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Der etwas andere Schnüffler

Comic | Andreas: Privatdetektiv Raffington Event

Andreas‘ ›Privatdetektiv Raffington Event‹ ist nicht unbedingt der Mann fürs Grobe. Sein Spezialgebiet ist das Obskure: Fälle, bei denen man kaum einen Täter mit Namen nennen kann, falls es überhaupt einen geben sollte. Insofern ist er ein typischer Vertreter aus dem merkwürdigen Comic-Kosmos seines deutschen Urhebers, der zumindest in seiner französischen Wahlheimat schon lange zu den Großen gehört. Von CHRISTIAN NEUBERT

Raffington EventHartgesottene Detektive, die’s richtig drauf haben, tragen Namen wie Schlagringe – Namen, die griffig sind und sofort reinhauen. Sie heißen Sam Spade, Philip Marlowe oder Jake Gittes. Und gehen ihre Fälle mit coolem Kalkül an, die Kippe im Mundwinkel, den Hut tief im Gesicht. So einer – man hört’s eben schon am Namen – ist Raffington Event nicht. Zu sperrig, zu ungelenk, ausladend wie seine körperlichen Ausmaße: Nein, der detektivische Held, den Comic-Künstler Andreas geschaffen hat, gehört wirklich nicht zu jener Sorte Privatschnüffler, die uns der kulturelle Kanon als archetypisch verkauft.

›Privatdetektiv Raffington Event‹ ist ein rundlicher, gemütlicher Herr, der mit seiner zu großen Brille, seinen halblang nach hinten geklatschten Haaren und seinem voluminösen Schal eher als Kurator von Kunstevents durchgeht, als dass man ihm den Ermittler abnimmt. Bestimmt ist das aber auch eine große Stärke innerhalb seines Berufsfelds: Das Nicht-Erkannt-Werden, das Täuschen, das drüber-hinweg-Täuschen.

Untypischer Vertreter seiner Zunft

So wirklich ergiebig sind seine Ermittlungsarbeiten, die er mit gemächlichem Schritt zu Fuß unternimmt, dann allerdings auch nicht. Was aber nicht heißt, dass er’s nicht bringt, so als Detektiv. Er hat sehr wohl den richtigen Riecher. Dass er zum Abschluss seiner Arbeiten oft mehr Fragen aufwerfen muss, als dass er Antworten präsentieren kann, liegt in der Natur seiner Fälle. Raffington Events Spezialgebiet ist das Merkwürdige, Unerklärliche, Obskure und Okkulte. Er begegnet ihm mit der stoischen Ruhe eines Columbo, den es in Akte X-Settings verschlagen hat.

Im ersten Fall, den Raffington Event innerhalb Andreas‘ verschrobener Krimi-Miniaturen lösen darf, geht es um einen vermissten Familienvater, der allem vordergründigen Anschein nach das Opfer einer Alien-Entführung wurde – womit er praktischerweise einem Haftbefehl aufgrund illegaler Einwanderung entgeht, wie der aufmerksame Leser erfährt. Denn aufmerksam muss man schon sein. Raffington Event präsentiert keine detaillierte Auflösung à la Hercules Poirot, der einem aus einem Guss den kompletten Tathergang aus dem Ärmel schüttelt. Stattdessen teilt er seine Erkenntnisse und Einsichten fast gar nicht mit dem Leser. Man muss hier schon selbst A und B in Bezug setzen, muss genau aufpassen und eigene Schlussfolgerungen ziehen. Und kann sich dann trotzdem nur selten mit so etwas wie einer umfassenden Aufklärung rühmen.

Typischer Vertreter des Andreas’schen Erzählkosmos

Insofern ist Raffington Event dann doch ein ganz normaler Held in Andreas´ Comic-Kosmos. Er ist in erster Linie jemand, der lediglich hinsieht, anstatt zu tun. Er ist mehr Beobachter als Handelnder. Jemand, den Andreas als bloßes Vehikel für seine Erzählungen benötigt. Für Storys, die sich irgendwo zwischen Fantasy, Science-Fiction und leisem Horror einpendeln, die aber im Grunde außerhalb solcher Kategorien stehen. So, wie eben auch Raffington Event nie wirklich „drin“ ist, sondern neben seinen Fällen herläuft – und staunt, obgleich er sich nicht wundert.

Ins Staunen versetzt einen Raffington Event auch aufgrund seiner zeichnerischen Raffinesse. Andreas gehört unbestritten zur vordersten Garde der deutschen Comic-Künstler. Nicht umsonst lebt er seit Langem in Frankreich, wo er auch deutlich größeren Ruhm als hierzulande genießt. Dabei hat der in der damaligen DDR als Andreas Martens geborene, inzwischen 67-jährige Autorenzeichner erst mit 16 Jahren angefangen zu zeichnen. Studiert hat er sein Handwerk schließlich am Brüsseler Institut Saint-Luc.

Raffington Event - Leseprobe
Raffington Event – Leseprobe

Seine architektonischen Seitenlayouts, die ein Stück weit an Windsor McCay denken lassen, bergen detailverliebte Zooms, waghalsige Perspektiven und filmischen Drive, was gerade aufgrund der eigentlich zäh fließenden Dramaturgie der Geschichten eine ungewöhnliche Dynamik entfacht. Schön, dass der Verlag Schreiber & Leser, neben den längst überfälligen Gesamtausgaben von ›Cromwell Stone‹, ›Rork‹ und ›Capricorn‹ den deutschen Lesern nun auch die insgesamt zehn Episoden von ›Privatdetektiv Raffington Event‹ zugänglich gemacht hat. Zumal sie sich ideal eignen, um neue Leser an die ausgedehnteren, komplexeren Comics von Andreas heranzuführen.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Andreas: Privatdetektiv Raffington Event
Hamburg: Schreiber & Leser 2018
56 Seiten. 16,95 Euro
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| Andreas bei Schreiber & Leser

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