//

Deutschland, Europa und die Welt

Gesellschaft | Ulrich Beck: Das deutsche Europa

Ein offenkundiger Widerspruch treibt mehrere Autoren zurzeit um: der Widerspruch zwischen dem von maßgeblichen Politikern gewollten Europa und der zunehmenden Skepsis in großen Teilen der Bevölkerung. Ulrich Beck liefert mit seinem Essay Das deutsche Europa, erschienen in der edition suhrkamp digital, die sozialdemokratische Antwort, meint THOMAS ROTHSCHILD.

Das deutsche EuropaDie unerfreuliche, ja beängstigende Wiederkehr eines längst ausgestorben geglaubten, zum Teil militanten Nationalismus in mehreren europäischen Staaten steht in diametralem Gegensatz zu den Bemühungen einer europäischen Integration und ist zugleich gerade deren Folge. Es reicht nicht, diese Reaktionen zu verdammen. Ihre Ursachen müssen ernst genommen, die Gegenargumente plausibel gemacht werden. Denn sie enthalten weit mehr Sprengstoff als nur die Perspektive eines Auseinanderfallens der europäischen Gemeinschaft, eines Scheiterns der europäischen Vision oder, enger gefasst, ihrer gemeinsamen Währung.

Ulrich Beck, den die Nähe zu Gerhard Schröder nicht ganz unbegründet in den Verdacht gebracht hat, so etwas wie der SPD-Ideologe zu sein, sagt gleich zu Beginn seiner kleinen Schrift, die er für Suhrkamps aktuelle, unsinnigerweise »digital« genannten Reihe verfasst hat: »Europa ist deutsch geworden« – und er meint das nicht euphorisch. Dass Deutschland aufgrund seiner ökonomischen Macht die europäische Politik und, wiederum enger, das Schicksal des Euros weitgehend bestimmt, ist nicht nur eine Tatsache, es wird sogar von vielen ausländischen Politikern und Kommentatoren gewünscht. Deutschland trägt eine Verantwortung, die es sich einerseits anmaßt, die ihm aber andererseits auch aufgedrängt wird.

Die Macht der Bundeskanzlerin

Zu den Problemen, die Beck benennt, gehört eine Sparpolitik, die von den Regierenden, nicht aber von der Bevölkerung gewollt wird. Grundsätzlich freilich unterscheidet sich die mangelnde Bereitschaft, etwa zugunsten Griechenlands auf einen Teil des Wohlstands zu verzichten, nicht von dem Unmut, mit dem Westdeutsche ihre Solidaritätsabgabe für jene bezahlen, die bis 1989 in Festtagsreden als Schwestern und Brüder im Osten angesprochen wurden. Und so gerne man Ulrich Beck und dem verbreiteten Konsens folgt, dass der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts politisch überholt und Europa dagegen ein Fortschritt sei, ergibt sich doch die Frage: warum Europa? Warum nicht die Welt als Gemeinschaft?

Sind die Gemeinsamkeiten, die die europäischen Staaten von den außereuropäischen Staaten unterscheiden, wirklich zwingender als die Gemeinsamkeiten, die Deutsche von Engländern, Franzosen von Polen unterscheiden? Und könnte ein wirtschaftlich dominantes Europa nicht neue Konflikte mit einem aufstrebenden Asien, mit einem sich zu Recht diskriminiert fühlenden Afrika heraufbeschwören? Globale Verbindungen sind doch, jedenfalls in der Wirtschaft, längst einflussreicher als europäische. Und die Probleme der Zukunft – man denke nur etwa an den Klimawandel – sind im begrenzten europäischen Rahmen nicht lösbar. Was spricht, wenn man an die Vorteile einer gemeinsamen Währung glaubt, gegen eine Weltwährung?

Dass »die einschneidenden Ereignisse und Trends der letzten Jahrzehnte (…) in ihrem Charakter und ihren Folgen global« waren, weiß natürlich auch Ulrich Beck, aber er kehrt immer wieder, ohne weitere Begründung, zu Europa zurück. Er beschreibt die Macht, die die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel innerhalb Europas ausübt, und er benennt jenen Umstand, der keinem politisch halbwegs interessierten Zeitgenossen verborgen geblieben ist, der aber eine konsequente Europapolitik erschwert: »Man kann heute das genaue Gegenteil von dem tun, was man gestern verkündet hat, wenn es die eigenen Chancen bei der nächsten Wahl erhöht.« Das gilt freilich nicht nur für Merkel und nicht nur für deutsche Politiker.

Die Schwäche der Europäischen Union

Manche Sätze werden so häufig phrasenhaft wiederholt, dass man sich fragt, ob da etwas suggeriert werden soll, was für sich genommen nicht überzeugt. Einen dieser Sätze erspart uns auch Ulrich Beck nicht: »Der Europäischen Union ist das Wunder gelungen, aus Erzfeinden Nachbarn zu machen.« Verdankt sich der genannte Wandel wirklich der Europäischen Union? Wäre er ohne diese nicht denkbar, nicht möglich gewesen? Gibt es nicht genug Beispiele in der Geschichte, dass aus Erzfeinden Nachbarn wurden, ohne dass eine Europäische Union ein Wunder vollbringen musste? Der Kalte Krieg wurde jenseits der Europäischen Union beendet. Die Gründe und Voraussetzungen dafür waren gewiss vielfältig, aber einer Wirtschaftsgemeinschaft bedurfte es nicht. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die litaneihafte Beschwörung der Europäischen Gemeinschaft als Bedingung für die Erhaltung des Friedens weniger einer Tatsache, als einem Rechtfertigungsversuch gegenüber Kritik an der EU entspricht. Zu irgendetwas muss sie schließlich gut sein, wenn so Vieles offensichtlich schiefläuft.

