Ein kleines Großstadtabenteuer

Comic | Michael Cho: Shoplifter. Mein fast perfektes Leben.

›Shoplifter‹ heißt die deutsche Erstveröffentlichung des südkoreanisch-kanadischen Zeichners und Erzählers Michael Cho. Für ANDREAS ALT eine gut gemachte, vielversprechende Stilübung.

Shoplifter-coverDas Wichtigste an der Protagonistin in Michael Chos Comicerzählung ist das, was nicht über sie erzählt wird: Corrina hat keine Angehörigen, keinen Freund, keine Bekannten, nur Arbeitskollegen. Allein ihre Katze Anais bewahrt sie vor der absoluten Einsamkeit in ihrer schicken Wohnung in einer anonymen amerikanischen Großstadt.

Dass Einsamkeit das Leben der jungen Frau prägt, bekommt der Leser erst allmählich mit. In ihrem Job als Werbegrafikerin spielt sie ihre Rolle, smalltalkt mit ihren Kollegen, alles scheint normal. Dort fühlt sie sich aber am völlig falschen Platz: Sie hat Englische Literatur studiert und hatte ursprünglich in der Werbeagentur nur kurz arbeiten wollen, um ihren Studienkredit abbezahlen zu können. Sobald das geschafft war, wollte sie selbstbestimmt leben und Romane schreiben. Aber inzwischen fürchtet sie mitunter um ihren Arbeitsplatz, den sie doch hasst. Ihren Lebensstandard will sie nicht mehr aufgeben. Und den Kontakt zu ihrem früheren Freundeskreis hat sie verloren.

Der Autor erzählt eine vorgeblich unspektakuläre Geschichte im Stil einer amerikanischen Short Story – mit wenigen, überlegten Strichen skizziert er das Leben der Protagonistin. Dabei wirft er einen Seitenblick auf die Werbebranche. Der Agenturchef sieht sich und seinesgleichen als »Träumer des Kapitalismus« und redet sich damit die erbärmliche Anpreisung von überflüssigen Konsumartikeln (wie einem Parfüm für Kinder) schön. Corrina fällt bei einem Meeting ein wenig aus der Rolle, macht sich aber deswegen ganz unnötig Sorgen. Sie wird nicht gefeuert, ihr kooperativer Arbeitsstil und ihr »Talent« werden geschätzt.

Abb: Egmont-Verlag
Abb: Egmont-Verlag
»Shoplifter« ist übrigens das englische Wort für »Ladendieb«. Es handelt sich um eine kleine Schwäche, die sich Corrina leistet, um ab und zu wenigstens ein bisschen Nervenkitzel zu erleben, statt sich immerzu in ihrem falschen Leben eingefroren zu fühlen. Mit »Kleptomanie« hat die Neue-Deutsche-Welle-Band ›Extrabreit‹ schon Anfang der 1980er Jahre darauf hingewiesen, dass es dabei nicht um Bedürfnisbefriedigung geht, sondern einfach um ein kleines, relativ risikoloses Großstadtabenteuer. Und so ist es auch bei Corrina. Sie klaut Zeitschriften, mit stets der gleichen Masche in immer dem gleichen anonymen Supermarkt, um sich dabei ein wenig zu spüren.

In Deutschland ist Michael Cho, ein Südkoreaner, der derzeit in Kanada lebt, noch nicht mit Veröffentlichungen in Erscheinung getreten, hat aber in den USA bereits für Marvel gearbeitet. Sein sauberer, dekorativer, bis an den Rand des Realismus reduzierter Zeichenstil passt gut zu seiner Erzählweise in ›Shoplifter‹. Ungewöhnlich ist die Farbgebung, auf dem Cover beschränkt auf drei flächig angelegte Farbtöne, im Inneren sogar allein auf ein schreiendes Pink, das jedoch eingegrenzt ist durch schwarze Linien und Flächen (wie in vielen Büchern der 1950er Jahre, als Farbdruck noch sehr teuer war). Vielleicht kann man darin auch eine weitere Metapher für Corrinas Leben sehen.

Cho ist ein guter Stilist, sowohl in textlicher als auch grafischer Hinsicht, ›Shoplifter‹eine kleine Arbeit, die dennoch im Gedächtnis haften bleibt. Wie zu lesen war, will der Künstler sie mit vier weiteren Geschichten zu einem größeren Band zusammenfügen, einer Story-Anthologie sozusagen. Klingt vielversprechend.

| ANDREAS ALT

Titelangaben
Michael Cho: Shoplifter. Mein fast perfektes Leben
Berlin: Egmont Verlag 2015
96 Seiten, 14,99 Euro

Reinschauen
| Michael Chos Homepage

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