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Stillezufuhr in der Picardie

Menschen | Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Peter Handke

Peter Handke liebt das Extreme. Mit seinem umfangreichen literarischen Werk und seinen spektakulären öffentlichen Auftritten hat er stets – und dies bewusst – polarisiert. Reichlich Aufsehen erregte er auch durch seine (kaum nachvollziehbare) Nähe zum serbischen Diktator Slobodan Milosevic. Zum seinem 75. Geburtstag am 6. Dezember erschien das opulente Epos ›Die Obstdiebin‹. Von PETER MOHR

Peter Handke - ObstdiebinAuch an seinem »letzten Epos«, wie Handke sein jüngstes Werk selbst bezeichnete, werden sich wieder einmal die Geister scheiden. Es ist ein Buch über alles und nichts, das mit diversen Querverweisen auf frühere Werke (u.a. ›Versuch über die Jukebox‹, 1990 und ›Bildverlust‹, 2002) ausstaffiert ist. In einer Mischung aus Gesang, Meditation und Prosagebet lässt Handke einen namenlosen Ich-Erzähler als Flaneur durch die Straßen von Paris streifen, durch seine viel beschworene ›Niemandsbucht‹.

Später taucht die Obstdiebin Alexia auf, eine seltsame Mischung aus Heilige und Sünderin. Sie stammt aus der unendlichen Ferne des realen Sibiriens und mutet doch wie ein paradiesisches Wesen an, eine moderne »Seherin«, der einen digitalen Textband in einer Art Dauerschleife vor den Augen erscheint. Sie reist von Paris aus in die Abgeschiedenheit der Picardie, wo Handke seit einigen Jahren einen Zweitwohnsitz als eine Art Rückzugsort hat – getrieben von einer mysteriösen Sehnsucht nach ›Stillezufuhr‹. Das erinnert auch an das schmale Bändchen ›Versuch über den stillen Ort‹ (2012), in dem Handke die Toilette als Zufluchtsort im doppelten Sinn beschrieb – als einen der letzten Plätze des Alleinseins und damit auch ein Ort der inneren Einkehr und Meditation.

Hin und wieder gibt sich sogar der ewig zornige, gealterte Rebell in der ›Obstdiebin‹ zu erkennen, etwa wenn er über die Journalisten verbal herfällt: »Geheimbündler und Verschwörer einer Elite, die niemand braucht, und eine Macht, die es längst nicht mehr gibt. Verschont uns wenigstens hier, in der Wirklichkeit.«

Das erinnert tatsächlich ein wenig an den rebellischen Gestus aus Handkes literarischer Anfangszeit. Als junger Mann brüskierte er 1966 die arrivierte deutschsprachige Literatengilde der Gruppe 47 auf ihrer Jahrestagung in Princeton und attestierte der Nachkriegsliteratur eine Beschreibungsimpotenz.

Ein Mann von 23 Jahren, der gerade seinen ersten Roman ›Die Hornissen‹ durch Alfred Kolleritschs Fürsprache beim Suhrkamp Verlag veröffentlicht hatte, zog Heinrich Bölll, Günter Grass, Alfred Andersch, Peter Weiss und all die anderen renommierten Autoren durch den Orkus. »Die Sprache bleibt tot, ohne Bewegung, dient nur als Namensschild für die Dinge«, lautete sein Vorwurf – nachzulesen im 1972 erschienenen Essayband ›Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms.‹

Peter Handke, der am 6. Dezember 1942 in Griffen (40 km östlich von Klagenfurt) als uneheliches Kind in kleinbürgerlichen Verhältnissen (er selbst bezeichnete sich als »Kleinhäuslersohn«) geboren wurde, besuchte zunächst das katholische Internat in Tanzenberg, dann ein Gymnasium in Klagenfurt. Erst kurz vor Beginn seines Jurastudiums in Graz, das er 1966 nach seinen ersten literarischen Erfolgen abbrach, erfuhr Handke, dass der Ehemann seiner Mutter nicht sein leiblicher Vater ist. Die Finanzierung seines Studiums erfolgte über ein Stipendium, über erteilte Griechisch-Nachhilfe und einen Nebenjob in einem Versandhaus. Durch diese Arbeit bei grellem Neonlicht stammt Handkes Augenleiden, gegen das ihm ein Arzt eine Brille mit dunklen Gläsern verschrieb – das Markenzeichen des jungen Handke, der 1973 durch die Verleihung des Georg-Büchner-Preises endgültig literarisch geadelt wurde.

Eine ganze Generation Gymnasiasten und Studenten wurde mit den Handke-Büchern ›Die Angst des Tormanns beim Elfmeter‹ (1970/später verfilmt von Wim Wenders), ›Wunschloses Unglück‹ (1972), ›Der kurze Brief zum langen Abschied‹ (1972) und ›Die linkshändige Frau‹ (1976/Handke schrieb später auch das Drehbuch zur Verfilmung) literarisch sozialisiert. In den 70er Jahren war aus dem »enfant terrible« eine Art Pop-Star der Literaturszene geworden, der stets prominente Frauen an seiner Seite hatte: die Schauspielerinnen Libgart Schwarz und Sophie Semin (mit denen er jeweils eine Tochter hat), Jeanne Moreau und Katja Flint.

»Der größte Erfolg war ganz einfach der, dass ich schreiben konnte und publiziert wurde. Sich die Zeit zu nehmen, sie fruchten zu lassen, das ist schon ein Erfolg«, erklärte Handke in einem Interview rückblickend auf seine Anfangsjahre. Und wir dürfen heute (fast) sicher sein, dass die ›Obstdiebin‹ nicht das »letzte Epos« des großen, leicht kauzigen Individualisten Peter Handke ist.

| PETER MOHR

Titelangaben
Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere
Berlin: Suhrkamp Verlag 2017
559 Seiten, 34 Euro
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