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Über die Entzauberung des Genies

Kulturbuch | Bas Kast: Und plötzlich macht es Klick!

Der Psychologe Bas Kast möchte mit ›Und plötzlich macht es Klick! Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen‹ den althergebrachten Nimbus der Genialität entzaubern. Was zeichnet einen kreativen Menschen aus und weshalb gibt es so wenige davon? Bas Kast erläutert Funktionsweisen eines kreativen Gehirns und gibt all denen Hoffnung, die ihr bislang wenig kreatives Leben etwas aufmöbeln möchten. VIOLA STOCKER ging in die Schule der Genies.

Bas Kast - und plötzlich macht es klickIn lockerem Plauderton, der sonst nur amerikanischen Wissenschaftlern geläufig ist, nähert Kast sich dem Dilemma all jener, die in den eigenen Fußstapfen stecken geblieben sind. Wer nicht mehr weiter weiß, dem fällt nichts ein und Bas Kast verwendet die ersten vier Kapitel seines Buches darauf, nicht nur dieses Dilemma zu schildern, sondern auch aufzudecken, wie die Wissenschaft bisher Kreativität erforscht.

Von Intelligenztests und Kreativitätstests

Das menschliche Gehirn ist perfekt auf den Alltag abgestimmt. Die innere Uhr sagt, wann man etwas tun sollte, wie eine Situation wahrscheinlich gestaltet ist und wo in einem Restaurant die Toiletten sind. Es gibt viele Muster für Menschen, Situationen und Räume, die unser Gehirn abgespeichert und verinnerlicht hat, sodass die Muster jederzeit abrufbar sind. Von Grußformeln bis zur Orientierung an einem unbekannten Ort helfen diese Muster dem Menschen, zu überleben. Aber sie schränken auch ein.

Bas Kast beschreibt viele psychologische und neurologische Tests, mit denen sich Kreativität messen lässt. Schnell steht fest: Wo Muster ablaufen, schläft das kreative Gehirn. Es wird erst wach, wenn die Muster nicht mehr stimmig sind. Datenbrillen, die alternative Realitäten zeigen, bringen das Gehirn durcheinander. Wer in einer virtuellen Realität agiert, erwartet die gleichen Muster wie in der analogen Welt. Was, wenn aber eine Flasche, statt vom Tisch zu fallen, nach oben fliegt? Wenn Dinge in der Entfernung größer statt kleiner werden? Was geschieht nun im Gehirn?

Aufbrechen von Gewohnheiten

Für die Recherchen zu seinem Buch hat Bas Kast Wissenschaftler in Europa und den Vereinigten Staaten besucht, die sich in teils langjährigen Studien mit Kreativität auseinandersetzen. Zudem analysiert er die Biographien berühmter kreativer Wissenschaftler und Künstler, um Muster zu finden für deren Schaffenskraft. Wie die oben genannte Testsituation bereits nahelegt, werden kreative Segmente dann im Gehirn aktiviert, wenn es gelingt, Gewohnheiten und Muster aufzubrechen.

Doch entgegen aller Klischees vom weltabgewandten Genie, entsteht Kreativität auch durch Kommunikation und soziale Interaktion. Zugewandte Menschen, die sich mit anderen über ihre Denkmuster unterhalten können, finden eher schnelle kreative Lösungen für ein Problem als narzisstische Einzelgänger und das erstaunlicherweise unabhängig von der jeweiligen individuellen Intelligenz.

Inspiration und Transpiration

Was unterscheiden aber ein Genie von einem Durchschnittskreativen? Bas Kast bleibt auch hier am Boden: Zehn Jahre Übung, so Kast, braucht im Durchschnitt ein Genie von der Entwicklung einer Idee bis zum genialen Durchbruch. Wer also seine ganz persönliche kreative Nische findet, ist klar im Vorteil. Denn nur jemand, der liebt, was er tut, kann sich motivieren, in diese Materie immer tiefer einzutauchen. So konnte Einstein seine Relativitätstheorie entwickeln und aus einem herumstreunenden Taugenichts namens Darwin wurde der wichtigste Evolutionstheoretiker seiner Zeit. Sie alle hatten, so betont Kast, ihre kreative Nische gefunden und sich intensiv damit auseinandergesetzt.

Für den Durchschnittsbürger bedeutet das Ernüchterung und Hoffnung zugleich: Kreativität lässt sich nicht erlernen, denn auch bei allem Training sollte eine Grundbegabung vorhanden sein, die selbstverständlich wie alles andere auch unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Ohne Talent lässt sich nicht kreativ werden. Dann sollte man sich seiner Talente bewusst werden und zwar unabhängig vom eigenen Wunschdenken. Ein Gesangstalent lässt sich erst dann trainieren, wenn eine Stimme vorhanden ist. Wer aber seine Begabung entdeckt und fördert, für den ist das letzte Kapitel in Bas Kasts Buch eine große Anregung: Entspannungstraining, Offenheit und Austausch sind der Grundstein der eigenen Kreativität, die dann jeder für sich vertiefen kann.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Bas Kast: Und plötzlich macht es Klick!
Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag2015
272 Seiten. 19,99 Euro
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