Phantasievolle Konstrukte

in Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | Raymond Kurzweil: Die Intelligenz der Evolution

Bei Raymond Kurzweil findet sich der Mensch auf Schmalspur formatiert. Kurzweil leitet die Abteilung ›Technische Entwicklung‹ bei ›Google‹, er gilt als führender Experte in Fragen der künstlichen Intelligenz. Von WOLF SENFF

Ray Kurzweil -Die Intelligenz der Evolution wenn mensch und computer verschmelzenEr inszeniert sich als Star, er ist Idol und angehimmelte Ikone einer vermeintlich neuen Zeit, das rezensierte Werk liegt stapelweise in Bahnhofsbuchhandlungen aus – so viel zur neuen Zeit. In diversen Vorträgen und Interviews einer ›Never Ending Tour‹ präsentiert er eine phantastische Zukunft, zeigt sich nett und höflich, »it’s a pleasure to be with you«, winziger Mensch auf gigantischer Bühne.

Wie läuft der Hase und wohin

Der Mensch, so Kurzweil, werde zunehmend ›nichtbiologisch‹ werden, und der ›nichtbiologische‹, maschinelle Teil werde den biologischen Teil ›verstehen‹. Kurzweil zeichnet uns eine technologische Entwicklung, die über Widersprüche und über die Vielfalt des Lebens hinwegsieht.

Jedoch ist Evolution, wie der Titel behauptet, nicht ›intelligent‹, sondern die evolutionäre Entwicklung hat ›Intelligenz‹ hervorgebracht. Ein folgenschweres Missverständnis. Der amerikanische Titel ist weitaus holpriger, es handelt sich um ein Reprint des Vorgängers aus dem Jahre 1999. Das aktuelle Vorwort verfasste Ranga Yogeshwar, ein bekannter TV-Moderator, Physiker und Profi des Scientainment. Er drückt Bewunderung aus für einen Autor, der schon damals gewusst habe, wie der Hase läuft und wohin.

Geschäft ist Geschäft

Die Skepsis gegen solch kühne Zukunftsphantasien ist während der vergangenen Jahrzehnte gewachsen; es geht ihr darum, blinden Fortschrittsglauben zu ersetzen durch eine aktive, vorausschauende Politik gegen die Plünderung der Ressourcen, gegen die Verschmutzung des Planeten und die Veränderungen des Klimas. Der Mensch müsse sich befreien vom Rausch einer quasi von selbst über ihn kommenden und nie endenden technologischen Revolution.

Was bei der Lektüre auffällt, ist Raymond Kurzweils Begeisterung für seine eigenen Ideen, und in dieser Hinsicht dürfte er repräsentativ für seinesgleichen sein, denn ungeachtet aller Einwände wird die Computertechnologie stetig vorangetrieben. Es sind kühle Geschäftsleute am Werk, die, wie man inzwischen weiß, diverse Staaten um immens hohe Steuerzahlungen betrügen, Staatsfeindlichkeit ist schick in diesen Kreisen.

Man hätte gern Fakten

Kurzweils Begeisterung für das eigene Produkt trägt ihn in Bereiche, in denen der Bezug zu Logik und Fakten verlorengeht. Das fällt zuerst an der Sprache auf, und Kurzweils Sprache ist repräsentativ für die liebevolle Poesie, die man in Silicon Valley und der Internet-Technologie pflegt.

Da ist gleich die Rede von Leistungsfähigkeit, wo es doch um gesteigerte Rechenkapazität geht. Man muss daran erinnern, dass die entsprechende Leistung von den Ingenieuren erbracht wird, die das Teil konstruieren. Von der ›Leistung‹ einer Software oder einer Maschine zu reden, ist metaphorisch. Dasselbe gilt für die Rede von der ›Intelligenz‹ einer Maschine, dafür dass ein Computer ›lesen‹ könne, ›sprechen‹ etc. p. p.

Dichtung und Wahrheit

Bei der ›künstlichen Intelligenz‹ handelt sich weitgehend um ein Phänomen der Wortwahl, nicht um Realität. Denn so gesehen, ›merkt‹ bzw. ›erkennt‹ auch die Haustürklingel, dass jemand vor der Tür steht, der eingelassen werden möchte, ›informiert‹ die Bewohner und veranlasst sie, die Tür zu öffnen. Erklären wir die Haustürklingel deshalb für ›intelligent‹?

Man hätte gern Fakten, mit denen Raymond Kurzweil seine immense Ansammlung von Behauptungen und Prophezeiungen plausibel begründen würde. Computer, die mit dem menschlichen Hirn konkurrieren und dieses überträfen? Grotesk. Wir sollten auf derart schräge Vergleiche verzichten und den Computer als teils nützliches, teils lästiges Werkzeug betrachten.

