/

Nicht mit dir und nicht ohne dich

Kulturbuch | Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles

 
Um ihr Leben ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden: Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Wie nahe Anziehung und Abstoßung, Verletzungen und Verzeihen beieinanderliegen, auch wenn sich die Unmöglichkeit der Nähe abzeichnet, zeigt Helmut Böttiger in seinem facettenreichen Doppelporträt ›Wir sagen uns Dunkles‹. Von INGEBORG JAISER

Böttiger Wir sagen uns DunklesZeit ihres Lebens konnten Ingeborg Bachmann und Paul Celan ihre große, tragische Liebesbeziehung geheim halten, auch wenn beide zu den einflussreichsten Dichtern der Nachkriegszeit gehörten. Bei aller Unmöglichkeit des Zusammenlebens hatten ihre unterschiedlichen Biographien doch eine beträchtliche gemeinsame Schnittmenge. Der unverrückbare Glaube an die Literatur als essenzielle Lebensgrundlage war beiden Schriftstellern gemein – und wurde so auch zu ihrem Verhängnis. Nach dem erst vor zehn Jahren erschienenen Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan zeichnet der Literaturwissenschaftler und Kritiker Helmut Böttiger nun erstmals durchgängig eine vielschichtige Chronik dieser jahrzehntelangen Beziehung auf.

Partisan der Poesie

 
Als sich Bachmann und Celan im Frühjahr 1948 in Wien begegnen, hätten ihre Vorgeschichten kaum widersprüchlicher sein können. Hier die bald promovierende 22jährige Philosophiestudentin Ingeborg Bachmann, die aus einem behüteten Bildungsbürgermilieu Klagenfurts kommt, deren Vater jedoch NSDAP-Mitglied war. Dort der fünf Jahre ältere, aus dem rumänischen Czernowitz stammende, staatenlose Jude Paul Celan, der selbst nur knapp dem Holocaust entronnen ist und dessen Eltern in Vernichtungslagern umkamen.

Letztendlich dem Sehnsuchtsort Paris zustrebend, strandet Celan für kurze Zeit in Wien. Dort trifft der bereits als Lyriker bekannte »Partisan der Poesie« auf eine kokette Ingeborg Bachmann, die als damalige Geliebte eines fast doppelt so alten Literaturfunktionärs das »neckische Wiener Mädel« spielt. »Er hat die nationalsozialistischen Lager überlebt, sie ist eine vom Leben begünstigte Österreicherin.«

Bachmann und Celan verbringen noch sechs gemeinsame Wochen zusammen, für die es jedoch keine unmittelbaren Belege gibt. Was letztendlich in dieser Zeit geschah, lässt sich nur aus späteren Briefen und Gedichten, literarischen Anspielungen und gegenseitigen Bezügen ableiten. Oder, wie es Böttiger zusammenfasst: »Diese sechs Wochen sind der rätselhafte Kern ihrer Beziehung, ihr privater Mythos und der Quell unzähliger späterer Zuschreibungen.«
 

Mohn und Gedächtnis

 
Hier setzt Böttigers Doppelbiographie an, die er lapidar auf den Punkt bringt: »Während man von Celan lange Zeit so gut wie gar nichts wusste, wusste man von Bachmann fast zu viel.« Mal galt sie – die Meisterin der Rollenspiele – als scheues Rehlein mit brüchiger Stimme und nervös flackernden Lidern, mal als sphinxhafte Diva, geschickte Strategin oder Identifikationsfigur der Emanzipationsbewegung. Bei Celan dagegen drängt sich sofort seine düster-theatralische Deklamation der Todesfuge auf, die einem wohl zeitlebens eiskalte Schauer über den Rücken jagen wird. In ›Wir sagen uns Dunkles‹ (ursprünglich eine Zeile aus Celans Gedicht ›Corona‹) widmet sich Helmut Böttiger in über einem Dutzend Kapiteln wechselweise mal Bachmann, mal Celan – gleichberechtigt, ruhig abwägend, ohne voreilige Schlüsse, doch mit einigen Überraschungen. Stets stehen die poetischen Aussagen und sich gegenseitig zitierenden, korrespondierenden Bezüge der beiden Lyriker im Mittelpunkt, lassen sich aus ihrem literarischen Zwiegespräch doch komplette Liebes- und Lebensentwürfe ableiten.

