Best of Superschurkin

Comic | Christian Endres (Hrsg.): Harley-Quinn-Anthologie

Weibliche Gegner von Comic-Superhelden haben es im jeweiligen Kosmos schwer, als wahre Schurken oder Bedrohungen des starken, meist maskulinen Helden wahrgenommen zu werden. Doch einige bringen es zu Ruhm. Von PHILIP J. DINGELDEY

Eine davon ist die von Paul Dini geschaffene Harley Quinn, die eigentlich als Geliebte von Batmans Erzfeind, dem Joker, als dessen naiver und wahnsinniger Sidekick fungierte. Ursprünglich in der TV-Serie ›Batman: The Animated Series‹ kreiert, hat sie es Ende der 1990er in die Comics geschafft und ihren popkulturellen Durchbruch etwa in der Videospieltrilogie »Batman: Arkham« und dem zweitklassigen Spielfilm ›Suicide Squad‹ gefeiert, in dem Margot Robbie sie verkörperte. Kein Wunder, dass auf dem Höhepunkt des Hypes jetzt auch ein Comicband zu ihr herauskommen muss, nämlich die von Christian Endres herausgegebene ›Harley Quinn-Anthologie. Ein irrer Trip durch die Comic-Geschichte‹.

HARLEY QUINN ANTHOLOGIEInsgesamt 14 Comics sind in dem Band versammelt, von ihrer Ursprungsgeschichte im Jahr 1999 bis zu den fast neuesten Comics von 2014, und diese geben einen breiten Überblick über die Comic-Protagonistin, vor allem über die vielen Wandlungen, die sie in nur anderthalb Dekaden durchlaufen hat. Dazu sind die Geschichten in sechs Abteilungen untergliedert. In ›Batman: Harley Quinn‹ vom Paul Dini und Yvel Guichet erfährt man, wie sich Harleen Quinzel als Psychotherapeutin des Jokers in der Psychiatrie Arkham Asylum unsterblich in ihn verliebt, ihm zum Ausbruch verhilft und schließlich dafür selbst in einer Zelle landet, bis ein Erdbeben die Stadt Gotham City erschüttert.

In der evakuierten und von den USA inzwischen abgekapselten Stadt, die von Verbrechern kontrolliert wird, wird sie zu Harley Quinn, klaut ein Harlekinkostüm und schließt sich dem Joker an, der sie eher instrumentalisiert und beseitigen will. In den beiden nachfolgenden Geschichten, ›Harley Quinn und Ivy: Liebe macht Diebe‹ von Judd Winick und Joe Chiodo und ›Die Wette‹ von Paul Dini und Ronnie Del Carmen wird mal auf actionreiche, mal auf ironische Weise ihre Freundschaft zur Schurkin Poison Ivy thematisiert, und ihr gemeinsamer Kampf gegen Batman und Batgirl.

Während die ersten drei Überkapitel dabei die klassische Harley Quinn der Anfangsjahre schildern, wird es vor allem im vierten und fünften Teil der Anthologie obskur. Nicht nur, dass Quinn sich optisch verändert und nun sexistischere Kostüme trägt, nein, die Geschichten werden auch teilweise wirr. Mal bekämpft sie als Schurkin auch Superman und gleitet in Science-Fiction-Geschichten ab, die man nur versteht, wenn man sich im DC-Universum sehr gut auskennt, dann emanzipiert sie sich vom Joker, schließt sich einer esoterischen Frauengruppe an, und arbeitet mit einem ebenso zum Guten gewandelten ehemaligen Schurken, dem Riddler, zusammen, zur Freude von Bruce Wayne alias Batman. Später wird dann wieder ihre komplizierte Beziehung sowohl zum Joker als auch dem Schurken-Sondereinsatzteam Suicide Squad thematisiert.

