Die andere Kammerzofe

Film | DVD: Tagebuch einer Kammerzofe

1964 kam Luis Buñuels Tagebuch einer Kammerzofe in die Kinos, das nicht zuletzt wegen Jeanne Moreau in der Titelrolle zu einem großen Erfolg wurde. Der Film basiert, sehr frei, auf dem gleichnamigen Roman von Octave Mirbeau, der 1900 erschienen ist. 18 Jahre vor Bunuel gab es bereits eine Verfilmung des Stoffes, und ihr Regisseur war kein Geringerer als Jean Renoir. Von THOMAS ROTHSCHILD

Tagebuch einer Kammerzofe ArthausDas Ungewöhnliche an Renoirs Tagebuch einer Kammerzofe ist die bedenkenlose Mischung unterschiedlicher Genres: der Komödie, des Melodrams, des Thrillers, des politischen Dramas. Die Kammerzofe Célestine, die hier von Paulette Goddard gespielt wird, Charlie Chaplins Partnerin in Modern Times und Der große Diktator, und der Diener Joseph, verkörpert von Francis Lederer, sind – schon beim Anarchisten Mirbeau – ambivalente Figuren. Célestine hat nur ein Ziel: einen reichen Mann zu finden, um sozial aufzusteigen. Joseph ist sogar ein Mörder, dramaturgisch betrachtet der klassische Bösewicht. Aber beide repräsentieren zugleich den Widerstand gegen die Arroganz der herrschenden Klasse.

Nicht zufällig gipfelt Renoirs Film im Fest zum 14. Juli. Die »Revolution« wird nicht idealisiert, aber es ist immerhin eine Revolution gegen ein System der Demütigung und der Ausbeutung. In ihrer Habgier spiegeln Célestine und Joseph lediglich, was bei den „Herrschaften“ als normal hingenommen wird. Da kommen noch der sentimentale, gegen seine Familie rebellierende Held Georges und die halbverrückten Alten, Captain Lanlaire und Captain Mauger, am besten weg – Letztere vielleicht, weil sie die komischen Figuren der Handlung sind. Hassfigur ist die emotionslose, geizige Madame Lanlaire, dargestellt von Judith Anderson, der Mrs. Danvers aus Hitchcocks Rebecca.

Der Vergleich der Filme von Bunuel und Renoir ist aufschlussreich. Er zeigt nachdrücklich, wie sehr die Verfilmung eines Stoffes von der Handschrift des Regisseurs abhängt – jedenfalls wenn der so profiliert ist wie diese beiden Meister. Bunuel bringt seine individuellen Obsessionen ein, der sexuelle Subtext, der bei Octave Mirbeau vorhanden ist, rückt in den Vordergrund. Renoir ist auch im Tagebuch einer Kammerzofe dem poetischen Realismus verpflichtet, freundlicher, weniger sarkastisch als Bunuel. Beide aber unterdrücken nicht die politische Dimension des Stoffes. Sie setzen unterschiedliche Akzente. Bei beiden aber bleibt die Parteinahme für die da unten unmissverständlich. Diese Haltung ist im Spielfilm selten geworden.

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Arthaus Retrospektive: Tagebuch einer Kammerzofe.
(The Diary of a Chambermaid).
FSK 12. ca. 83 min.
Regie: Jean Renoir

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der junge Mann und der Suff

Nächster Artikel

Fundamentalpessimismus und Melancholie

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Verfolgung vom Feinsten

TV | Film: TATORT ›Verfolgt‹, 7. September Welch dramatische Eröffnung und das mit sparsamen Mitteln: Treibende Musik, Davonlaufen, bissel panisch umsehen nach dem Verfolger. Geht also. Fängt gut an. Und immer sind es die süßesten Hunde, die zu den grässlichen Untaten hinführen, ist das nicht schrecklich. Dann noch einmal Musik, nicht sensationell, aber passend. Von WOLF SENFF

Von Müllfahrern und Nadelstreifen

TATORT 912 Alle meine Jungs (RB), 18. Mai In Bremen sucht man den Clanstrukturen auf den Grund zu kommen, das ist verdienstvoll, vor Kurzem hatten wir einen türkischen Familienclan, diesmal, jenseits allen Rassismusverdachts, ist’s eine Abteilung bei den Müllfahrern. Einer wie der andere sind sie Ex-Knackis, alle wohnen in derselben Straße, welch ein Zufall, eine nachbarschaftliche Gemeinschaft gewissermaßen, wie schön, da hat man, klar, gemeinsame Interessen, das schweißt zusammen und niemand wird alleingelassen. Von WOLF SENFF (Foto WDR/J.Landsberg)

Kung Fu und der innere Frieden

Film | Im Kino: The Lego®Ninjago®Movie™ Was haben wir denn hier? Kurz nach dem Lego®Batman®Movie™, der Anfang des Jahres erst in den Kinos kam, startet nun der Lego®Ninjago®Movie™ durch. Das selbst ernannte beste Spielzeug der Welt findet Geschmack an der Kinoleinwand! Könnte es sein, dass hinter dem Plastik-Spektakel trotz Grenze zur Albernheit mehr steckt, als man sieht? ANNA NOAH geht dem Lego®-Film-Phänomen auf den Grund.

»Ganz lustige Geschichten von Geburten«

Film | Tous les chats sont gris – Erstaufführung des Debüts von Savina Dellicour In letzter Zeit ist in den Industrienationen, der sogenannten modernen Gesellschaft vermehrt die Rede davon, Kinder würden sich von ihren Eltern lossagen. Die familiären Generationen sind nicht mehr verschweißt wie noch vor einigen Jahren. Das ist auch ein Thema des Films ›Tous les chats sont gris‹, auf Deutsch ›Alle Katzen sind grau‹. Von DIDIER CALME

Ein Konzept, das einleuchtet

Kulturbuch | Scenario 8: Film- und Drehbuch-Almanach Ein Almanach, man kennt das noch, ist ein üblicherweise jährliches Periodikum, fachbezogen, es dient als Nachschlagewerk und informiert über den Stand der Dinge. Bis in den SPIEGEL gelangte seinerzeit die Nachricht vom überraschenden Erfolg des Jahrbuchs ›Schotts Sammelsurium‹. Ein Hype, der schnell in sich zusammenfiel. Dass es anders geht, zeigt ›Scenario‹, ein Film- und Drehbuch-Almanach, der seit einigen Jahren etabliert ist. Von WOLF SENFF