Öl, Wasser, Luft in Ordnung?

Roman | Wolf Haas: Junger Mann

Was treibt ein adipöser Zwölfjähriger zur Zeit der 1970er-Ölkrise im österreichischen Outback? ›Junger Mann‹ – der neueste Roman von Wolf Haas – trägt nicht die krude Kunstsprache und den skurrilen Stil der Brenner-Krimis, entpuppt sich jedoch als nostalgisch angehauchter Sommerroman mit reichlich Lokalkolorit. Erwärmt garantiert jeden eisigen Winterabend. Von INGEBORG JAISER

Wolf Haas - Junger MannJetzt ist lange nichts passiert. Etliche Jahre sind seit den legendären Brenner-Krimis verstrichen. Jahre einer möglichen Kreativpause, die der österreichische Autor Wolf Haas offenbar dazu genutzt hat, um über einen neuen Romananfang zu sinnieren. Und der geht dieses Mal so: »Mit vier Jahren brach ich mir zum ersten Mal das Bein.«

»Acht Jahre, vier Gipsbeine und eine Tonne Schokolade später« steht der inzwischen ziemlich pummelige Ich-Erzähler als Internatsschüler und Ferienjobber an einer Tankstelle, irgendwo im provinziellen Pinzgau. Noch jenseits des Stimmbruchs, doch dafür den roten Shell-Mantel recht moppelig ausfüllend, wird der Bursche mit der blonder Beatlesfrisur schon mal versehentlich als »junges Fräulein« angesprochen.

›Junger Mann‹ lebt von sorgsam gestreutem Lokalkolorit und dem Lebensgefühl einer vergangenen Zeit.

Doch das ist nicht der einzige Kummer des pubertierenden Sohns einer depressiven Mutter mit besonderem Geschick in »Proviantverpackungskunst« und eines gutmütigen Vaters, der grad seine Alkoholsucht in einer »Irrenanstalt« auskuriert. Ein Grundstock skurriler Charaktere ist auf jeden Fall gelegt.

Sommer in Orange

Beamen wir uns gedanklich zurück in die Siebziger. Es gibt noch den Autoput durch Jugoslawien, man raucht filterlose Austria Drei und hört Adriano-Celentano-Kassetten. Die Ölkrise führt zu autofreien Tagen und »Energieferien«, die der übergewichtige Halbwüchsige erst recht auf der Tankstelle verbringt. Es gibt ja trotzdem noch genug zu tun: Öl, Wasser, Luft – alles in Ordnung? Beim kunstvollen Scheibenwischen erscheint plötzlich ein wunderschönes weibliches Gesicht »im freigekratzten Feld ihres Eis-Heiligenscheins«.

Es gehört der Elsa – und die ist just die fesche, junge Braut des strizzihaften Truckers und Meisterschraubers Tscho, der wochenweise nach Teheran tourt und auch sonst recht undurchsichtigen Geschäften nachgeht. Lässig braust die Angebetete in ihrem orange lackierten R4 davon, einem knalligen Orange, das farblich verdächtig an die heimische, meist Unheil verkündende Personenwaage erinnert.

Tschick und Tscho

95 kg sind für einen halbwüchsigen Aushilfstankwart doch etwas zu viel. Da hilft nur eine strenge Diät, um die Elsa beim nächsten Treffen wirklich zu beeindrucken. »Schlank mit Wir«, benannt nach einer werktäglichen Fernsehsendung im Vorabendprogramm, verspricht schnelle Erfolge, dank einer erstaunlichen Kombination, die man heutzutage wohl Low-Carb und Intervallfasten nennen würde. Die Elsa mit dem »wunderschönen Dialekt des übernächsten Nachbardorfes« beißt an und bittet den etwas linkischen Jugendlichen, der zudem »mehrere Watschen zu gescheit« ist, um Englisch-Nachhilfe. Doch das zieht üble Verwicklungen nach sich. Oder, wie der Ich-Erzähler lakonisch bemerkt: »Und so kam es, dass ich in neun Wochen fünfzehn Kilo verlor und meine Unschuld.« Doch es ist nicht so, wie wir denken…

Für die nächste große Tour braucht der obercoole, zahnstocherkauende Teheranfahrer Tscho nämlich noch einen Übersetzer für Zollangelegenheiten. Na, wen wohl? Man startet in aller Herrgottsfrühe (»Eine Woche vor Ferienende zeigt die Waage 81,5 Kilo. Und das um halb vier Uhr früh. Hätte ich länger schlafen können, wäre das halbe Kilo auch noch weg gewesen.«), bepackt den Scania mit einem »Rucksack voll Essen nach Schlank mit Wir-Rezepten« und reichlich Schmuggelware im Ersatzreifen. Spätestens hier gleitet die bisherige Adoleszenz-Story in ein lässiges Road-Movie über, bei dem Herrndorfs Tschick gefühlt auf der Stoßstange mitreist – auch wenn das Ziel nicht die Walachei, sondern Griechenland ist.

