/

Emigrant, Flüchtling, Mensch

Menschen | Zum Tod des israelischen Schriftstellers Aharon Appelfeld

»In den späten fünfziger Jahren gab ich meinen Wunsch auf, ein israelischer Schriftsteller zu werden. Stattdessen bemühte ich mich, das zu sein, was ich war – ein Emigrant, ein Flüchtling, ein Mensch, der das Kind der Kriegsjahre in sich trug«, erklärte Aharon Appelfeld vor einigen Jahren in einem Interview. Von PETER MOHR

Appelfeld - Meine Eltern - 978-3-7371-0031-1 350Darin steckt die ihm ureigene Mischung aus Koketterie und Understatement, denn tatsächlich war Appelfeld einer der erfolgreichsten israelischen Schriftsteller. Über 40 Bücher, die in 35 Sprachen übersetzt wurden, hat er verfasst – zuletzt sein im Herbst erschienenes Erinnerungsbuch ›Meine Eltern‹.

Appelfelds großes Thema war die jüdische Tragödie, die er in vielen fragmentarischen, mit schlimmen Zäsuren versehenen Lebenswegen erzählend rekonstruierte und wie Scherben wieder zusammenzusetzen versuchte. Besonders eindrucksvoll gelang ihm dies in ›Tzili‹ (1989), in dem er von einem jungen Mädchen erzählt, das von seinen Eltern getrennt wird und sich als Magd bei Bauern durchschlägt.

Aharon Appelfeld, der am 16. Februar 1932 in Zhadova (in der Nähe von Czernowitz) als Erwin Appelfeld in einer gut situierten jüdischen Familie geboren wurde, verlor als Achtjähriger seine Mutter, die von rumänischen Faschisten umgebracht wurde. Mit seinem Vater wurde er in Arbeitslager deportiert, wo er seine jüdische Identität verleugnete. »Ich war blond und blauäugig«, hat Appelfeld später erklärt, nachdem er als Küchenjunge der Roten Armee überlebt und Palästina erreicht hatte.
Die leidvollen Kindheitserinnerungen sind immer wieder in seine literarischen Werke eingeflossen. So lässt er sein Erinnerungsbuch ›Geschichte eines Lebens‹ (2005) mit einer Szene beginnen, in der er als Kind frische Erdbeeren mit Puderzucker und Sahne genießt.

Das jüdische Leben in einer multikulturellen Gesellschaft war ein weiteres zentrales Sujet in seinem umfangreichen Oeuvre. Im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Schriftstellern (er wurde oft mit dem ungarischen Nobelpreisträger Imre Kertész verglichen) hat sich Nelly-Sachs-Preisträger Appelfeld literarisch nie explizit mit dem Holocaust beschäftigt. Über seinen schwierigen Weg als Schriftsteller berichtete er in ›Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen‹ (2012) .

Appelfeld, der bis ins hohe Alter ein eigenwilliges Deutsch sprach, hat seine Werke in Iwrit verfasst, seine »Stiefmuttersprache«, wie er es nannte. Auch Stiefmütter können gute Mütter sein, ergänzte Appelfeld oft in diesem Kontext.

Der leidenschaftliche Kaffeehausbesucher Appelfeld, der von 1975 bis zu seiner Emeritierung 2001 Professor für hebräische Literatur an der Ben-Gurion-Universität gewesen ist, hat stets sein Umfeld sezierend beobachtet: »Die Leute sind arm, aber sie sind nicht arm, denn sie haben ein geistliches Leben«, konstatierte er in einem Interview vor einigen Jahren über die orthodoxen Juden aus seinem Umfeld. Trost und Lebensmut aus dem Glauben schöpfen, auch das war eine Facette aus Aharon Appelfelds Credo.

Gestern ist der große israelische Erzähler und Erinnerungskünstler in Jerusalem im Alter von 85 Jahren verstorben.

| PETER MOHR
| Abb: Jwh at Wikipedia Luxembourg, Aharon Appelfeld, Aharon Appelfeld, Rencontre et entretien Marc Rettel-003, CC BY-SA 3.0 LU

Lesetipp
Aharon Appelfeld: Meine Eltern
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Berlin: Rowohlt Verlag 2017
272 Seiten, 22,95 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der schonungslose Kampf des Lebens

Nächster Artikel

Wir wünschen Erfolg

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Eloquenz und Kalauer

Menschen | Zum 80. Geburtstag des kulturellen Tausendsassas Hellmuth Karasek »Manchmal fürchtete ich schon, ich schreib mich in eine Depression hinein«, bekannte Hellmuth Karasek über die Arbeit an seinem 2006 erschienenen Band Süßer Vogel Jugend. Der kulturelle Tausendsassa mit der stark ausgeprägten Affinität zur Selbstironie sprüht aber immer noch vor Tatendrang und hat im letzten Frühjahr unter dem Titel Frauen sind auch nur Männer einen Sammelband mit 83 Glossen aus jüngerer Vergangenheit vorgelegt. Sogar prophetische Züge offenbart Karasek darin, sagte er doch den Niedergang der FDP schon zwei Jahre vor der letzten Bundestagswahl voraus. Von PETER MOHR

Der Sommer der Ressentimentalisten

Thema | Martin Walsers ›Tod eines Kritikers‹

Ich ging in die Ferien, als die jüngste Walserei ausbrach. Dort, wo ich mich rund 3 Wochen aufhielt, im Süden Frankreichs, wäre es schwierig gewesen, an deutsche Blätter zu kommen. Ich habe es nicht versucht – um meinen »Seelenfrieden« (Martin Walser) wenigstens im Urlaub zu bewahren. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Erinnerungen einer Unbequemen

Menschen | Marianne Birthler: Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben Fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall analysieren prominente Gesichter Ursachen und Folgen der deutschen Wiedervereinigung. Marianne Birthler ist eine der bekanntesten Figuren auf dem Schachbrett der deutsch-deutschen Geschichte. Sei es als Oppositionelle in Ostberlin, als Abgeordnete der Bündnisgrünen im Deutschen Bundestag oder schließlich als Hüterin der menschenverachtenden Dokumente des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Ihre Erinnerungen lesen sich als bewegendes Dokument des kollektiven Gedächtnisses einer wiedervereinten Nation. VIOLA STOCKER hörte zu.

Mysterien und Maskenbälle

Menschen | Willi Jasper: Carla Mann Carla Mann gehörte zu den wenig bekannten Mitgliedern der großen Künstler- und Schriftstellerfamilie, wenngleich ihr tragisches Leben von den Brüdern Heinrich und Thomas literarisch mehrfach verwertet und vermarktet wurde. Nun legt der Kulturwissenschaftler Willi Jasper eine aufschlussreiche, bemerkenswert recherchierte Biographie vor. Von INGEBORG JAISER

Auf dem Weg in den Pophimmel

Comic | Reinhard Kleist: Starman

David Bowie ist als Pop- und Rockstar eine Legende, mit seinem androgynen Look und seinen psychedelisch anmutenden Liedern hat er sich einen festen Platz im Pophimmel und in den Herzen seiner Fans erspielt. Der Auftritt mit schrillen Haaren und den bunt schillernden Kostümen des aus dem All auf der Erde gelandeten Ziggy Stardust machte Bowie bekannt – und verlieh ihm eine Bekanntheit, die bis heute anhält. Reinhard Kleist zeichnet in seiner Graphic Novel ›Starman‹ die frühen Jahre David Bowies in London nach. Von FLORIAN BIRNMEYER