/

Die Herren der Welt

Sachbuch | Aram Mattioli: Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700 – 1910

Einsicht, hieß es einst, sei ein Weg zur Besserung. Ohne Einsicht in eigenes Fehlverhalten sei keine Reue möglich und schon gar keine aufrichtige Entschuldigung. Einsicht betreffe das Verständnis für die Tragweite eigenen Fehlverhaltens. Die Lektüre von Aram Mattioli, ›Verlorene Welten‹, der uns die Wirklichkeit der Ereignisse im Nordamerika jener Tage in ein neues Licht stellt, verleiht massiv Gelegenheit zur Einsicht. Von WOLF SENFF

Aram Mattioli - Verlorene Welten - 9783608949148.jpgWir lernen, dass die erschütternde Geschichte der nordamerikanischen First Nations, anders gewendet, den gewalttätigen Aufbruch des Kapitalismus beschreibt, das Morgengrauen, die grundlegende Veränderung der nordamerikanischen Welt, deren Tragweite wir noch über ein Jahrhundert später nicht hinreichend verarbeitet haben, und wir dürfen daraus eine Menge ableiten über die Grundzüge unserer eigenen Lebensformen und die Ursachen für deren gegenwärtigen Kollaps – die Abenddämmerung.

›First Nations‹

Die Kulturen seien auf grundlegende Weise unvereinbar gewesen. Den First Nations war die Vorstellung gänzlich fremd, dass Grund und Boden als Besitz gehandelt werden konnte, käuflich war. Nachdem die britischen Kräfte aus dem nördlichen Amerika zurückgedrängt und Mexiko militärisch besiegt war, hatte der aggressive, räuberische Kapitalismus der ›Neuen Welt‹ leichtes Spiel, mit teils durch Schmiergelder, teils durch Intrige und Betrug erworbenen Besitzurkunden Rechte einzufordern und das Territorium der USA bis an den Pazifik auszuweiten.

Die First Nations, »Indianer«, hatten seit vier Jahrtausenden auf dem nordamerikanischen Territorium gelebt. Binnen zweier Jahrhunderte wurden ihre Kultur und ihre Lebensformen eliminiert. Sie wurden auf erbärmliche Weise ausgetrickst, ein ›Deal‹ wurde mit ihnen gemacht, ›America first‹, sei es bei den Landveräußerungen, bei Konsumangeboten wie dem Alkohol, bei den scheinheiligen Zusicherungen friedlichen Umgangs, den eingeschleppten verheerenden Epidemien, etc.

Jeder sei seines Glückes Schmied

Es entbehrt nicht der Ironie, dass sich diese Veröffentlichung Aram Mattiolis reibungslos in die Abläufe der Gegenwart einbetten lässt: Denn wir erleben unsererseits den Anfang vom Ende jenes anglo-amerikanischen Empire, einen ausgelaugten, kollabierenden Kapitalismus, dessen Finanzkapital bereits Leichenfledderei betreibt. Wir erleben die Auflösung des Fortschrittsdenkens, den Verlust des Vertrauens in die industriellen Revolutionen, den Bedeutungsverlust westlicher Kultur, wir erleben ganz große Oper.

Kalifornien gilt vielen noch heute als einzigartige Verkörperung des amerikanischen Traums, in dem jeder seines Glückes Schmied sei. Leider fiel jedoch komplett der Vergessenheit anheim, dass Kalifornien in seinen Anfangsjahren eine skrupellose, brutale Frontiergesellschaft war, welche die während der spanischen und mexikanischen Zeit bereits arg heimgesuchten California Indians innerhalb von nur fünfundzwanzig Jahren beinahe ausrottete.

In die Moderne katapultiert

Aram Mattioli dekonstruiert das über die Jahre sorgsam polierte Bild der amerikanischen Vergangenheit. Nirgends in den USA habe es seinerzeit so viele Massaker an Native Americans gegeben wie in Kalifornien – Temecula 1846, Sacramento River 1846, Clear Lake 1850, Old Shasta 1851, Bridge Gulch 1852 etc. p. p., die verheerenden Pockenepidemien 1775-1782 und 1836-1840 beruhten auf der Fahrlässigkeit und Geschäftemacherei weißer Handeltreibender.

Der Homestead Act (1862) und der Pacific Railroad Act (1862) hätten eine nie dagewesene Woge der Bodenprivatisierung begründet und die riesige Region des amerikanischen Westens binnen weniger Jahrzehnte in die industrielle Moderne katapultiert – und das Ende der restlichen noch freien indianischen Nationen der Great Plains eingeläutet, ein blutiges Ende. Mattioli verweist auf die gewalttätige Niederschlagung des sogenannten Aufstands der Dakota 1862-63, auf das Sand-Creek-Massaker an den Cheyenne und Arapaho 1864 und auf die Zwangsumsiedlung der Navajo 1864.

Zwangsweise assimiliert

Rückblickend zeige sich ein schonungsloses Vorgehen. Zur Zerstörung der Lebensgrundlage zähle auch das Abschlachten der einst riesigen Bisonherden während der Jahre von 1866 bis 1876. Deren robustes Leder sei unter den Bedingungen kapitalistischer Marktwirtschaft zu einem weltweit nachgefragten Produkt geworden. Dass der Bison nicht nur eine Nahrungs-, sondern die kulturelle Lebensgrundlage der First Nations war, fiel nichts ins Gewicht.

