Der Wanderer und sein Schatten

Comic | Max: Odem

Der spanische Comic-Künstler Max schickt seinen Helden Nikodemus in ›Odem‹ in die Wüste. Mit sich und anderen hadernd, will Nikodemus zu sich selbst finden. CHRISTIAN NEUBERT hat ihn dabei begleitet – und einen Comic entdeckt, der leichtfüßig daherkommt, aber überraschend tief blickt.

Comic - Max: OdemAchtsamkeit und Artverwandtes, das sind die Stichworte der Zeit für ein glückliches, ausgeglichenes Leben. Man soll in sich hineinhorchen können, da hat der Lärm von außen nach Möglichkeit ruhig zu sein. Innere Einkehr via Abschütteln der Außenwelt, Yoga und Meditation kontra Stress und Hektik, das beschreibt neuerdings den Weg zum erfüllten Ich. Einklang klingt da nur nach einem selbst. Selten war die Suche nach dem Seelenheil egozentrischer.

Auch Nikodemus, der Held von ›Odem‹, dem neuen Werk des spanischen Comic-Künstlers Max, sucht die Einsamkeit. In der Wüste will er sie finden, um ein Leben abseits der Gesellschaft zu führen, natürlich mit dem Ziel, zu sich selbst zu gelangen. »Einsamkeit, Stille, Entsagung, Ruhe! Das ist mein Heilmittel«, bekennt der Sinnsucher.

Flucht in die Wüste

Nun entkommt man nach Nietzsche auch in der Askese nicht seinem Willen, selbst in der Wüste nicht. Weil Askese eben Ausdruck des Willens zur Wüste ist. Entsprechend mangelt es in der Wüste keineswegs an Kamelen. In jener Wüste, in die sich Nikodemus zurückgezogen hat, um abseits der hektischen Gesellschaft zu sich selbst zu finden, sind es allerdings weniger die Kamele, die seine Askese stören. Vielmehr pfuschen ihm der pragmatische, genussorientierte Kater Moses, die gleichermaßen diebische wie hilfsbereite Elster Juanita und ein aus der Tonne heraus philosophierender und dabei Bruce Lee zitierender Schiffbrüchiger ins Handwerk, das sich gerade im Nichtstun erschöpfen soll.

Nichtstun muss man sich allerdings leisten können, zumal in der Wüste. Gut, dass zumindest Herkules, wohl so etwas wie die Personifikation von Nikodemus´ Freudschem Ich, sich ums Roden des wuchernden Durcheinanders kümmert, das ihn Kraft seiner Gedanken bis in die Wüste verfolgt. Denn eins ist klar: »Man kann die Zivilisation nicht hinter sich lassen, wenn man den ganzen alten Kram mit sich rumträgt.« Der Deal dabei: Herkules kriegt die Frauen, Nikodemus seine Ruhe. Aber ganz so einfach ist das dann doch nicht. So ein Selbst ist halt nur mit dem inneren Herkules komplett.

Dennoch scheint Nikodemus´ Plan aufzugehen: Immer mehr findet er zu seinem Frieden. Nur seinem Schatten wird´s zu bunt. Oder besser, im Gegenteil: zu trist. Er umwindet Nikodemus, will ihn überschatten, über ihn hinauswachsen, sich aus dem Wüstenstaub machen.

Eine Wüste, wenige Striche

Comic - Max: Odem LeseprobeDer Disput des Nikodemus mit seinem Schatten ist von Max wunderbar in Szene gesetzt. Der Zeichner bemüht nur wenige Linien für seine Protagonisten, und auch die Wüste ist kaum mehr als ein Streifen am Horizont. Das reduzierte Setting birgt dennoch ein gehöriges Maß an Ausdrucksstärke. Zudem bietet es den tiefschürfenden Gedanken des Titelhelden viel Raum zur Entfaltung. Sein permanentes Granteln und Hadern birgt dabei unerhört viel Humor, transportiert über leise Poesie, die wie im Nebenher mitschwingt.

Es ist die Verschränkung schwerwiegender Gedanken, federleichtem Augenschein und stillem Humor, die das bezaubernde Wesen von ›Odem‹ ausmacht. Denn getragen von ehrlichem Gelächter, das von Herz und Hirn gleichermaßen genährt wird, dringen auch trübere Einsichten launiger an die Oberfläche. Und die soll letzten Endes nun mal schön sein. Max weiß das. Und lässt seinen Beindruckenden Comic dabei auf den ersten Blick wie eine Fingerübung aussehen. Stark!

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Max: Odem
Aus dem Spanischen von André Höchemer
Berlin: Avant-Verlag 2016
112 Seiten. 24,95 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe auf der Verlagshomepage
| Homepage des Künstlers

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