Im Rausch der Geschwindigkeit

Roman | Rachel Kushner: Flammenwerfer

Rachel Kushners neuer Roman Flammenwerfer besitzt ein ungeheuer rasantes Erzähltempo, das die amerikanische Autorin auf den über 500 Seiten des Romans kaum drosseln wird. Die Erzählerin fährt hier immer auf der Überholspur – manchmal jedoch auch auf heiklem Untergrund. Der Crash scheint vorgezeichnet. Den Blick aus sicherer Distanz wagt HUBERT HOLZMANN.

U1_978-3-498-03419-1.inddRachel Kushner scheint es in ihrem Roman Flammenwerfer darauf angelegt zu haben, möglichst diverse Themen miteinander zu verbinden. Streng genommen zerfällt ihr neues Buch in drei Teile: Renos Geschichte spielt zunächst in New York, dann folgt ihre »italienische Reise«, abwechselnd zu den Kapiteln von Reno wird drittens die Biografie der Familie Valera. eingewoben. Auch thematisch spannt die Autorin dadurch einen weiten Bogen, wenn man bedenkt, dass ihr Text im Kern nach dem Muster einer Schreibaufgabe funktioniert, als Suche nach einer Story, die vier wahllos vorgegebene Schlagworte beinhalten muss: Motorrad fahren, ein älterer Liebhaber, China Girls im Film und Italiens Rote Brigaden.

Rachel Kushner erzählt in Flammenwerfer die Geschichte der Ich-Erzählerin und Kunststudentin Reno, die es Mitte der 70er-Jahre von der Provinz bis nach New Yorks geschafft hat und dort an der Seite von Sandro Valera, eines der angesagtesten Konzeptkünstler, die Untergrundszene der Kunst unsicher macht. Im Grunde genommen ist es die alte Story des amerikanischen Traums vom uneingeschränkten Aufstieg. Zugleich ist im Roman eine irrwitzige Sucht nach Abenteuer zu spüren, mit der sich die Heldin, die mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein ausgestattet und zufällig am richtigen Ort zu sein scheint, mitten hinein nach Big Apple katapultiert.

Diese Wucht des Hineinwerfens ist genau einer der zentralen Punkte, mit der die Story von Anfang an zündet. Reno fährt leidenschaftlich Motorrad und bekommt von ihrem Künstlerfreund und Liebhaber Sandro Valera, der einer italienischen Reifen- und Motorraddynastie entstammt, eine extrem starke Maschine geschenkt. Mit dieser will sie einen privaten Geschwindigkeitsrekord auf der berühmt berüchtigten Teststrecke in Nevada aufstellen. Zudem befasst sie sich im übrigen ebenfalls mit Kunst und plant, ihre eigenen Spuren, die sie mit ihrem Motorrad in der Satzwüste hinterlässt, fotografisch festhalten.

Die grenzenlose Sucht nach dem Fremden

Dieser ästhetische Anspruch, der dem Zufall eine nicht unbedeutende Größe einräumt, berührt zugleich extreme existentielle Grenzerfahrungen. Ihre Rekordfahrt auf der durchaus heiklen Teststrecke, die normalerweise von Raketenfahrzeugen genutzt wird, scheitert. Reno stürzt und überlebt nur knapp. Dieser Übergang zwischen Leben und Tod, Realität und Fiktion, Sein und Schein ist ein Motiv, das sich durch den gesamten Text hindurchzieht.

Die Romanschriftstellerin Rachel Kushner setzt auf diese extremsituationen, diese Katastrophen. Sie will keine einfach gestrickte Hollywood-Heldin erschaffen, die sich in ihren Erfolgen und Rekorden sonnt. Kushner geht aufs Ganze und testet – unter anderem auch ihre eigenen erzählerischen – Grenzen aus. Dabei ist die Perspektive der Heldin fatalistisch. Was zählt, sind Aktionen. Das Leben verläuft für Reno wie im Film. In einer Randnotiz notiert Kushner bilderreich, wie Reno ihr eigenes Leben deutet; es läuft für sie ab. wie auf einer Leinwand, in einer zweidimensionalen Kulisse: »Der Floating Mountain schwebte in der Ferne, mit einer Fata Morgana am Rand. Diesig und massiv. Was immer passierte, er würde zusehen, aber nicht helfen. Pass auf, sagte er. Du könntest sterben.«

Kushners Heldin Reno bewegt sich auf den Pfaden der Extreme. Nicht nur Renos Unfall zeigt dies, auch im sonstigen Leben geht es immer in die Vollen. An der Seite des berühmten Konzeptkünstlers Valera zieht sie mit scheinbar unbegrenzter Energie durch Szenelokale und Clubs. Als Lebenskünstlerin sammelt sie überall ihre Erfahrungen, nicht nur in Sachen Kunst, auch im Film wird sie tätig. Aber immer in Überschallgeschwindigkeit, als Jetsetterin zwischen den Welten. Jenseits des Normalen. Unfälle, Zusammenbrüche, Enttäuschungen, Überschläge sind einberechnet.