Abgerundet wird der Band durch die verfremdete und bizarre Geschichte ›Harley Quinn: Besuch auf der San Diego Comic-Con‹ von Amanda Conner, Jimmy Palmiotti, Paul Pope und Javier Garrón. Dort trifft sie als reale Figur und freundliche Helferin eines Verlages auf ihre Comic-Fans und feiert eine Sexorgie mit als Joker verkleideten Besuchern. Von der ehemaligen Schurkin scheinen nur noch ein paar eigenartige erotisierte Macken geblieben zu sein.

Vom Sidekick zum spleenigen Sexsymbol

Der Inhalt des Bandes ist durchwachsen und gibt dem Untertitel der Anthologie recht. Die Wandlung vom Joker-Sidekick zur psychopathischen Superschurkin und von dort wiederum zum spleenigen Sexsymbol ist eine krasse, wenn nicht irre Wendung, der dem Buch aber auch eine gewisse Vielschichtigkeit gibt – und dem Leser in der Tat einen guten Überblick über die Geschichte der Clownsprinzessin. Damit ist der Band sowohl größtenteils für Anfänger geeignet, die vielleicht den neuesten Spielfilm kennen, aber von der Protagonistin im Comic nur wenig Ahnung haben, als auch ein Sammlerstück für Fans.

Was den Sammelband aber erst wirklich zu einem tollen Buch macht, sind die unterschiedlichen Zeichenstile und Möglichkeiten, Harley und ihre Wandlungen aufzuzeigen – und zwar teilweise auf spielerische Weise. In den ersten zehn Comics etwa tritt sie noch als die klassische Harley Quinn auf, als Schurkin in einem rot-schwarzen Ganzkörperoutfit mit einer Harlekinmütze. Mal sind diese Zeichnungen grob und überspitzt, mal auch schwarz-weiß, mal sind sie filigran und modern. In den späteren Comics hat sie dann schon eher das Fetisch-Kostüm, mit rot-schwarz gefärbtem Haar zu Zöpfen gebunden, hohen Stiefeln, einem kurzen Höschen und knappen Oberteil, wahlweise auch engem Korsett, mal mit weißer Haut, mal mit normaler Haut. Leider lässt sie dies weniger wie eine gefährliche Antagonistin von Helden wie Superman oder Batman erscheinen, sondern eher wie den feuchten Traum eines Teenagers, der auf Schulmädchen und Action steht.

Besondere Aufmerksamkeit unter den Zeichnungen der späteren Comics in der Anthologie gebührt aber der witzigen Geschichte ›Qual der Wahl‹ mit den Texten von Conner und Palmiotto. Dort darf sich gleich eine ganze Armada an Zeichnern austoben und kurz zeigen, was jeder einzelne so kann. Mit den je individuellen Stilen, etwa von Conner oder Becky Cloonan, zeigen sie ihre eigenen, surrealistischen, stark überspitzen Versionen der Clownslady, meist losgelöst vom Batman-Universum. Dies geschieht, so die Handlung, auf Nachfrage von Harley Quinn selbst, die darüber sinniert, wie sie wohl als Comicprotagonistin aussehe, und dann auch auf verfremdete Weise in Dialog mit den Zeichnern tritt. Die Handlung ist hier nicht wirklich gut, und Quinns Charakter wird weiter weichgespült als eigentliche »nette Psychopathin«, aber dafür sind hier die Zeichnungen am künstlerischsten und experimentellsten.

Ergo ist die ›Harley Quinn-Anthologie‹ sicherlich ein Muss für Fans, sofern sie die Comics über die Jahre hinweg nicht ohnehin schon gesammelt haben. Für alle anderen kann der Band als gelungener Überblick fungieren, wenn auch mit inhaltlich durchwachsenen Geschichten, die dafür auch die charakterliche und zeichnerische Varianz der Protagonistin zeigen.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Christian Endres (Hrsg.): Harley-Quinn-Anthologie
Ein irrer Trip durch die Comic-Geschichte
Stuttgart: Panini 2016
Gebunden, 356 Seiten, 29,99 Euro

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