Nationen zurückgezogen hatten, einen nach dem anderen aufspürte und hinterrücks ermordete. Auge um Auge, Zahn um Zahn, nein das ist weder ›Wetten dass ..‹ noch ›Mord mit Aussicht‹, sondern kolossal alttestamentarisch.

Der Waffenhändler, ein umtriebiger Herr Trachtenfels-Lissé, bestens etabliert, der gerade das prächtige Schloss, in dem er lebt, auffrischen lässt – »Im Grunde meines Herzens bin ich ein Landwirt« –, traf sich noch am Vortag des Mordes mit jenem Herrn Bansari, Leiter des Beschaffungsnetzwerks im iranischen Atomprogramm, um unter Umgehung des UNO-Embargos die so dringend benötigten Ventile zu vermitteln; das hatte leider mit einem Lieferanten aus Deutschland nicht geklappt.

Eine gefühlte Zehntelsekunde

Ach, es ist alles kompliziert, und so muss es vielleicht sein. Eine Stornierung des Geschäfts, weiß der arrestierte Waffenhändler, sei »zum Schaden des Wirtschaftsstandorts Österreich«, es werde eh an ›Jombang Oil & Gas‹ nach Djakarta geliefert, und die Ventile seien für die Ölförderung erforderlich, wie lächerlich sei das denn. Da ist er fein raus, und das Milliönchen Kaution begleicht er aus der Portokasse.

»Moritz, die Welt kannst du net verändern«, tröstet Bibi Fellner, doch zum Schluss hat das Drehbuch trotz allem eine Überraschung vorgesehen, bisserl Märchen muss sein, und Sie müssen mächtig aufpassen, damit Sie den Motorradfahrer und die Dame auf dem Sozius erkennen, die gefühlt eine knappe Zehntelsekunde lang ihre Helme lupfen.

Politisch eingebettet

Ach und es geschieht noch viel mehr. Ein Lockvogel stiehlt sich davon, eine Diesellok mit drei Anhängern wird flugs beschlagnahmt, Moritz Eisner gerät in eine derbe heimtückische Verkehrskontrolle und weigert sich trotzig, ins Röhrchen zu blasen, sein geliebtes Töchterchen verspürt ein heiß ersehntes Kribbeln im Oberschenkel – das ist nach ›Paradies‹ vom 31. August die allerschönste Nachricht –, wir sind zu Gast auf einem Maskenball, vom Mossad wird, das kennt man ja, niemand enttarnt, und eigentlich wird der Mord überhaupt gar nicht aufgeklärt.

Kann man mal sehn, mit welch abstrusen Details man einen hinreißenden Krimi bastelt, vorausgesetzt man hat’s drauf. ORF schenkt uns einen ›TATORT‹ in der Tradition einer Einbettung in realpolitische Kontexte ähnlich wie seinerzeit, Sie erinnern sich, ›Die Ballade von Cenk und Valerie‹, Mai 2012, so lange ist das nicht her, und nein, war das wirklich mal der NDR, mit Mehmet Kurtulus und der großartigen Corinna Harfouch.

›Deckname Kidon‹ lässt uns auch an die dänischen Serien ›Kommissarin Lund‹ oder ›Borgen‹ denken, die außerordentlich spannend Krimihandlung auf politisches Zeitgeschehen sortierten, und zwar weder als Sozialkunde wattiert noch durch die ideologische Brille gefärbt, sondern schlicht als Fakt. Bitte mehr davon.

Kaum Ähnlichkeit oder wenig

mit Krimi haben Schulwege, die müssen wir neben der ›TATORT‹-Schiene sortieren, und ich weiß gar nicht, ob Sie das am Sonnabend gesehen haben, zu einer ungewöhnlichen Zeit, zehn Uhr fünfundvierzig, über einen Schulweg in Nepal, Kinder im Alter von sechs und acht, zwei Stunden Fußweg, und allein in einem Drahtkorb am Stahlseil, hui!, über einen reißenden Fluss. Hat doch etwas von Krimi, oder? »Wenn ich groß bin, möchte ich Pilot werden«.

Jeder Schulweg hat ja einen Anfang, mein Schulweg führte an einem Friedhof entlang. Sobald ich bei dem kleinen Bäcker aus der Tür trat, bei dem ich gelegentlich ein Brötchen einkaufte, hatte die Welt sich in null Komma nichts verwandelt, fünf endlose Minuten den Friedhof entlang standen bevor, und wie froh war ich, in der Schule einzutreffen. Noch mittags auf dem Weg nach Hause wechselte ich die Straßenseite, für mich war das ein Krimi, jedesmal, besonders an Wintertagen, wenn es morgens dunkel war und kalt. Aber gefährlich, nein, gefährlich war das wohl nicht, gefährlich war’s gefühlt.

Woanders ist die Welt anders als hier

Foto: MDR / NDR / Maximus
Foto: MDR / NDR / Maximus
In der ARD ist ›Die gefährlichsten Schulwege der Welt‹ eine kleine Serie, sie lief bereits auf arte und beim mdr; nächsten Samstag begleitet die Kamera Kinder in Ladakh im indischen Himalaya. Motub, ein Fünftklässler, und zwei Mitschüler gehen dort nach zwei Monaten Winterferien vier Tage lang rund hundert Kilometer zum Internat in Leh, der Hauptstadt. Drei Erwachsene begleiten sie, im wärmenden Sonnenlicht herrschen Temperaturen von minus zehn Grad Celsius, nachts ist es kälter. Der einzige Weg durchs Gebirge führt auf dem zugefrorenen Fluss entlang, die Eisdecke ist nicht zuverlässig stabil, der Weg auf dem Fluss gilt als gefährlich, auch Hochwasser kommt vor, ja, über der Eisdecke.