Auch ihr Verhältnis zu Sandro, dem wesentlich älteren Mann, ist kein einfaches. Der bereits erfolgreiche Künstler steht am Höhepunkt des Erfolgs. Er ist international gefragt und erschafft sich wie selbstverständlich seine eigene Welt. Die junge Studentin Reno ist für ihn zufällig da. Das scheint praktisch für ihn und gerade stimmig. Für ihn ist sie eine Mischung aus vorzeigbarem Mädchen, brauchbarer Begleiterin, Muse und Zuhörerin, die momentane Frau für Sex, Party und Inspiration. Selbst für Reno ist es ganz klar, dass es mit dem Künstler keine dauerhafte, sichere Beziehung geben kann. Doch Reno ist fasziniert. Von Sandro als Mann, als Künstler, als Szenegänger. Sie nutzt seine Beziehungen, seine Macht und lebt nicht zuletzt von seinem Vermögen.

La famiglia in bella Italia

Das ändert sich schlagartig, als sie Sandro nach Italien zu seiner Familie begleitet. Diese Italienreise wird für Reno zum Schlüsselerlebnis. Einerseits erlebt sie Sandro dort in einer für sie ungewohnt engen Rolle. Die Figur des Übervaters, des Lehrmeisters, des Finanziers die Sandro in den USA zunächst einnimmt, löst sich in Italien auf. Seine Inszenierungsversuche als Künstler und Fantast verliern in der »familia« ihre Wirkung. Denn auch er ist in der Villa in der Nähe von Mailand mehr oder weniger isoliert.

Denn die Außenwelt wird für die Industriellenfamilie, die im Faschismus zu ansehen und Reichtum gekommen ist, zur Bedrohung. Die Fabrikarbeiter weigern sich zu arbeiten, der Generalstreik lähmt Land und Gesellschaft. Eine Vermittlung gibt es nicht. Gegensätze stoßen aufeinander. Eingespiele Mechanismen greifen nicht mehr. Und in dieser Situation beginnt es zu menscheln. In die Beziehung zwischen Reno und Sandro mischt sich eine ungewohnte Spannung. Für Reno verliert Sandro seine ungeheure Faszination. Hier zeigt sich, dass Sandro nicht wirklich an Reno als Frau und Künstlerin interessiert ist.

Reno trennt sich vom großen Meister. Sie verlässt die Familien und unternimmt als Ausgestoßene eine ganz eigene Reise durch Italien. Allerdings keineswegs auf den Spuren eines großen Cicerone. Sie wird Gianni, einen ehemaligen Angestellten von Sandros Mutter und linken Sympathisanten in seinem alten Fiat nach Rom begleiten. Mit ihm zusammen wohnt Reno völlig mittellos in einem der besetzten Häuser. Dort kommt sie mit der linken anarchistischen Szene in Berührung, die Mitte der 70er in Italien die Revolte übt. Die WG, in der sie wohnt, ist ein Zentrum der Aufständischen. Hier in Rom erlebt sie unmittelbar den Marsch auf Rom mit, sie hört vom Anschlag in Bologna und muss erfahren, dass Sandros Bruder, der Inhaber der Reifen-Firma, von linken Terroristen ermordet wird.

Faszination von links und rechts

Zum ersten Mal in ihrem Leben wählt Reno selbst, was sie will. Und so kann sie eine Freiheit erleben, die ihr Sandro nicht bieten kann. Denn sein Leben besteht im Grunde genommen nur aus Antworten. Reno hingegen will ihr Schicksal ganz alleine herausfordern. Das vorgezeichnete Leben des Industriellensohns lehnt sie ab. Denn er steht von Anfang an auf der sicheren Seite.

Rachel Kushnr erzählt in einem zweiten Handlungsstrang, der mit den Kapiteln von Renos Erzählung alterniert, die Familiensaga der Valeras. Es ist zunächst der Überlebenskampf des Familienoberhaupts im ersten Weltkrieg, dann geht es um die Zeit der Familie im ägyptischen Alexandria, die parallel zur Biografie Flauberts konstruiert wird. Im aufsteigenden Faschismus wird anschließend die Erfindung des ersten Motorrads gefeiert und der Blick darauf nach Brasilien gewendet, wo die Familie große Kautschukplantagen betreibt, um selbst das Rohmaterial für die Reifenproduktion zu gewinnen. Hier greift Kushner immer wieder auf Versatzstücke zurück. Die Berichte aus dem kolonialen Südamerika etwa haben nichts Originäres, klingen wie gut recherchiert.

Und all die Erklärungen, Anmerkungen und Geschichten, die Kushner aus dem rechten und linken Italien anführt, glaubt man, irgendwo schon einmal gelesen zu haben. Seien es die historischen Berichte über Mussolinis Erfolge, seien es die Anekdoten über Feltrinelli oder die Berichte über die Aktionen der anarchistischen Aktivisten. Diese Passagen wirken, wie zuvor schon die Abhandlungen über die Ästhetik, über Konzeptkunst und allgemein über die Kunstszene des New Yorks der 70er, wie Collagen, Zitate, montiertes Material. An diesen Stellen verliert Kushners Roman sehr an Überzeugungskraft. Die Story wirkt hier merkwürdig konstruiert. Sehr bald schon nimmt man ihr die vielen Zufälle in Renos Geschichte nicht mehr wirklich ab.

Temporeiches Erzählen, aggressive Wortwahl, starke Bilder allein genügen eben nicht, um einen Roman überzeugend zu schreiben. Sie beeindrucken dennoch, stimulieren den Leser: »… Sie winken dich herbei, aber wie eine Fata Morgana.« Was bleibt, sind Rachel Kushners enorme Sprachgewalt, ihre extremen Bilder. Trotz allem ein sehr faszinierender Text.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Rachel Kushner: Flammenwerfer
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2015
558 Seiten. 22,95 Euro
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