Testosteron und Totemtiere

Comic | Nicolas Wouters, Mikael Ross: Totem

Mit ›Totem‹ schicken die Comic-Künstler Mikael Ross und Nicolas Wouters den kleinen Louis in ein Feriancamp in den Wald. Ob es sein Totemtier ist, das dort neben dem Ende seiner Kindheit auf ihn lauert? CHRISTIAN NEUBERT begleitete ihn durch die Schwärze der Nacht.

N. Wouters TotemVor ein paar Jahren noch wollte das aus Mikael Ross und Nicolas Wouters bestehende belgisch-deutsche Comic-Künstler-Team noch ›Lauter Leben‹. Nun schicken sie ihre Leser mit ›Totem‹ in ein Pfadfinderlager im Wald. Die kennt man: Abgelegene grüne Inseln, kleine Idylle, moosweiche Geburtsstätten kindlicher Fantasien und erster Küsse – wenn nicht gerade Soziopathen mit Kettensägen herumirren. Es sei denn, es regnet. Dann nämlich nervt‘s. Hier, in dem Ardennen-Camp, in dem Louis seinen Sommer verbringen muss, schüttet‘s wie aus Eimern. Oh Mann!

Dabei ist das längst nicht alles: Aufgrund seines Alters ist Louis ganz klar den Kleinen im Camp zugeordnet und noch dazu ist er neu in der Truppe, ergo: Louis ist Außenseiter. Er muss sich noch beweisen, um den Schikanen der Älteren zu entkommen. Davon ist er allerdings weit entfernt. Ihre Rituale sind ihm fremd, ihre Sprüche ängstigen ihn. Seinem Schattentheaterstück mit Spielfiguren setzen sie Joints und Häme, Pornohefte und Wettwichsen entgegen, selbst Betreuerin Mila, eh mit ganz eigenen Dingen beschäftigt, muss sich zusammenreißen, um sich gegen die Testosteronladung durchzusetzen. Und dann muss auch noch das Huhn fürs Abendessen geschlachtet werden, und ist da nicht noch irgendwas? Da draußen, im Wald, in der Nacht, auf der Lauer?

Angst im Nacken

Kein Wunder, dass Louis sich bald verfolgt fühlt. Dabei treibt ihn etwas ganz anderes um. Sein Bruder Thomas ist ihm auf den Fersen, verfolgt ihn in seinen Gedanken. Zuhause haben sie noch gespielt, Operation, er war Arzt, Thomas Patient. Im Spiel glückt die OP, doch hinterher, als Thomas zusammenbricht … man weiß es nicht. Er ist im Krankenhaus, die Eltern bei ihm, die Lösung für Louis lautete eben Feriencamp. Der Ort, wo er nun mit all dem, mit sich und den anderen fertig werden muss.

So weit, so coming of age. ›Totem‹ überschreitet allerdings die Grenzen jugendlicher Befindlichkeiten, fügt Mystery-Elemente in und neben die Initiationsriten. Wirklichkeit, Wahn und Wunschvorstellung verwischen untereinander, verlieren im Blätterdickicht ihre Trennschärfe, umnachtet von symbolträchtigen Bildern und Eindrücken. In Ross‘ Zeichnungen wird der Wald zum somnambulen Hort dunkler Erinnerungen, Einsichten und Geheimnisse, auf merkwürdige Weise bunt, obwohl stets von Schatten überzogen.

Überschattete Farben in der Schwärze des Waldes

Louis macht Bekanntschaft mit dem Tier bzw. den Tieren – in sich, in anderen, in der Natur. Er geht in ihr auf, sie umso mehr in ihm – zunächst, wer weiß, was noch kommt. Viel ist passiert, da im Camp, Ross und Wouters machen das sehr gut deutlich, jeder mit seinen Mitteln. Weder der Wald noch die Gefühlswelten der Camp-Bewohner werden überbelichtet oder rührselig ausgeleuchtet. Man muss sich Zeit nehmen, in die Tiefe sehen, um die kleinen und großen Geschichten zu entwirren und zu verweben. Dass man sich dazu der Dunkelheit stellen muss: geschenkt. Schön, dass Ross und Wouters nie versuchen, das Ende der Kindheit als Banalität zu verkaufen.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Nicolas Wouters (Text) / Mikael Ross (Zeichnungen): Totem
Aus dem Französischen von Claudia Sandberg
Berlin: Avant-Verlag 2016
128 Seiten, 29,95 Euro
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