Vierzehn Tage später zeigt man uns Oimjakon in Jakutien, wo im Winter durchschnittlich minus vierzig Grad Celsius herrschen und man sich morgens frisches Wasser in Form von Eisblöcken aus dem Fluss bricht, um sie dann aufzutauen, woanders ist die Welt anders als hier, doch auch dort ist vormittags Schule.

Gut Ding will Weile haben

Aljoscha ist acht, und kältefrei gibt’s für ihn ab minus vierundfünfzig Grad, im Kindergarten war’s schon ab achtundvierzig. Diesmal hat der Bus hat eine Panne, drei bibbernde Kinder warten bei minus zweiundvierzig Grad an der vereinbarten Haltestelle. Der mdr zeigt uns sehenswerte Reportagen – die vierte wurde in Kenia aufgenommen, die fünfte in Peru –, die uns unsere Abhängigkeit von der Natur ins Gedächtnis rufen und das hauchdünne Netzwerk der Zivilisation, das uns verbindet.

Dieses ›hauchdünne Netzwerk der Zivilisation‹ wirft uns wieder zurück auf den ›TATORT‹, wer hätte das gedacht, und zu dem, was ihn auszeichnet. Manch ein Regisseur und manch ein Ermittler haben’s verstanden, manch andere, gut Ding will Weile haben, arbeiten dran, und wieder andere tun sich bissel schwer, erst Übung macht den Meister, nun lass aber mal gut sein.

| WOLF SENFF

Titelangaben
›TATORT‹ Deckname Kidon (Österreichischer Rundfunk und Fernsehen)
Ermittler: Harald Krassnitzer, Adele Neuhäuser
Regie: Thomas Roth
So., 4. Januar, 20.15 Uhr, ARD

Die gefährlichsten Schulwege der Welt – Himalaya
Film von Leonhard Steinbichler, 45 Min.
Sa., 10. Januar 2015, 10.45 Uhr, ARD

Die gefährlichsten Schulwege der Welt – Sibirien
Film von Raphael Lauer, 45 Min.
Sa., 24. Januar 2015, 10.45, ARD

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Nach oben offen

Nächster Artikel

Fremde Welt

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Offen-verworren und brillant-stringent

Film | Neu auf DVD: Die Wolken von Sils Maria Sils Maria ist ein Ortsteil von Sils, welcher in der Schweiz, Kanton Graubünden liegt. Dank des angenehmen Klimas und der schönen Lage zog es viele Schöngeister dorthin, die in Ruhe ihre Inspiration finden wollten. So auch der Regisseur Wilhelm Melchior, welcher eine Neuauflage seines erfolgreichen Theaterstückes ›Die Malojaschlange‹ plant. Von ANNIKA RISSE

Randlage

Film | Im Kino: Am Ende der Milchstraße »Wenn du mal Probleme brauchst, ich bin für dich da«, so lautet gewöhnlich das Motto des Dokumentarfilms. Das ist nicht jedermanns Sache. Man kennt keinen der Schauspieler, weil es keine sind, und die Beschreibung ist wenig reißerisch, halt kein Hollywood. Eigentlich sollte der Streifen Randland heißen, jetzt aber trägt er den Titel Am Ende der Milchstraße. Leopold Grün und Dirk Uhlig haben ein kleines mecklenburgisches 50-Seelen-Dorf besucht, ihnen ist ein berührendes und präzises Zeitbild des Ostens gelungen. Von HARTMUTH MALORNY

»Mutig, wie ein schwuler James Bond«

Interview | Film | Im Kino: Tom of Finland. Interview mit dem Regisseur Dome Karukoski Dome Karukoskis Filmbiografie ›Tom of Finland‹ ist eine Hommage an die Ikone der queeren Popkultur. Pornografie, Camp oder Kunst – seine homoerotischen Zeichnungen sind ein wichtiger Teil der Schwulenbewegung. Der Film zeigt eine schillernde Coming-out-Geschichte, aus Dunkelheit und Unterdrückung zu Freiheit und Licht. Er ist finnischer Kandidat bei den Auslands-Oscars. SABINE MATTHES sprach mit Regisseur Dome Karukoski.

Starker Tobak

Film | TV: Tatort 914 Paradies (ORF), 31. August Ganz Österreich ist potenzieller Tatort beim ORF, wir erinnern uns an ›Kein Entkommen‹ aus dem Februar 2012, in dem mitten in Wien alte Rechnungen aus dem Bosnien-Krieg beglichen wurden, an Ermittlungen in der Kärntner Provinz (›Unvergessen‹, Mai 13), an Elendsprostitution in Wien (›Angezählt‹, September 13), an ein Horrorhaus im niederösterreichischen Gieselbrunn (›Abgründe‹, März 14). Das Geschehen in ›Paradies‹ spielt sich in der steiermärkischen Provinz in einem Altersheim für Mittellose ab. Von WOLF SENFF

Zeit der Wunder

Film | DVD: Das Wort (Arthaus Retrospektive) Ingmar Bergman und Andrej Tarkowski sind selbst in unseren geschichtsvergessenen Zeiten wenigstens dem Namen nach noch im öffentlichen Bewusstsein. Für Carl Theodor Dreyer gilt das nicht. Einer der bedeutendsten Regisseure der Filmgeschichte ist praktisch unbekannt, und selbst Liebhaber der Filmkunst wissen in der Regel allenfalls, dass Dreyer in seiner Passion de Jeanne d’Arc fast ausschließlich mit Großaufnahmen gearbeitet hat. Von THOMAS ROTHSCHILD