Aber diese vermeintliche gemeinsame Basis ist nicht tragfähig, beruht sie doch auf diametralen Voraussetzungen. In einer harschen, brieflichen Zurückweisung formuliert dies Celan, der ewig unter der Last des Holocaust-Überlebenden leidet, recht brüsk: »Du hast bisher mehr vom Leben gehabt, Inge, als die meisten Deiner Altersgenossen. Keine der Türen ist Dir verschlossen geblieben, und immer wieder tut sich Dir eine neue Tür auf. Du hast keinen Grund, ungeduldig zu sein, Ingeborg, und wenn ich eine Bitte äußern darf, so ist es gerade diese: Denk, wie rasch alles Dir zu Gebote steht. Und sei nun ein wenig sparsamer mit deinen Ansprüchen.«
 

Shooting-Star und Cover-Girl

 
Als mächtigen Dreh- und Angelpunkt stellt Böttiger die Treffen der Gruppe 47 dar. »Die Tagung der Schriftstellervereinigung in Niendorf 1952 war für Ingeborg Bachmann und Paul Celan ein einschneidendes Ereignis. Beide traten hier zum ersten Mal in Deutschland auf, es war ihr erster Kontakt mit dem bundesdeutschen Literaturbetrieb […].« Bachmann, die durch einen geschickten Coup zu den geladenen Dichtern gehört, sorgt dafür, »auch gleich Paul Celan ins Spiel zu bringen.«

Die Liebesbeziehung der beiden ist damals niemandem bewusst, erst recht nicht die Worte, Zitate, gegenseitigen Bezüge, die sie sich in den gelesenen Gedichten coram publico zuspielen. Kein Wunder, dass Ingeborg Bachmann angesichts dieser Ungeheuerlichkeiten die Stimme bricht – und schließlich ein Kollege ihre Texte vortragen muss. Auch Celans Gedichte müssen ein zweites Mal von einem Mitstreiter vorgelesen werden, wenngleich aus ganz anderem Grund: Sein theatralischer Vortrag sorgt bei den Anwesenden durchweg für verständnisloses Befremden.

Letztendlich ist das Glück auf Ingeborg Bachmanns Seite: Bereits im darauffolgenden Jahr erhält sie den Preis der Gruppe 47, reüssiert als Fräuleinwunder der deutschen Literatur und gelangt 1954 als Cover-Girl mit tiefrot geschminktem Lippenstiftmund auf die Titelseite des ›Spiegels‹. Nur die Liebe will ihr niemals so recht gelingen. Vor allem nicht an der Seite von Celan, »weil wir aus unbekannten, dämonischen Gründen uns gegenseitig die Luft wegnehmen«, wie sie es selbst formuliert.

So mythenumrankt und vielschichtig durchbrochen das Leben von Bachmann und Celan auch war, so beachtenswert ist Böttigers Leistung, die durchgehenden, sich gegenseitig verschränkenden Leitmotive der beiden Lyriker herauszustellen. In der aufmerksamen Interpretation ihrer Texte liegt der Schlüssel zu ihren Biographien. Die vieldeutige Sprachgewalt mancher Gedichtzeilen dürfte nach der Lektüre von ›Wir sagen uns Dunkles‹ klarer denn je aufscheinen. Und auch die Unmöglichkeit des Zusammenlebens von zwei getriebenen Seelen und im Herzen unbehausten Heimatlosen.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles
Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan
München: Deutsche Verlagsanstalt 2017.
269 Seiten. 22,00 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Muss das so sein?

Nächster Artikel

»Berühmt werden – etwas anderes wollte ich nie«

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Ein Totentänzchen geschafft

Lyrik | Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß Paradiesvogelschiß heißt der letzte Gedichtband Peter Rühmkorfs. Kurz nach der Publikation ist der Achtundsiebzigjährige im Juni gestorben. Als seine lyrische Abschiedsvorstellung war das Buch wohl auch gedacht. Neben letzten Gedichten enthält es vornehmlich gereimte und ungereimte Selbstgespräche und Merkverse, Sentenzen und Aphorismen aus dem Nachlass zu Lebzeiten des Dichters von ihm selbst seiner Werkstatt entnommen. Von WOLFRAM SCHÜTTE PDF erstellen

Außerdienst-Stellung eines Oberhemds

Lyrik | Peter Engel: Außerdienststellung eines Oberhemds

Jahrelang hast du mich ertragen,
während ich deinen schönen Stoff trug,
deine Baumwolle war nachhaltig
und hat mich temperiert,
mit dir fühlte ich mich besser
als mit anderen deiner Art.

Den Worten verfallen

Lyrik | Peter Engel: Den Worten verfallen

Schon am Morgen der starke Rausch,
wenn die Einfälle kommen
beim Erwachen und mich erste
Worte hin zum Schreibtisch ziehn,
wenn sie mich nötigen,
ihnen genug zu tun auf dem Blatt.

Little Indie-Core Ride

Musik | Energie und Zauberformeln in Songs und Poetry »…two made one by music, bodied edge gone up into air, aura, atmosphere the garment we wore. We were on a ship’s deck dancing, drawn in a dream…« (›On Antiphon Island‹, Mackey) PDF erstellen

Nichts geht mehr

Lyrik | Martin Jürgens: Nichts geht mehr

Ja, wir als Paar: Kopf in
Den Wolken, versessen
Aufs Leben, die Haare
Immer im Wind.
Alles vorbei und
Fast schon vergessen:
Die Jahre, die guten,
Die Jahre, die scharfen
Die Jahre, die hinter uns sind.