Wenn Beck in einer Klammer darauf hinweist, dass Ungarn sich einem »strengen Blick aussetzt«, weil es die Pressefreiheit nicht achtet, dann belegt das nicht den Erfolg, sondern die Schwäche der Europäischen Union. Alle ökonomischen Druckmittel, die man zudem nur zögerlich anwendet, reichen nicht aus, um ein Mitglied zur Einhaltung eines für die Demokratie unverzichtbaren Grundsatzes zu zwingen. Im Zweifel amüsiert es sich über einen »strengen Blick« wie ein unfolgsamer Knabe, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Das aber führt ins Zentrum der Problematik eines Europas, das sich lediglich als ökonomische, nicht als demokratischen und sozialen Werten verpflichtete Gemeinschaft begreift.

Die deutsche Sozialdemokratie und der Merkiavellismus

Ganz am Ende seines Essays gerät das Prekariat in Ulrich Becks Blick. Für die Opfer der Sparpolitik hat der Soziologe ein Rezept: »Sie müssen durch die Grenzen hindurch kooperieren und sich gemeinsam nicht für weniger Europa einsetzen, sondern von unten für eine politische, sozialdemokratischen Grundsätzen verpflichtete Union kämpfen, da allein diese in der Lage wäre, den Ursachen der Misere wirkungsvoll zu begegnen.« Da ist er wieder, der einstige Berater von Gerhard Schröder. Dass die sozialdemokratischen Grundsätze das Heil versprechen, darf leise bezweifeln, wer sich daran erinnert, dass Schröder einst genau jene, die sein Freund hier anfeuert, als »Sozialschmarotzer« diffamiert hat. So weit, wie Ulrich Beck es vielleicht suggerieren möchte, ist die deutsche Sozialdemokratie vom Merkiavellismus nicht entfernt.

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Ulrich Beck: Das deutsche Europa. Neue Machtlandschaften im Zeichen der Krise.
Berlin: Suhrkamp 2012
80 Seiten, 7,99 Euro (eBook 6,99 Euro)
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kunstvoll rund wie die Null

Nächster Artikel

Home! Sweet Home!

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Ein Buch, das erschüttert

Gesellschaft | Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen Sie lesen gerne in der Bahn oder im Bus auf dem Weg zur Arbeit? Und das kleine »Büchelchen« mit den 110 Seiten scheint Ihnen eine gute Lektüre zu sein? Vielleicht überdenken Sie dies noch einmal, oder weinen Sie gerne in der Öffentlichkeit? TANJA LINDAUER über Marceline Loridan-Ivens Roman ›Und du bist nicht zurückgekommen‹.

Vom Cowboy und der Barbie

Gesellschaft | Georg Seeßlen: Trump! Populismus als Politik Die Klischees der Figur des Donald Trump sind rasch aufgezählt: Rebell gegen das etablierte Politikgeschäft, Selfmademan, Clown, Western-Held, und schließlich der Macho als Revival eines Patriarchats, in dessen mildem Abglanz sich die dazugehörige Frau als ungebildet, strohdumm und absolut ignorant inszeniert. Reicht das nicht schon? Von WOLF SENFF

Im Zeitalter der Extreme

Gesellschaft | Ernst Piper: Diese Vergangenheit nicht zu kennen heißt, sich selbst nicht zu kennen

In einer Selbstbeschreibung des Historikers Ernst Piper heißt es: »In meinem gesamten Berufsleben ging es immer um Bücher. Ich habe Bücher gelesen, begutachtet, lektoriert, redigiert, rezensiert, herausgegeben, vermittelt, verlegt und einmal sogar gedruckt.« Sein erstes Buch ist 1978 erschienen, inzwischen sind ein Dutzend weitere dazu gekommen. Daneben ist Piper in seinem historischen Fachgebiet Neuere und Neueste Geschichte sowohl als Rezensent wie auch als Publizist tätig. Im Jahr 2018 erschien seine viel beachtete und herausragende Biographie über die Revolutionärin Rosa Luxemburg und bereits 2005 seine Biographie über Alfred Rosenberg, den Chefideologen Hitlers. Von DIETER KALTWASSER

Die Demokratie wird im Alltag gerettet

Gesellschaft | Jürgen Wiebicke: Zehn Regeln für Demokratie-Retter Das Buch ›Zehn Regeln für Demokratie-Retter‹ von Jürgen Wiebicke ist mit 112 Seiten nicht dick, aber sein Inhalt ist gewichtig. Denn das Buch geht ganz explizit auf die jüngsten politischen Verschiebungen ein und gibt Hinweise, wie man damit umgehen kann. Es zeigt: Moralische Empörung hilft nicht und führt eher zum Gegenteil, wie der Rechtsruck bei der letzten Bundestagswahl (2017) klar gemacht hat. Von BASTIAN BUCHTALECK

Die digitale Revolution

Gesellschaft | Matthias Bernold / Sandra Larriva Henaine: Revolution 3.0 Jeder Protest stützt sich auf Waffen. Dazu zählen nicht nur Gewehre und Bajonette: Mit ihren Holzschuhen, »Sabots« genannt, zertrampelten Bauern einst die Ernte, um gegen übermäßige Steuern und Abgaben ihrer Herren zu protestieren. Swingmusik, lange Mäntel und Sonnenbrillen symbolisierten den Protest der »Zazou« gegen das französische Vichy-Regime. Cyber-Rebellen kämpfen heute in der ›Revolution 3.0‹ mit virtuellen Waffen. JÖRG FUCHS wirft mithilfe des gleichnamigen Buchs von Matthias Bernold und Sandra Larriva Henaine einen Blick auf die Motivationen und Mittel digitaler Freiheitskämpfer, bloggender Rebellen und anonymer Aktivisten.