Leben und Sterben in L.A.

Jaime Hernandez: Love and Rockets: Der Tod von Speedy / Liebe und Versagen

›Reprodukt‹ blickt zu seinem 25. Verlagsjubiläum auf die Veröffentlichungen seine Anfangstage zurück – und bringt zwei Sammelbände der langlebigen Erfolgsserie ›Love and Rockets‹ heraus. CHRISTIAN NEUBERT hat sie unter die Lupe genommen.

Jaime Hernandez - Liebe und VersagenDen 25. Geburtstag feiert man gerne mit Pauken und Trompeten. ›Reprodukt‹ dagegen feiert mit Liebe und Raketen. Genauer: mit zwei Sammelbänden von ›Love and Rockets‹ – von jener Serie, mit der der Berliner Verlag 1991 seine Arbeit im Dienste des Indie-Comics antrat.

›Love and Rockets‹ ist das gemeinsame Comic-Magazin der in Kalifornien lebenden Brüder Jaime und Gilbert Hernandez. Beide lancieren dort seit 1981 ihre eigene Serie. Die von Gilbert erzählt von dem mexikanischen Dörfchen Palomar. Jaimes Serie handelt von Margarita »Maggie« Chascarrillo und ihren Freunden, die sich in Hoppers, einem fiktiven Vorort von Los Angeles, durchschlagen. Die beiden Sammelbände ›Der Tod von Speedy‹ und ›Liebe und Versagen‹, die nun in deutscher Übersetzung vorliegen, entstammen Jaimes Feder. Der besondere Kniff seiner Storys ist, dass sie die Geschichten seiner Vorstadt-Antihelden nach und nach aufbauend weiterspinnen, sozusagen in Echtzeit. Als Leser altert man daher parallel mit Maggie und Co.

Mit Comics in die Jahre kommen

Jaime Hernandez - Liebe und Versagen LeseprobeWer sich ›Der Tod von Speedy‹ vornimmt, erlebt Maggie als Teenager. Sie hat ein paar Kilo zu viel drauf, gehört der lokalen Punkszene an, hängt mit Mitgliedern einer Latino-Gang ab, trinkt viel und lebt aktuell, als sexuell mehr oder minder unentschlossene junge Dame, eine Affäre mit ihrer Freundin Hopey aus. Soweit, so spektakulär. Beziehungsweise das Gegenteil davon: Hernandez nimmt sein Setting und seine Figuren ernst. Es geht ihm um das Schildern eines Milieus und insofern um die Lebenswirklichkeit seiner Figuren anstatt auf ein naheliegendes Augenmerk auf Action und Spannung. Dabei erzählt er stets auf Augenhöhe. Erhobene Zeigefinger, Sozialvoyeurismus oder die Mitleidstour liegen ihm fern.

Genau da liegt allerdings der Hund begraben. Wer ›Der Tod von Speedy‹ liest, hat bereits acht Jahre ›Love and Rockets‹ übergangen. Das macht die Lektüre nicht gerade zugänglich. Man tut sich mitunter schwer, innerhalb des Figurenkosmos und der sprunghaften Erzählweise durchzublicken – zumal der Band einen gleich zu Beginn ins kalte Wasser wirft, was eher frustrierend als unterhaltend ist. Etwas Licht ins Dunkel bringt dagegen der andere Sammelband, ›Liebe und Versagen‹. Mit ihm ist man Hernandez fast bis ins Heute gefolgt: In den USA erschien er 2014.

Knapper Einblick in ein gigantisches Werk

Jaime Hernandez - Der Tod von SpeedyMaggie ist hier eine Mittvierzigerin, die einen Job als Gebäudeverwalterin hat und über weite Teile des Bands nach wie vor ihren – oder zumindest einen – Mr. Right sucht. Rückblicke schließen hier so manche Lücke in Maggies Lebenslauf und ihrer Familienbande, was fesselnd ist und einige blinde Flecken klärt. Allerdings verwundert es, dass Hernandez´ Zeichnungen sich – entgegen den Erwartungen an drei Jahrzehnte Übung – eher zurückentwickeln als Meisterschaft erlangen. In beiden Bänden ist sein Stil präzise und weitestgehend einer realistischen Darstellung verpflichtet. Wenn es der Stimmung dient, überzeichnet er jedoch auch mal seine Figuren oder setzt auf Funny-Elemente. Doch während ›Der Tod von Speedy‹ noch mit flächigem Schwarz als kontrastierendem Mittel durchsetzt ist, verharrt ›Liebe und Versagen‹ meist bei vordergründigen Outlines auf weißen Hintergründen. Mehr wäre hier an vielen Stellen eben doch mehr gewesen.

Ist dieser Eindruck eventuell eine Ausnahme, die dem seinerzeit vorherrschenden Veröffentlichungsdruck geschuldet war? Tut man Jaime Hernandez insofern Unrecht? Man weiß es nicht nach der Lektüre der beiden Sammelbände. Bestimmt hat ›Reprodukt‹ sie zu seinem Jubiläum als sorgfältig gewählte Appetithäppchen herausgebracht. Um den ganzen Braten des Potenzials der langlebigen Serie zu riechen, muss man jedoch tiefer, länger, beharrlicher in sie eintauchen. Und dazu bedarf es nun mal das kontinuierliche Lesen aufeinanderfolgender Episoden. ›Fantagraphics‹, die US-Verlagsheimat von ›Love and Rockets‹, hält hierzu gar einen Guide bereit

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Love and Rockets: Der Tod von Speedy / Liebe und Versagen
Aus dem Amerikanischen von Oliver Knöll / Conny Lösch
Berlin: Reprodukt 2016
136 / 112 Seiten, Je 24 Euro
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| Jaime Hernandez bei Reprodukt

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