Die verbliebenen Angehörigen der First Nations wurden nach fünfundwanzigjährigen Kriegen in Reservaten zusammengefasst mit dem Ziel der Assimilation in die amerikanische Gesellschaft; der Dawes Act 1887 habe ihnen zwar privaten Grundbesitz zugeteilt, die kapitalistischen Denk- und Arbeitsmuster seien ihnen jedoch letztlich fremd geblieben, zumal die ihnen zugewiesenen Böden karg und wenig fruchtbar gewesen seien. Elend und Armut hätten das Leben geprägt.

Vom Triumphalismus der Sieger

Kinder seien eingeschult worden, oft in Internate, die außerhalb der Reservate lagen und die Kinder ihren Familien dauerhaft entzogen – ein Programm zur gänzlichen Eliminierung der von den weißen Amerikanern verachteten Kultur, und die Darstellung der Details ist erschütternd zu lesen. Diese Internate existierten in den USA bis zum Ende des Kalten Krieges, also bis weit ins Zwanzigste Jahrhundert.

Abschließend zeigt Aram Mattioli mit Verweis auf Frederic Remington (1861-1909), Bill Cody/Buffalo Bill (1846-1917) und John Wayne (1907-1979) die Aufarbeitung dieser Jahrzehnte durch die herrschende ›weiße‹ Kultur – eine triumphalistische Legendenbildung seitens der ›Sieger‹.

An dieser Wir-sind-die-Herren-der-Welt-Attitüde hat sich, wie wir wissen, bis zum heutigen Tag nichts geändert; die mörderische und durch Lügen gerechtfertigte Invasion in ›Schurkenstaaten‹ verlief nach demselben Grundmuster. Wer weiß, was noch bevorsteht. Aram Mattiolis Untersuchung dekonstruiert die Legenden der westlichen Welt und hilft uns, unser eigenes Verständnis für das reale Geschehen zu schärfen.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Aram Mattioli: Verlorene Welten
Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700 – 1910
Stuttgart: Klett-Cotta 2017
464 Seiten, 26 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Das Elbe vom Ei

Nächster Artikel

Concrete Deserts & Outerspace Blues: New Album Reviews

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Den Blick für die Wirklichkeit öffnen

Gesellschaft | Götz Eisenberg: Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus   Seine Eindrücke sammelt Götz Eisenberg oft dort, wo das Grauen am auffälligsten zutage tritt: an der ›Coolness‹ unserer Sprache, die Zeugnis ablegt von einem befriedeten, glatten Alltag, dessen etwaige Dellen und Rostbeulen sogleich von allgegenwärtigen »Ingenieuren der Seele« (Joseph Stalin) eingeebnet werden. Von WOLF SENFF 

Ein Kimono ist auch bloß ein Dirndl

Kulturbuch | Matthias Politycki: Schrecklich schön und weit und wild Verreisen ist zu einem Volkssport geworden. Sobald man aus der Haustür tritt, sieht man Menschen, die zumindest einen Rollkoffer hinter sich herziehen. Auch Matthias Politycki ist viel herumgekommen und fand es ›Schrecklich schön und weit und wild‹. Seine Kulturgeschichte des modernen Reisens beschäftigt sich mit der Frage: Was treibt uns eigentlich in die Ferne? INGEBORG JAISER folgt ihm gemütlich vom heimischen Sofa aus.

Deutschland, Europa und die Welt

Gesellschaft | Ulrich Beck: Das deutsche Europa

Ein offenkundiger Widerspruch treibt mehrere Autoren zurzeit um: der Widerspruch zwischen dem von maßgeblichen Politikern gewollten Europa und der zunehmenden Skepsis in großen Teilen der Bevölkerung. Ulrich Beck liefert mit seinem Essay Das deutsche Europa, erschienen in der edition suhrkamp digital, die sozialdemokratische Antwort, meint THOMAS ROTHSCHILD

Geschichte neu schreiben

Gesellschaft | Noam Chomsky: Die Herren der Welt Der in Philadelphia, Pennsylvania, geborene Noam Chomsky lebte sein erstes Leben als erfolgreicher und angesehener Sprachwissenschaftler der USA, er revidierte die traditionelle Grammatik von Grund auf. Durch den Vietnamkrieg wurde er zum Dissidenten. Er erwarb sich weltweites Ansehen, wurde in den USA mehrmals inhaftiert, zum ersten Mal 1967 anlässlich einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg, und ist heute eine Leitfigur des Widerstands gegen die gedankenlose Fortsetzung herkömmlicher Politik. Von WOLF SENFF

Über die Entzauberung des Genies

Kulturbuch | Bas Kast: Und plötzlich macht es Klick! Der Psychologe Bas Kast möchte mit ›Und plötzlich macht es Klick! Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen‹ den althergebrachten Nimbus der Genialität entzaubern. Was zeichnet einen kreativen Menschen aus und weshalb gibt es so wenige davon? Bas Kast erläutert Funktionsweisen eines kreativen Gehirns und gibt all denen Hoffnung, die ihr bislang wenig kreatives Leben etwas aufmöbeln möchten. VIOLA STOCKER ging in die Schule der Genies.