Ein weiter Weg

Jugendbuch | Mehrnousch Zaeri-Esfahani: 33 Bogen und ein Teehaus

33 Bogen hat die Si-o-se Pol, eine von elf Brücken, die in der iranischen Großstadt Isfahan über den Zayaned Rud führt. Hier nimmt die Geschichte der kleinen Mehrnousch ihren Anfang, die Geschichte einer Flucht, die über die Türkei nach Deutschland führt. Von ANDREA WANNER

33 Bogen und ein Teehaus Mehrnousch Zaeri-Esfahani erzählt in ihrer Autobiographie von dem, was sie selbst erlebt hat. Sie tut es mit einer ebenso einfachen wie poetischen Sprache, fasst Eindrücke, Gefühle und Situationen in Worte, die einem beim Lesen das Geschehen sehr nahe bringen. 1974 in Isfahan geboren, verlässt sie mit ihrer Familie 1985 den Iran und kommt über die Türkei und die DDR, zunächst nach Ost-, denn nach Westberlin, Heidelberg wird zum Ende ihrer langen Reise und zur neuen Heimat.

Die Schilderung der Kinderzeit im Iran klingt glücklich und fast märchenhaft: Die Zeit des Schahs, den die kleine Mehrnousch mit seiner Frau, Farah Diba und den Kindern als wunderschönes Kaiserpaar oft gemalt hat, geht zu Ende. Umbruch und Revolution lassen die Menschen auf bessere, gerechtere Zeiten hoffen.

Auch die reiche Familie von Mehrnousch. Als der Schah das Land verlässt und ins Exil geht, ist die Revolution gelungen – und alles wird schlimmer. Khomeini kommt an die Macht und der Aufbau eines islamischen Staatswesens unterdrückt systematisch die Freiheit. Die Familie flieht schließlich, damit die älteren Brüder Mehrnouschs nicht als Kindersoldaten in den Krieg ziehen müssen.

All das wird in der Ich-Form aus der Perspektive eines neugierigen Kindes erzählt, das nicht alles versteht, aber vieles spürt. Mehrnousch muss ihre geliebten Katzen zurücklassen, als es in die Türkei geht, nach Aksaray, einem Hauptumschlagplatz für Drogenhandel in Istanbul, wo die einst so wohlhabende Familie in einem erbärmlichen Quartier haust. »Zu der neuen Welt gehörte auch unsere heruntergekommene, schmutzige Wohnung. Sie war voller Ratten und anderer weicher, behaarter Tiere und Insekten, die nachts über unsere Gesichter krochen«, erinnert sie sich.

Statt sich geekelt voller Heimweh nach dem Iran zu verzehren, kann die 10jährige der Situation durchaus etwas abgewinnen und erforscht gemeinsam mit ihren Brüdern das fremde Umfeld.
Neugierde und Optimismus verlassen Mehrnousch nie. Staunend verfolgt man ihren Weg, voller Bewunderung für die Energie, die sie aufbringt.

Es ist ein Buch, das authentisch über Flucht, Fluchtursachen und Fluchterfahrungen berichtet, das voller Mut die Dinge beim Namen nennt, nichts schönredet und trotzdem nie trostlos wirkt. Als Klammer, was für ein genialer Kunstgriff, wählt Zaeri-Esfahani die Atomkatastrophe von Tschernobyl, die sich ereignet, kurz, nachdem sie in Heidelberg in die Schule gekommen ist. Sie findet auch hier die richtigen Worte, um die Dimension dieser Katastrophe zu beschreiben, stellt sie an den Anfang des Buches und erzählt, was die Familie tat, als am 26. April 1986 der Reaktor explodierte und endet mit dem zunächst so banal klingenden Satz: »So verpassten wir Tschernobyl«.

Erst dann beginnt die eigentliche Erzählung und der Satz bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn sich am Ende der Kreis schließt und Mehrnousch Zaeri-Esfahani, die längst in Deutschland eine Heimat gefunden hat, dreißig Jahre nach der Katastrophe nach dem Schicksal der Kinder der heutigen Geisterstadt Prypjat fragt.

Mehrdad Zaeri-Esfahani, der Bruder, der kein Kindersoldat werden sollte, und der auf der Flucht das Lachen wieder gelernt hat, hat das Buch illustriert. So wie auch den Kinderroman ›Das Mondmädchen‹ seiner Schwester, der ebenfalls im vergangenen Jahr erschienen ist und die Geschichte vom Fortgehen und Ankommen in ein Märchen verpackt hat.

Wie positiv klingt der letzte Satz aus der Autobiographie: »Ich bin Pilgerin aus Isfahan, und mein Pilgerweg war es, Freiheit und Frieden zu finden.« Man wünscht es allen Flüchtlingen, so ihren Weg zu gehen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Mehrnousch Zaeri-Esfahani: 33 Bogen und ein Teehaus
Mit Illustrationen von Mehrdad Zaeri-Esfahani
Wuppertal: Peter Hammer 2016
146 Seiten, 14,90 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
 

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Nostalgie, unsentimental

Nächster Artikel

Worte eines alten Teenagers

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Allerliebste Petitessen

Gedichte | Michael Roher: Wer stahl dem Wal sein Abendmahl? Der Wal muss hungrig zu Bett? Geht ein Wal überhaupt ins Bett? Und was hätte es überhaupt gegeben? Dass der Wal sich kein bisschen darüber geärgert hat, sei verraten. Aber nicht, wer der Täter war. Das muss man selber rausfinden. Ganz am Ende eines wundervollen kleinen Buchs findet ANDREA WANNER die Lösung. PDF erstellen

Sandkastenliebe

Jugendbuch | Lisa Moore: Das Glück hat vier Farben Es gibt Menschen, die wissen schon mit fünf ganz sicher, mit wem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollen, in Glück und ewiger Liebe. Der Rest des Lebens kann da gewaltig dazwischenfunken. Von MAGALI HEIẞLER PDF erstellen

Von wegen Lebensfrühling

Jugendbuch | Stine Stregen: Ich bin F*ckcing ICH!

Gibt es eine schlimmere Zeit im Leben als die Pubertät? Wenn man auf der Suche nach sich selbst ist und echte Probleme hat, sich zu finden? Die dänische Autorin und Illustratorin Stine Stregen begleitet mit ihrem Stift ein Mädchen durch Teile dieser Phase. ANDREA WANNER konnte mitfühlen.

Lebende Steine und leuchtende Hasen

Kinder- und Jugendbuch | Kinder und Jugendbuchmesse Bologna Wunderbare Bücher, spannende Begegnungen und der Zauber von vierblättrigen Kleeblättern. Ein Gang über die 54. Internationale Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna. Von SUSANNE MARSCHALL und GEORG PATZER PDF erstellen

Mein Körper gehört mir

Jugendbuch | Jenni Hendriks, Ted Caplan: Unpregnant

Jenni Hendriks und Ted Caplan haben mit ›Unpregnant‹ ein Jugendbuch über das Thema Abtreibung geschrieben, das ALEXA SPRAWE sowohl inhaltlich als auch erzählerisch-sprachlich angesprochen hat. Ein Buchtipp.