Diätroman

›Junger Mann‹ lebt von sorgsam gestreutem Lokalkolorit und dem Lebensgefühl einer vergangenen Zeit. Von hintersinnigen Dialogen und österreichischem Wortwitz. Von den Nöten der Pubertät und der Euphorie des Reisens. Ganz nebenbei hat Wolf Haas ein neues Genre erfunden: den Diätroman.

In der zweiten Hälfte driftet die zuvor stringent erzählte Coming-of-Age-Story in seichte Untiefen ab, um nach einigen Umwegen dann doch noch in einem Happy End zu münden. Und das liegt ganz in der Nähe des Idealgewichts. Gern gibt Wolf Haas in Interviews – schelmisch lächelnd – die autobiographischen Züge seines Protagonisten zu. Wer dem heute fast schon spillerig dünnen Autor den pummeligen Teenager nicht abnimmt, denke ruhig mal an die eigene Jugend zurück, an analoge Waagen und orange Frotteebezüge.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Wolf Haas: Junger Mann
Hamburg: Hoffmann und Campe 2018
237 Seiten. 22,00 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Wolf Haas in TITEL kulturmagazin

 

 

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Und ein Ententier spielt Klavier

Nächster Artikel

Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Ein unschlagbares Duo

Jugendbuch | Jonathan Stroud: Bartimäus

Es nimmt kein Ende mit den Zauberer- und Hexenbüchern – aber wenn jemand mal wirklich eine gute, neue Idee hat wie der Engländer Jonathan Stroud im ersten Buch seiner Bartimäus-Trilogie, stürzt man sich voller Eifer auch gern mal wieder in ein Zauberabenteuer. Von ANDREA WANNER

Wo ist das Fleisch in der Suppe?

Roman | Sibylle Lewitscharoff: Von oben Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die im Frühjahr ihren 65. Geburtstag gefeiert hat, ist in den letzten Jahren nicht aus den Schlagzeilen heraus gekommen. Ihr wurden für ihre stets sehr kopflastigen Erzählwerke fast alle wichtigen Literaturpreise im deutschsprachigen Raum verliehen (u.a. 2013 der Georg-Büchner-Preis), und im März 2014 wurde sie nach ihrer mehr als umstrittenen Dresdner Rede im Staatsschauspiel zur Zielscheibe der Kritik. Von PETER MOHR

Doppelte Banknote und der Tote im Tunnel

Roman | Martin Suter: Montecristo »Ich versuche jedes Mal ein Buch zu schreiben, das mir gut gefällt. Damit bin ich immer gut gefahren, weil ich offenbar selbst einen populären Geschmack habe.« So hat der inzwischen 67-jährige Schweizer Autor Martin Suter sein Erfolgsrezept und seinen späten literarischen Triumphzug zu erklären versucht. Jetzt erscheint sein neues Buch Montecristo. Gelesen von PETER MOHR

Keine Pause, keine Ruhe, keine Kraft

Roman | Lukas Bärfuss: Die Krume Brot

»Welchen Faden ich auch immer aufnehme, hinter der nächsten oder spätestens der übernächsten Ecke führt er zu einem Massengrab«, hatte der 52-jährige Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss in seiner Dankesrede erklärt, als er 2019 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. Soeben ist sein neuer Roman Die Krume Brot erschienen. Von PETER MOHR

Ärztin in Not

Roman | Kristof Magnusson: Arztroman Endlich mal ein Motto von Heidi Klum! Ihr »Nein!« hat Kristof Magnusson – neben einem Albert-Schweitzer-Zitat, damit die erste Seite nicht komplett ins Triviale abrutscht – seinem Arztroman vorangestellt. Nachdem uns der Mann mit den isländischen Wurzeln in seinem letzten Buch hochamüsant die weltweite Finanzkrise nahegebracht hat (Das war ich nicht, Kunstmann 2010), kümmert er sich diesmal – erzählerisch nicht weniger elegant und mindestens genauso sorgfältig recherchiert – um die Krisenfälle im menschlichen Alltag einer Berliner Ärztin. Von DIETMAR JACOBSEN