Der Ingenieur berechnet die Tragfähigkeit seiner Brückenkonstruktion. Er ist derjenige, der die Rechenabläufe organisiert und sie ihrem Ergebnis und dessen Zweck zuführt. Wer davon redet, dass eine Software »rechnen« könne, erliegt der hochfliegenden Begeisterung, dem Taumel des Silicon Valley. Auch von dem in Vorzeiten gern verwendeten Rechenschieber wurde nie behauptet, dass er rechnen könne.

Auftritt der Wanderprediger

Kurzweil erwartet eine Umwälzung, bei der die Macht der Mikrochips kaum einen Aspekt der Realität, ob natürliche, körperliche oder geistige, unverändert lässt – eine gigantische Techno-Utopie. Der Mensch werde zur Software, indem das Gehirn Stück für Stück gescannt, das gesamte Bewusstsein von der körperlichen Existenz losgelöst und zum immateriellen Bestandteil eines allumspannenden künstlichen Netzes wird.

Die Evolution bewege sich, so Kurzweil, in endlos langen Zeiträumen, sei aber bereits durch die leistungsfähigere menschliche Intelligenz abgelöst worden. Diese habe die Technik geschaffen, welche eines Tages die Intelligenz des Menschen überflügeln und die Evolution millionenfach beschleunigen werde.

Diese Phantastereien mögen vor zwanzig Jahren Leute fasziniert haben. Nicht dass derartige Propheten nicht auch heute gefragt wären, die Namen sind auswechselbar, Jaan Tallinn, Elon Musk – je tiefer die Krise, desto zahlreicher die Wanderprediger, man kann sie sich per Youtube auf den Schirm holen, stundenlang, danke, war nett, und morgen sind sie vergessen.

Schadensbegrenzung

In der Realität wird der Mensch seine Intelligenz nach Kräften bemühen müssen, um den lawinenartig auf ihn einstürzenden Problemen so zu begegnen, dass der Schaden, den beispielsweise der Klimawandel verursacht, überschaubar bleibt, oder dass der Schaden, den die militärischen Invasionen der vergangenen Jahrzehnte anrichteten, nach und nach behoben wird.

Der diesbezügliche Beitrag der Internettechnologie? Drohnen und ›intelligente‹ Robotwaffen wurden wichtige ›innovative‹ Kriegstechnologien. Nein, auch zu diesem Thema erfahren wir von Kurzweil kein Wort, ›positiv denken‹ ist der zwanghaft wiederholte, hypnotische Reflex seiner Traumwelt.

Euphorie und Bodenhaftung

Und so geht es weiter. Die Finanzkrise 2008 wurde u. a. dadurch befördert, dass bei den Börsen Computersoftware eingesetzt wird, die die Abläufe beschleunigt. Eine Lösung läge darin, die Geschwindigkeiten wieder zu reduzieren, sie wird seit Jahren politisch diskutiert. Der Ideenreichtum des Silicon Valley richtet Schäden an, die wir ohne ihn nicht hätten.

Nein, es ist nicht sinnvoll, sich in die irreführenden Phantasien Raymond Kurzweils zu vertiefen. Sie sind Teil des Problems, und daran, dass sie von Intelligenz gestreift wären, darf zurecht gezweifelt werden.

Infantil

Weshalb werden wir nicht gefragt, ob wir in einer von künstlicher Intelligenz dominierten Welt leben wollen? Lassen wir doch die Menschen abstimmen darüber, ob sie durch Robot-Abläufe ersetzt werden möchten, abstimmen über Nanotechnologien im Pharmasektor, über Erntemaschinen auf endlosen Monokulturen, über automatisierte Pestizidberieselung, über ›intelligente‹ Futterzuteilung für Schweinemast und Milchproduktion.

Raymond Kurzweil ist ein Verkäufer, er vertreibt Produkte, die auf dem Markt nachgefragt sind, und nutzt die sorgenfreie Begeisterungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen aus. Die Internet-Technologie hängt sich in weiten Bereichen das absatzfördernde Mäntelchen der Spaßgesellschaft um.

›Führungspersonal‹

Die ohne Ende hochfliegende Euphorie, gedopt oder mit Droge angeheizt, ist ein Charakteristikum unserer Zeit oder präziser: der westlichen Industriegesellschaften, deren vernichtender Absturz sich aktuell allerorten abzeichnet. Kurzweil ist nicht der einzige Vertreter eines Führungspersonals, das in die Psychiatrie gehört.

»Unser Leben ist begrenzt, doch das Wissen ist grenzenlos. Gefährlich ist’s, dem Grenzenlosen nachzugehen mit dem, was Grenzen hat.« Zhuangzi (369-286 v. Chr.). Nota bene.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Raymond Kurzweil: Die Intelligenz der Evolution
Wenn Mensch und Computer verschmelzen
(The Age of Spiritual Machines, o.O. 1999, diverse Übersetzer)
Köln: Kiepenheuer & Witsch 1999, 2016
510 Seiten, 12,99 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

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